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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-31 · Heft 5 (31.1.1889) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 5 (31.1.1889)
Date
1889-01-31
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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67 sind, welche die Wissenschaft seit jener Zeit gemacht, so gewiß haben sich auch viele Jrrthümer eingeschlichen, manche reine Flamme, die schon so hell durch die Menschengeister leuchtete, ist wieder verdunkelt oder durch fremde Farben verdüstert worden. So ist es wohl an der Zeit, auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurückzublicken und von ihm sich belehren zu lassen, wie es ja oft Zeiten gegeben, in welchen der Mensch nach der Geistescultur vergangener Jahrhunderte zurückgreifen mußte, um für den Fortschritt, für neue Entwickelung Kraft und Richtung zu erwerben. Ja, wir wollen im Geiste einen frischen Lorbeerkranz auf das Grab Herder's, des Herolds der Humanität, legen! Charakteyüge vom Gage, in. Es ist immerhin eine bemerkenswerthe Erscheinung, die wir im Folgenden berühren wollen. Ueberall, sobald in einem Staate den Juden das öffentliche Leben erschlossen wurde und sich derselbe zu einem verfassungsmäßigen eonftituirte, trat eine ganze Reihe jüdischer Männer in demselben auf, zeichneten sich einige von ihnen in der parlamentarischen Laufbahn aus und erwarben sich anerkannte Verdienste. So in Frankreich, Holland, Deutschland, Oesterreich und Italien. Dies hat sich in der Gegenwart verändert. Aus dem preußischen Landtage sind sie verschwunden, im deutschen Reichstage nimmt nur noch Bamberger eine Stelle ein, der jedoch dem älteren Geschlechte angehört, Singer beschränkt sich auf die Interessen seiner Partei (der socialdemokratischen) und Sabor macht sich gar nicht bemerklich. In Frankreich ist höchstens der Senator Naquet zu verzeichnen, der bekannte Agitator für die Gestattung der Ehescheidung, der jedoch gegenwärtig als boulangistischer Wühler sein Ansehen verloren hat. Aus dem englischen Parlamente ist nur Henri de Worms im Colonialministerium, Präsident der jüngst abgehaltenen internationalen Zuckerconferenz, und aus dem italienischen Parlamente Luzzalti, ein anerkannter Nationalökonom und Statistiker, zu vermerken. Will man eine Erklärung dafür Schöpfer der Welt zum Grunde aller Philosophie und Religion machte und von diesem Gotte in so viel Liedern und Lehren der israel tischen Schriften mir einer Wüide und Erhabenheit, mit einer Ergebung und Dankbarkeit gesprochen wird, an welche Weniges sonst in menschlichen Schrillen reicht, so daß der Vorzug der ebräischen Schriften vor allen alten Religionsbücher.« der Völker unverkennbar ist." Er sagt ferner: ..Uebrigens wird Niemand einem Volk, das eine so wirksame Triebfeder in den Händen des Siicksals ward, seine großen Anlagen absprechen wollen, die in seiner ganzen Geschichte sich deutlich zeigen." Auch ihren kriegerischen Muth erkennt er an und fährt fort: „In ihrem Lande waren sie einst ein arbeite sames, fleißiges Volk, das seine nackten Berge durch künstliche Terrassen bis auf den Gipse! zu bauen wußte und in einem engen Bezirk, der an Fruchtbarkeit roch immer nicht das erste Land der Welt war, eine unglaubliche Anzahl Menschen nährte." suchen, so darf man sich nicht verhehlen, daß sich Aehnliches innerhalb unseres eigenen Kreises kundgiebt. Wir haben hier eine Anzahl sehr tüchtiger Männer, die ihrer Stellung gewiß genügen, aber keine jüngeren tonangebenden, bahnbrechenden, denen ein schöpferischer Geist einwohnt. Es bieten sich dafür zwei Ursachen dar. Die eine liegt offenbar in der weitverbreiteten antisemitischen Gesinnung. Jüdische Männer haben eben gegenwärtig keine Aussicht — außer in der soeialdemokratischen Partei — gewählt zu werden, vielmehr müssen sie die schranken- und zuchtlose Schmähung und Verleumdung fürchten, die sich bei etwaiger Candidatur gegen sie erhebt, eine Wühlerei, die im Publikum allzu leichten Anklang findet» Diese ist leider in dem erbitterten Parteikampf zur allgemeinen, allseitig bemerkbaren Erscheinung geworden, so daß sie den Juden gegenüber die letzte Scheu verloren hat. Unter solchen Umständen ist es sehr erklärlich, daß nur höchst selten ein Glaubensgenosse den Muth hat, in die Arena einzutreten, die ihm nur Kränkung, aber keinen Erfolg verheißt. Aber wir können andererseits nicht verkennen, daß sich eben hervorragende und durchdringende Genien gegenwärtig in unserer Glaubensgenossenschaft nicht bekunden. Es ist eine geschichtliche Erfahrung, daß innerhalb eines beschränkten Kreises zu Zeiten außergewöhnliche Geister, außergewöhnlich begabte Menschen erstehen und ihre Zeit durch ihre Leistungen gewissermaßen beherrschen, dann aber eine Art Erschöpfung eintritt, die mittleren Kräften, an Zahl nicht gering, Spielraum eröffnet, welche verdienstlich wirken, ohne die Allgemeinheit beeinflussen zu können. Selbstverständlich ist hiermit ein Niedergang durchaus nicht verbunden. Die Wirksamkeit vieler, wenn auch minder begabter Persönlichkeiten. ist oft wohlthätiger als geniale Erscheinungen, die nur für ihre Zeit nothwendig sind. Verändern sich die Verhältnisse, folgt Geschlecht ans Geschlecht, so tritt die schöpferische Kraft, durch die Bedürfnisse der Zeit geweckt, wieder hervor. — Die Frage nach der Einheit des Menschengeschlechtes und der fortschreitenden Entwickelung der Gesammtheit wird immer von Neuem aufgeworfen und findet diese oder jene Beantwortung und Begründung. Wenn wir den gegenwärtigen Zustand, der übrigens seit langer Zeit sich bekundet, in Betracht ziehen, so gewahren wir etwa vier Lager, in welche sich die Menschheit trennt, und die sich gegenseitig ohne sichtbaren Erfolg bekämpfen. Wir sehen hier die europäische Cultur gegennüber der islamitischen, daneben die chinesische, und dann den Kreis der afrikanischen, insbesondere der Negerstämme. Die erstere macht die größten Anstrengungen, in die anderen einzudringen und sie zu überwältigen. Einen fünften Menschenstamm, den sogenannten indianischen, hat sie nicht überwunden, sondern so gut wie ausgerottet. Vor dem Mohamedanismus mußte sie aus Vorderasien und 5*

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