Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1889)
- Date
- 1889-02-07
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
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94 Verein deutscher Studenten, dessen einzige Daseinsberechtigung nach seiner Meinung nur in der Pflege des Antisemitismus bestehe und erklärte es für eine Schmach, daß ein solcher Verein an einer deutschen Universität existire. Ich verwahrte mich sofort gegen diese Anschuldigung des Vereins, welchem ich angehörte und erklärte, daß der Verein deutscher Studenten nicht so eingebildet sei, die nationale Idee für sich allein in Anspruch zu nehmen, sondern wir haben das Ziel vor Augen, die gesummte Studentenschaft mit diesem nationalen Geist zu erfüllen, und es sei des Vereins Ideal, daß es künftig nicht mehr nöthig sein sollte, daß ein besonderer Verein deutscher Studenten existirt. Bluhm wiederholt aber diese Vorwürfe und schloß seine Worte mit der Bemerkung: „Jeder anständige Student müsse ein solches Treiben verachten." Ich überlegte mir erst, ob ich darauf überhaupt antworten sollte, da es mir so vorkam, als ob Bluhm seine Angriffe mit Vorbedacht auf den Verein schleuderte und als ob er eine sachliche Erwiderung überhaupt gar nicht erwartete. Ich ent-; schloß mich aber doch zu einer sachlichen Entgegnung. Ich erklärte, daß ich es bedauerte, daß die Politik in den Ausschuß getragen werde, coustatirte aber, von welcher Seite dies ausgehe. Ich gab zu, daß die uns gegenüberstehenden Studenten anständige Menschen seien, verwies aber darauf, daß außerhalb der akademischen Kreise es viele anständige Menschen gebe, die auf unserer Seite gehen. Der Verein deutscher Studenten verfolgte nicht blos den Antisemitismus, sondern habe auch noch andere Tendenzen. Der Verein nehme den nationalen Gedanken nicht für sich allein in Anspruch, wenn es aber Vorkommen könne, daß ein deutscher Student, wie dies in Leipzig vorgekommen, auf Grund des Socialistengesetzes ausgewiesen werden mußte, so beweise dies daß die nationale Gesinnung unter den Studenten noch nicht genügend verbreitet sei. Wir trügen mit Stolz die Ehren, die man uns entgegenbringe, scheuten aber auch nicht vor den Wunden zurück, die man uns zu schlagen trachtet. Dann ging es, nachdem der Vorsitzende des Ausschusses die persönlichen Auseinandersetzungen abgeschnitten, zur Tagesordnung über. Ich hatte mit mehreren Studenten einen Ehrenhandel, und Bluhm erklärte in einem dieser Fälle mein Verhalten als inkommentmäßig und sagte, daß ich bei solchem Gebühren doch kein Amt im Ausschüsse annehmen sollte. Ich erklärte, daß ich keine Veranlassung habe, mich dieserhalb mit Herrn Bluhm auseinanderzusetzen, daß ich aber die Unverfrorenheit bewundere, mit denen er seine Behauptungen aufstelle. Ich! wurde dann vom Stud. Loose veranlaßt, diesen Ausdruck! als unparlamentarisch zurückzunehmen, versuchte denselben des! Weiteren zu erläutern und erklärte, daß die Aeußeruugen! des Herrn Bluhm entweder auf grober Unwissenheit oder! auf grober Unverschämtheit beruhen müßten. Auch dies j wurde vom Vorsitzenden als uuparlameutarisch bezeichnet.! Dann verlangte der zweite anwesende Vertreter des Vereins deutscher Studenten, stuck. Saenger, daß auch Herr Bluhm seine schweren Beleidigungen gegen den Verein zurücknehmen nlüsse. Er behauptete, daß Bluhm gesagt habe, es sei eine Schmach für jeden Studenten, diesem Vereine anzugehören. Bluhm protestirte dagegen, indem er behauptete, er habe nur gesagt, daß es eine Schmach sei, daß ein solcher Verein überhaupt existire. Was die andere Version betrifft, so wolle er auch nicht das Gegentheil behaupten, sondern lasse seine Ansicht darüber offen. Am nächsten Tage beschloß ich im Verein mit Saenger, eine Forderung an Bluhm überbringen zu lassen. Der stuck, jur. Nickel übernahm das Amt eines Cartellträgers. Als das Verlangen, die schwere Beleidigung zurückzunehmen, abgelehnt wurde, wurde die Forderung überbracht, und zwar auf gezogene Pistolen, zehn Schritt Distanz und bei dreimaligem Kugelwechsel. Ich hielt mich zu dieser schweren Bedingung verpflichtet, als Vertreter des so schwer beleidigten Vereins. Die Verhandlungen scheiterten und die Forderung wurde angenommen. Der erste Kugelwechsel fand am 6. December früh 6 Uhr in Waidmannslust statt, wurde aber durch die Dazwischenkunft eines Gendarmen gestört. Der zweite Kugelwechsel fand am 11. December früh im Grnnewald statt. Vor dem Beginn machte der Unparteiische mehrmals Versöhnungsversuche. Er wandte sich zunächst an Bluhm als den Beleidiger, dieser wies aber eine Versöhnung mit dem Bemerken „Bedauere" zurück, ich erklärte, daß ich zur Versöhnung bereit sei, unter der Bedingung, daß die Beleidigung vorher zurückgenommen würde, daß ich andernfalls aber darauf verzichten müsse. Nach diesem Kugelwechsel wurden nochmals wiederholte Versöhnungsversuche gemacht, welche aber von Bluhm für inkommentmäßig erklärt wurden. Ich wurde gefragt, ob ich in vollem Umfange die Forderung aufrecht erhalte, und ich erklärte, dies thun zu müssen, da die Beleidigung den Eindruck einer ganz kaltblütigen Provocation mache. Dann folgte der dritte Kugelwechsel, bei dem Bluhm fiel. Ich bat meinen Secundanten, dem Gefallenen meinen letzten Gruß zu überbringen und ihm zu sagen, daß nicht persönliche Motive mich zu dem Duell getrieben, sondern daß ich für die Ehre meines Vereins eintreten mußte. Ich halte die Beleidigung, die sich gegen den Ausschuß der deutschen Studenten richtete, für so schwer, daß wohl selten ein triftigerer Grund zu einer Forderung vorlog, wie im vorliegenden Falle. Außerdem bin ich überzeugt, daß mein Freund Saenger anstatt meiner eingetreten wäre, wenn ich auf den dritten Kugelwechsel verzichtet hätte, unb ich konnte ihn nicht der Gefahr aussetzen, von der Kugel getroffen zu werden, die vielleicht für mich bestimmt war. Präs.: Ist es richtig, daß Sie mehrmals beim Canzleidirektor Drabert gewesen sind, um Einlaßkarten zu dieser Verhandlung zu erhalten? Angekl.: Ja, ich wünschte, daß meine