Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1889)
- Date
- 1889-01-31
- Page
- Seite 78 (sequence 14)
- Language
- German
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78 Ieuitte 1 on. Äus den Erinnerungen eines Ärzles. v.-) Sie fragen mich, ob ich in den vierzig Jahren meiner Praxis in meiner jüdischen Clientele Veränderungen in Sitte, Lebensweise und Anschauungen wahrgenommen habe. Nun habe ich es mir stets zur Pflicht geinacht, meine Kranken und Pfleglinge und deren Umgebungen sorgsam zu beobachten. Denn nicht selten geben uns die Eigenthümlichkeiten ihrer Lebensweise und ihrer Gepflogenheiten den besten Aufschluß über die Ursachen ihrer Erkrankungen und Winke für den sichersten Weg der Heilung. Daraufhin vermag ich wohl Ihre Frage zu beantworten. Vierzig Jahre sehen einen Wandel der Geschlechter: die Alten gehen dahin, die Mittleren werden Greise, die Jüngeren beginnen zu altern und die Jüngsten wachsen heran und treten in den Vordergrund. Die Veränderungen, die da stattfinden, erscheinen nur wenig an denselben Persönlichkeiten, aber sie machen sich geltend, Geschlecht nach Geschlecht. Und da bekundete sich bei meinen jüdischen Schutzbefohlenen allerdings eine allmähliche Umwandelung. Jene alten Leute, zu welchen ich in der ersten Periode meiner ärztlichen Thätigkeit gerufen wurde, standen unerschütterlich fest auf dem Boden der überkommenen Satzungen und Bräuche. Sie glichen sicherlich ihren Vätern aus den vergangenen Jahrhunderten, und nichts vermochte sie auch nur den kleinsten Schritt von den ihnen geheiligten Gewohnheiten abzubringen. Ihre Erscheinung war die altfränkische, ihre Tracht ging auf verjährte Moden zurück, ihre Sprache war der aus dem Reiche stammende Jargon mit vielen hebräischen Ausdrücken versetzt, die unsereinem das Verständniß recht oft schwer machte, auch wohl Mißverständnisse und komische Scenen hervorrlef. Allerdings hatten sie schon den Geruch heranrückender Neuerungen, aber sie wandten sich diesen ganz entschieden, bisweilen auch fanatisch ab. — Jahre vergingen und das unterdeß alternde Geschlecht war schon anders. Für ihre Personen und in ihrem Hause hielten sie die alten Bräuche fest und gaben sich gern dem Wehen des religiösen Geistes hin. Aber außerhalb ihres Hauses und für die Heranwachsende Jugend waren sie schon viel nachsichtiger, und man konnte bereits voraussehen, daß Vieles von der früheren Strenge weichen, ja daß eine völlige Wandelung eintreten werde. Denn die Jugend, die sie erzogen, athmete keine Lust an den alten Institutionen und machte sich allmählich frei davon. Sie war in den öffentlichen Schulen, ein großer Theil in den Gymnasien und höheren Lehranstalten gebildet, sie hatte sich in Erscheinung und Sprache der gebildeten Welt angeschlossen, und ihre Ansichten gingen dahin, da sie alle eigenthümlichen Merkmale des Judenthums von sich entfernen mußten. So lange dieses jüngere Geschlecht noch in dem elterlichen Hause weilte, nahm es Rücksicht, namentlich auf die älteren Verwandten und deren Wünsche. Sobald sie aber ein eigenes Haus gegründet hatten, beseitigten sie alle jüdische Sitte, alle religiösen Bräuche aus demselben und stellten an den Gottesdienst mehr oder weniger entschiedene Forderungen der Neugestaltung. Ich brauche nicht hinzuzufügen, was das Resultat hiervon für ihre Kinder und deren Erziehung ward. Alles dies hat sich als eine Entwickelung herausgebildet, die von Niemanden ausgegangen, durch Niemanden gefördert, als ein einfacher Verlauf der einmal impulsirten Entwickelung. Eine Bemerkung, die mich oft verwundert hat, will ich Ihnen nicht vorenthalten. Während in anderen Confessionen die Frauen als die eigentlichen Stützen der Strenggläubigkeit, als die Pflegerinnen der kirchlichen Satzungen, ja selbst des Aberglaubens gelten, fand ich, daß die jüdischen Frauen vorwiegend der Religiosität sich entfremdet haben, so daß nicht selten die Männer durch jene von den altgewohnten Sitten und Bräuchen mit einer gewissen Nöthigung abgeleitet werden. Ich fragte einst Ihren Rabbiner, wie diese eigenthümliche Erscheinung zu erklären wäre? Er erwiderte mir, die Ursache liege in dem Umstande, daß in den früheren Zeiten und auch von seinen unmittelbaren Vorgängern der religiöse Unterricht des weiblichen Geschlechtes vollständig vernachlässigt worden. Die Töchter erfuhren von der Religion, ihren Lehren und ihrer Geschichte, von der h. Schrift und deren Inhalt nichts, gar nichts, und ihre religiöse Erziehung bestand lediglich außer dem Lesen des Gebetbuches, von welchem sie aber kein Wörtchen verstanden, in dem, was sie von ihren Müttern sahen und hörten, die Vorschriften der Küche, des Sabbaths und der Feste und andere Ceremonien, selbstverständlich ohne daß ihnen über die Bedeutung dieser irgend eine Unterweisung gegeben wurde; selbst von dem eigentlichen Religionsbekenntniß empfingen sie keine Ahnung. Der Rabbiner versicherte mir, daß gegenwärtig die größten Anstrengungen gemacht werden, diesem Uebelstande abzuhelfen und das Herz der weiblichen Jugend den Gefühlen der Religion, ihren Geist den Lehren der Religion wieder zuzuführen, welche Gefühle und Lehren dem weiblichen Herzen so natürlich und unentbehrlich sind. Jndeß ging diese Wandelung nicht immer ohne alle Conflicte vor sich, und in mancher Familie stellte sich Zwietracht und Streit in ihrem Gefolge ein. Ich erinnere nlich eines ganz besonderen Falles. Eine der strengsten Orthodoxie ergebene Familie hatte einen einzigen wohl« 1) S. Jahrg. 1888, S. 797. 797. 829.