Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1889)
- Date
- 1889-01-31
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 don's in die Lage kamen, ihre religiösen und philanthropischen Institutionen weiter auszubauen und zu vermehren. Dr. Asher's öffentliche Wirksamkeit erstreckte sich aber auch weit über die Interessen seiner Gemeinde hinaus. Im Jahre 1875 machte er mit Samuel Montague, gegewärtigem Parlamentsmitglied und begeistertem Anhänger des Judenthums, eine Reise nach Jerusalem, um über die dortigen Armenverhältniffe eingehende Untersuchungen anzustellen. In seinem durch Frcimuth sich auszeichnenden Bericht an das Comite, welches ihn entsandt hatte, führte er die trostlosen Zustände unter den Juden in Jerusalem auf die gänzlich vernachlässigte Erziehung derselben zurück und bewirkte die Errichtung der Lioncl Rothschild'schen Schule daselbst. Als aus Veranlassung der russischen Judenverfolgungen im Jahre 1882 das bekannte Mansion House Committee sich constituirte, wurde Dr. Asher als einer der ersten in dasselbe gewählt. Die ungeheure Arbeitslast des Comite's lud er fast ausschließlich auf seine Schultern. Erwar es auch, der mit Montague und Sir Laurence Oliphant sich nach Lemberg und Brody begab, um unter den dahin geflüchteten russischen Juden das Hilfswerk zu organisiren — ein Unternehmen, welches mit unsäglicher Schwierigkeit und aufreibender Arbeit verbunden war. Seine warme Hingabe für das Wohl seiner unglücklichen Glaubensgenossen aus Rußland veranlaßte ihn auch zwei Jahre darauf, den Auftrag des Mansion House Committee’s zu übernehmen und eine Reise nach Amerika zu machen, um sich von den Zuständen der dortigen jüdischen Ackerbaukolonien persönlich zu überzeugen — obgleich er wußte, daß er nichts schlechter, als eine überseeische Reise vertragen könne. Schließlich unternahm er im Jahre 1886 gleichfalls im Aufträge des genannten Comite's eine Reise durch Rußland bis nach Nischni-Nowgorod und studirte auf's eingehendste die Verhältnisse der dortigen Juden. Die Berichte, welche er dem Comite erstattete, zeugen in gleicher Weise von seiner idealen Gesinnung, wie von seinem scharfen und praktischen Verstände. In London selbst, wo sich, in Folge der russischen Judenverfolgungen, mehr als zehn Tausend unglücklicher Glaubensgenossen ansiedelten, bot sich ihm ein weites Feld zur Bethätigung seiner warmherzigen Menschenliebe. Er lernte das aller Beschreibung spottende Elend der russischen Juden kennen, aber zugleich gewann er die Ueberzeugung, daß diese einen Menschenschlag bilden, der Kräfte und Fähigkeiten genug besitzt, um bei richtiger Leitung aus seiner traurigen Lage sich emporzuarbeiten und brauchbare, tüchtige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu werden. Tausende, die im trübseligsten Zustand nach England gekommen waren, fanden durch Dr. Asher's Hilfe einen lohnenden Erwerbszweig. Dr. Asher's Hingebung und Eifer auf dem Gebiete des Armenwesens kannte keine Grenzen. Kranken-, Waisen-, Arbeitshäuser, Armenschulen und ähnliche Anstalten wurden von ihm fleißig besucht und revidirt; überall sah er nach dem Rechten, und griff, wo er mit seinem scharfen Blick Mißstände und Schäden wahrnahm, in seiner energischen und zugleich wohlwollenden Weise ein. Den unzähligen, namentlich an Winterabenden stattfindenden Sitzungen der verschiedenen jüdischen Wohlthätigkeitsvereine, welche nicht selten bis Mitternacht dauerten, wohnte er stets und mit lebhafter Theilnahme bei. Neben seiner Betheiligung an dem öffentlichen Wohlthätigkeitswcrke, hatte Dr. Asher als Almosenier des als Philanthrop bekannten Lord Rothschild, dessen unbedingtes Vertrauen und intime Freundschaft er besaß, Gelegenheit, viel Noth und Elend zu lindern. Dr. Asher hat sich, wie das „Jewish Chronicle“ leider nur zu richtig bemerkt, zu Tode gearbeitet; er wurde das Opfer seines Berufes, den er mit dem heiligsten Ernst, mit der wärmsten Begeisterung auffaßte und erfüllte. Wenn die jüdische Gemeinde London's den allzufrühen Tod dieses vortrefflichen Mannes allgemein und aufrichtig betrauert, so hat sie sicherlich gerechte Ursache dazu; aber auch in weiteren Kreisen der jüdischen Gluubensgenossenschaft wird sein Ableben schmerzlich empfunden werden und die Erinnerung an sein segensreiches Wirken fortleben. Dr. Jaulus. Amerika. Washington, 20. Januar. So ist denn, einer telegraphischen Depesche zufolge, dem Repräsentantenhause von dem betreffenden Ausschüsse der Bericht über den unlängst eingebrachten Gesetzentwurf, durch welchen die Einwanderung in die Vereinigten Staaten beschränkt werden soll, vorgelegt worden. Der Entwurf beantragt, an der Einwanderung in das Gebiet der Vereinigten Staaten Arme, Unzurechnungsfähige, wegen Verbrechen Bestrafte, Anarchisten und Socialisten und solche Personen zu verhindern, welche mit gewissen Krankheiten behaftet sind, endlich Arbeiter, welche keinen Vertrag über Beschäftigung besitzen. Im Uebrigen wird allen Fremden eine Einwanderungssteuer von 5 Dollars auferlegt; dieselben müssen außerdem im Besitze von Beurkundungen seitens der Vertreter der Vereinigten Staaten im Auslande sein. Der den Gesetzentwurf begleitende Bericht des Ausschusses weist darauf hin, daß viele Arme und selbst Verbrecher von ihren Behörden mit Mitteln zur Auswanderung versehen würden. Wenn dieser Entwurf zum Gesetz erhoben wird, so reihen sich die Bereinigten Staaten jenen Ländern an, die durch allerlei amtliche Nachweise über politisches Wohlverhalten u. s. w. die Einwanderer von ihren Grenzen fernhalten, und sie werden aufgehört haben, die Zufluchtsstätte derer zu sein, welche die Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen der Heimath in die Fremde treibt. Auch sollen Arbeiter, die nur auf kurze Zeit nach Amerika