Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1889)
- Date
- 1889-02-07
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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84 und der Meinung sind, daß jeder Rabbiner und Lehrer verpflichtet ist, für die Herstellung einer solchen Schulbibliothek, die auch als Gemeindebibliothek wirken kann, nach Kräften zu streben und bei ihren Gemeinden anzutragen, daß dafür eine Summe auf den regelmäßigen Etat gebracht werde. Für die ersten Anschaffungen wird an vielen Orten eine Sammlung freiwilliger Beiträge die Geldmittel verschaffen. Man merke wohl, daß die Lectüre guter jüdischer Schriften positiv und negativ segensreich wirkt, positiv, weil sie die religiösen und sittlichen Begriffe und die Vorstellungen vom Judenthum und seiner Geschichte aufklärt, bereichert und stärkt; negativ, weil sie der gegenwärtig unerreicht feindseligen Literatur, den nur zu häufigen Angriffen in Büchern und Zeitschriften nachdrücklich entgegentritt. Darum ist eine solche Bibliothek und deren Benutzung eine wesentliche Ergänzung des Religionsunterrichtes und der Predigt. Nicht zu den unbedeutendsten Leistungen würde es gehören, daß, wenn diese Bibliotheken zahlreich würden, durch den Ankauf für dieselben das Erscheinen neuer Schriften befördert würde. Denn wenn in den letzten Jahren gerade für solche Bibliotheken passende Schriften nur in sehr geringem Maße ans Licht getreten, so ist der Mangel an Absatz die gewichtige Ursache. — Zu den, in Nr. 2 angeführten belletristischen Schriften haben wir hinzuzufügen: Miß Grace Aguilar, Henriquez Morales, Disraeli, David Alroy, und Wassermann, Juda Tvnro (2 Bände). Diese sind vom „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" herausgegeben worden, das letzte derselben ist in 2. Auflage in Stuttgart erschienen. Mit Recht betont unser Correspoildent, daß im gedachten Berzeichniß die belehrende und unterrichtende Literatur so gut wie unberücksichtigt geblieben, und was er an solchen Schriften anführt, ist gewiß empfehlenswerth. Wir fügen heute hinzu: Kayserling, Moses Mendelssohn, sein Leben! und Wirken, 2. vermehrte und neu bearbeitete Auflage (Leipzig, Mendelssohn, 1888). Kayserling, die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst (Leipzig, Brockhaus, 1879). PH. Philippson, biographische Skizzen (Leipzig, Leiner, 1865 und 66). Gustav Karpeles, Geschichte der jüdischen Literatur (Berlin, Oppenheimer). Straßburger, Geschichte des Erziehungswesens bei den Inden (Stuttgart, jetzt von Jakobson in Breslau zu beziehen). Philippson, Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam (2. Auflage, Leipzig, 1874). Selbstverständlich bildet sich hier eine Grenzlinie, theils wo die Behandlung schon philosophisch zu werden beginnt, theils wo zu sehr in Details und gelehrte Forschung eingegangen wird. Auch von Herrn Buchhändler Hugo Jakobson in Breslau erhielten wir eine Zuschrift. Er bemerkt, daß der Verfasser der „Kreuzfahrer und die Juden", der sich (Nr. 50 des Verzeichnisses von Münz) Rispart nannte, Dr. Franeolm war, und daß Nr. 60 statt „Birnkorn" zu lesen sei „Bimkom". Von den Büchern, die er anführt, seien hier erwähnt: Heller (Direetor der israelitischen Blindenanstalt in Wien), Erzählungen, 12 Bändchen — die wir nicht kennen, und Louise Pichler, Erzählungen, die wir ihrer Zeit ebenfalls empfahlen, da, obschon die Verfasserin keine Jüdin ist, sie doch im judenfreundlichsten Sinne schreibt. Groß-Kauisza, 20. Januar. Entlegene Eulturen. Von Dr. Ed. Neumann. Es ist eine betrübende Erscheinung, daß die Wissenschaft des Judenthums in den Ländern deutscher Zunge von Tag zu Tag an Boden verliert. Die jüdische Literatur verzeichnet einen Verlust nach dem anderen, und es scheint uns sogar die Aussicht benommen, für die erlittene Einbuße durch anderweitigen Ersatz entschädigt 311 werden. Die alten, in der Pflege unseres Schriftthums ergrauten Arbeiter haben in ihren Leistungen oft die Vielseitigkeit und Unermüdlichkeit ganzer gelehrter Körperschaften dargestellt, die beschämende Dürftigkeit des Nachwuchses, die große Armuth der Gegenwart scheint auf eine Erschlaffung und Entnervung hinzudeuten, die uns mit Bangen für die Zukunft erfüllt. Die von Zacharias Frankel begründete „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" hat nach 36jährigem Bestände zu erscheinen aufgehört, uicht etwa weil sümmtliche Probleme der in dieser Zeitschrift bearbeiteten Disciplinen bereits ihre eudgiltige Lösung gefunden hätten, sondern — ein Zeichen der Zeit — aus Mangel an Mitarbeitern und Lesern. Und es ist gar nicht anders möglich, als daß die Wissenschaft des Judenthums ein kümmerliches Dasein fristet, da ein Laienthum sich zu entwickeln beginnt oder vielmehr bereits herangewachsen ist, das Allem, was nur nach Theologie schmeckt, mit vornehmer Theilnahmslosigkeit den Rücken wendet und die Gottesgelahrtheit mit seltener Großmuth denjenigen überläßt, die vermöge ihres Berufes die großmächtigen, uralten, unheimlichen Folianten studiren müssen, die für das Leben gar keine Bedeutung hätten. Noch vor einigen Jahrzehnten wurde das Erscheinen eines guten Buches auch von „Laien" wie ein frohes Ereigniß begrüßt und Jedermann hielt es für religiöse Pflicht, ein Mäcenatenthum zu üben, das eine jüdische Academie sehr gut ersetzte und ganz und gar entbehrlich machte. Wie ist dies anders geworden, welch' eine Wandlung in so kurzer Zeit! Ist es nicht naturgemäß, daß Angesichts dieser Theilnahmslosigkeit der