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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-02-07 · Heft 6 (7.2.1889) · p. Seite 85

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 6 (7.2.1889)
Date
1889-02-07
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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85 Eifer und die Schaffensfreude der Begeistertsten selbst nachlasten, ja schwinden mußte? Um so erfreulicher ist der Aufschwung, den die jüdische Literatur in den osteuropäischen Ländern, besonders in Rußland und Galizien in jüngster Zeit genommen. Diese verabscheuten polnischen und russischen Juden mit ihren zottigen Bärten und triefenden Locken, die gemeiniglich als eine Carricatur des jüdischen Stammes angesehen werden, haben eine Menge geistiger Urkraft bewahrt, von der wir eine Neublüthe der jüdischen Literatur erwarten dürfen. Diese verachteten, vom Schicksal verfolgten Menschen, mit ihrer verrenkten Sprache und ihren abstoßenden Manieren, die wir als das Prototyp geistiger Zurückgebliebenheit und Verkommenheit zu betrachten gewohnt sind, beschäftigen sich mit den neuesten und schwierigsten Fragen der Wissenschaft, mit der Lösung von Problemen, von deren Existenz viele Gebildete des Westens gar keine Kenntniß haben. Da schreibt ein gewisser Ahron Marens, so ein polnischer Jude, in Winniki, einem galizischen Neste, ein Buch: „Hartmann's induetive Philosophie int Chassidismus (Wien 1888, Verlag und Druck von Moritz Waitzner)", das von einer imponirenden Belesenheit, nicht nur im Talmud und in den kabbalistischen Schriften, sondern auch in der neuesten wissenschaftlicken Literatur, zeugt, in dem, neben Moses Ch. Luzalto, Darwin und Du Prel, neben dem Magid Mescharim, Du Bois-Reymond und Wallace citirt werden. Es ist rührend, wie der Verfasser bittet, „den Mangel der wissenschaftlichen Behandlung, der Sprache und des Stiles einem Autodidacten nachzusehen, welcher ohne Behelfe in einem galizischen Dorfe mit jüdisch-schwäbischpoluisch-ruthenischer Umgangssprache schreibt", und dieser Ahron Marcus, mit seinem gar so unscheinbaren Namen, mag von dem Bewußtsein der geistigen Inferiorität eines polnischen Juden gar nicht durchdrungen sein, indem er sagt: „der Talmud, den ein polnischer Judenknabe mit sechs Jahren nebst den schwierigsten Commentaren zu lesen im Stande ist, bleibt ein Buch mit sieben Siegeln für den arischen Geheimrath, der als berufener Sachverständiger das Geständnis ablegt, daß er erst einen Tag nach seinem Tode im Stande sein werde, ein Urtheil über dieses Buch abzugeben, weil es ein Menschenleben erfordert, um davon ein Blatt lesen zu können." Daß es aber nicht eine dem Leben abgewandte unfruchtbare Denkthätigkeit von Bücherwürmern ist, der wir eine allgemeine Bedeutung zuschreiben, daß es nicht vereinzelte Erscheinungen sind, die uns zu diesem günstigen Urtheil veranlassen, beweist der Umstand, daß in den genannten Ländern eine Literatur im Entstehen begriffen ist, die nur ein allgemeiner Culturdrang hervorzubringen im Stande ist. Die Verheißung, daß Japhet in den Zelten Schems wohnen werde, scheint sich in der von der Tradition diesem Schriftworte beigelegten Bedeutung wieder einmal zu erfüllen. Fast sämmtliche Wissenschaften haben in diesen eulturfeindlichen Gegenden eifrige und berufene Pfleger gefunden und es verdient wahrlich anerkannt zu werden, daß hochbetagte Männer ihre Kräfte ausschließlich der Bereicherung unserer Literatur widmen. Es gehört kein geringes Maß von Genialität dazu, das kleine auf uns gekommene hebräische Sprachgut in einer Weise zu verwerthen, daß auch die modernsten Begriffe in einem biblischen Worte ihre adäquateBezeichnung finden. Das Erscheinen eines groß angelegten, bändereichen hebräischen Conversationslexicons ist eine literarische Thatsache, deren Beweiskraft wohl nicht bezweifelt werden kann! So werden wir denn aufhören müssen, dieses neue, jugendfrische, kraftstrotzende Geistesleben unseres Stammes in ganz unbegründeter Vornehmheit zu übersehen und ihm die Anerkennung und Würdigung 311 Theil werden lassen, die es vollauf verdient. Zu diesen Erwägungen aber wurden wir unter Anderen von den in den letzten Jahren erschienenen hebräischen Jahrbüchern (Xn686tll Jisrael, ha-Kcrem, ha-Asiph) angeregt, denen sich nun in würdiger Weise der vorliegende zweite Jahrgang des Ozar ha-Siphruth (Magazin für hebräische Literatur und Wissenschaft, Poesie und Belletristik, Jaroslau 1888) von Ersig Gräber anreiht. Welch' eine Fülle und Mannigfaltigkeit des Inhalts! Da werden in den verschiedenen Abtheilungen Zeüfrageu und wissenschaftliche Probleme behandelt, der jüdischen Geschichte neue Quellen erschlossen, Anderes in vorzüglicher Uebersetzung einem nur Hebräisch verstehenden Lesepublieum zugänglich gemacht, die Bibelexegese durch selbständige Beiträge und Veröffentlichung alter Commentare gefördert, kritische Untersuchungen über Mischnah und Talmud angestellt, religionsphilosophische Schriften textkritisch behandelt, hierzu kommen noch Biographien, poetische Beiträge rc., keine einzige Disciplin der jüdischen Wissenschaft geht leer aus und es sind zumeist Arbeiten von bleibendem Werthe, die uns dargereicht werden. Daß hie und da auch manches Werthlose mit unterläuft, ist bei dem starken Umfange des Buches (es zählt fast 900 Seiten Großoctav) nicht anders denkbar, im Großen und Ganzen ist es eine erlesene Gesellschaft, zu der auch Männer von bedeutendem Ruf gehören, die hier Zusammenkunft gehalten. Es kann nicht unsere Absicht sein, auf Einzelnes einzugehen oder auch nur das Jnhaltsverzeichniß hierher zu setzen und schließen wir auch mit dem Wunsche, daß das Jahrbuch weite Verbreitung und zahlreiche Leser, der Herausgeber aber die gehörige Unterstützung und Förderung zu weiteren literarischen Unternehmungen finden möge.

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