Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1889)
- Date
- 1889-02-07
- Page
- Seite 93 (sequence 13)
- Language
- German
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93 scheu Kolonien besitzen mußte. Die ersten Friedhöfe sind verschwunden; jedoch hat man durch Inschriften das Andenken an zwei Rabbinen bewahrt, an Jsaac Berfet ben Chochet, der im Jahre 1409 starb, und an Simon Duran, der 1442 verstarb. Sie genossen großes Ansehen und die Werke von Simon Duran umfassen alle Zweige der jüdischen Wissenschaft im Mittelalter. Was die Inschriften betrifft, welche man im Hafen von Algier auf Marmortafeln liest, so sind sie alle modern.x) 1) Simon Duran — nicht zu verwechseln mit Profiat, Salomon und Zemcrch Duran — floh 1391 aus Spanien, wo sehr traurige Judenverfolgungen stattfanden, nach Algier, wo er 1441 im 81. Lebensjahr verschied. Er war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller; als sein bedeutendstes Werk wird das dreibändige, religionsphilosophische rvüN po erachtet. Redact. Ieuit Die Gerichtsverhandlung über den Fall Gluhrn. Die Tödtuiig Bluhm's im Duell durch den Vertreter des antisemitischen Studentenvereins, Stud. Sichler zu Berlin, hat so viel Theilnahme gefunden, daß wir den Verlauf der am 26. Januar stattgefundenen Gerichtsverhandlung hier wiedcrgeben müssen, und zwar nach dem Berichte der „Voss. Zeitg." Einen Commentar, namentlich über die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft, brauchen wir nicht zu geben. Die Erbitterung, die durch das Flugblatt des sog. deutschen Studentenvereius im Gemüthe Bluhm's hervorgerufen sein mußte, fand in der Verhandlung nach dem Berichte keine Erwähnung und Erörterung. Derselbe lautet: Der unglückselige Zweikampf, welchem der Candidat der Medicin Bluhm zum Opfer gefallen ist, beschäftigte gestern im großen Schwurgerichtssaale zum Moabit den Schwurgerichtshof des Landgerichts II. Die Theilnahme, welche i» weiten Kreisen diesem Proceffe cntgegengebracht wird, zeigte sich in gewaltigem Andrange nach der Stätte des Gerichts. Schon lange vor der auf 10 Uhr Vormittags festgesetzten Stunde waren die den Zuhörern zur Verfügung stehenden Plätze sowohl im unteren Saale, als auch in den Logen dicht besetzt, und nach der Zahl der Einlaß Begehrenden hätten die weiten Räume doppelt so groß sein können. Unter den Zuhörern überwogcn die Vertreter der akademischen Welt, aber auch zahlreiche Damen hatten sich eingefunden; anwesend war im Saale auch der Universitätsrichter Geh. Rath Daude. Der Gerichtshof wird gebildet aus Herrn Landgerichtsrath Herzog, als Vorsitzendem, Landgerichtsrath Voitel und Landrichter v. Winterfeld, als Beisitzern. Die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Hacker, die Verrheidigung führt Rechtsanwalt vr. Sello, der in Folge eines Unfalls den rechten Arm in der Binde trägt. Der Angeklagte, ein hoch emporgeschossener junger Mann mit bartlosem, blassen Gesicht, giebt auf Befragen an, daß er Karl Otto Max Eichler heißt, Geschichte studire, in Folge des unglücklichen Zweikampfes aber auf der hiesigen Universität nicht mehr immatriculirt sei. Er ist am 4. Juli 1868 in Bublitz in Pommern geboren, seine noch lebende Mutter wohnt in Pasewalk; er ist 1 e t o n. unter fünf Geschwistern der älteste. Die Zahl der geladenen Zeugen beträgt 11. Als gerichtlicher Sachverständiger ist der Kreisphyjikus Prof. Dr. Falk zur Stelle. Nach Ausloosung der Geschworenen beginnt das Jnquisilorium. — Präs.: Bekennen Sie sich schuldig, im Sinne der Anklage nach 8 106 des St.-G.-B.? Angekl.: Ja. Präs.: Sie geben also zu, am 11. Deeember 1888 im Grunewald den eand. med. Bluhm im Zweikampf getödtet zu haben? Angekl.: Ich gebe es zu, bestreite aber den erschwerenden Umstand, daß verabredet worden, daß einer der Gegner auf dem Platze bleiben müsse. Präs.: Dann geben Sie uns zunächst einmal eine kurze Skizze Ihres Lebenslaufes. Angekl.: Ich bin in Bublitz am 4. Juli 1868 als der Sohn des Superintendenten Eichler geboren, besuchte später die Schule zu Neckermünde, dann das Gymnasium und wurde im Jahre 1886 Student. Ich ging zunächst nach Berlin, besuchte dann die Universität Tübingen während eines Semesters, studirte zwei Semester in Halle und kehrte dann wieder nach der Berliner Universität zurück. Während meiner ganzen Studiumszeit habe ich dem Verein deutscher Studenten angehört. Präs.: Nun kommen Sie zu dem Falle, der das Duell zur Folge hatte. Angekl.: Ich gehörte dem Ausschüsse des Vereins deutscher Studenten an und nahm als solcher an einer Sitzung des Ausschusses Theil, die am 1. Deeember, Mittags 12 Uhr stattfand. Es handelte sich um neue Facultätswahlen und die verschiedenen Parteien hatten Flugblätter herausgegeben, in welchen sich u. A. auch Angriffe auf den bisherigen Vorstand befanden. Ich bat um's Wort zur Geschäftsordnung und führte aus, daß Flugblätter überhaupt nicht in den Ausschuß gehörten, da die Wahrheit ihres Inhaltes doch nicht geprüft werden könne. Nach längerer Debatte meldete sich Bluhm zum Wort, nm welches er schon vorher gebeten hatte. Er erklärte, daß er sich gedrängt fühle, vor seinem Scheiden aus dem Ausschüsse noch einige Worte an die Kommilitonen zu richten. Es habe ihn unangenehm berührt, zu bemerken, daß antisemitische Tendenzen an der Universität sich so breit machen konnten, er habe sich gefreut, daß diese Bewegung im Niedergange begriffen sei und sei nun um so mehr erstaunt über die Flugblätter. Er wandte sich alsdann gegen den