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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-31 · Heft 5 (31.1.1889) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 5 (31.1.1889)
Date
1889-01-31
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 fortschreitet, aber doch nur um dieselbe Bahn zu durchlaufen. Erklärte doch Mendelssohn nach der Lesung des ersten Bandes der „Ideen" Herders diesen für einen „Schwärmer". Allen diesen Anschauungen gegenüber stellte Herder das Axiom auf, daß die Menschheit in fortschreitender Entwickelung begriffen sei, und suchte dies sowohl aus der physischen Natur des Menschen und seiner Stellung in der Mitte der Erdgeschöpfe und der Erde selbst als eines mittleren Planeten, als auch aus der Geschichte der Menschheit zu erweisen, indem er jedes Volk in seiner Eigenart als ein Glied des ganzen Menschengeschlechtes sich entwickelnd zeigte, wodurch dann die Gesammtheit der Menschheit zum Fortschreiten gelange. Ihm erschien die Bestimmung des Menschen, sein Daseinszweck, in der fortschreitenden Bildung zur Humanität. Zuzugeben ist, daß sowohl die physikalische als die historische Betrachtung seit Herder außerordentliche Fortschritte gemacht haben, aber der Kern seiner Beweisführung hält noch heute den Folgerungen gegenüber festen Stand, welche eine, lediglich ins Körperliche sich versenkende Naturforschung, mit gänzlicher Verkennung des geistigen Gehaltes des Menschen, aus ihren Beobachtungen zieht. Die Ueberzeugung von der fortschreitenden Entwickelung des Menschen hat sich eine Herrschaft über die Geister so schnell erobert und sie durch weitere Geschichtsforschung verstärkt, daß ein Sieg Herder's über seine Gegner sich vollzogen hat. Unterstützt ward dies durch die damaligen Verhältnisse, da einerseits vielfach die lediglich metaphysische Betrachtungsweise den Leuten zum Ueberdruß geworden, andererseits der deutscheBüchermarkt noch nicht von einer solchen Fluth überschwemmt war, wie gegenwärtig, und deshalb die Erscheinung eines bedeutenden Buches einem Ereigniß glich, welchem sich die Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit des ganzen Publikums zuwandte. So war es Herder, der den Begriff der Humanität nicht bloß metaphysisch, sondern auch historisch aufstellte und begründete; nicht mehr bloß einzelne Strahlen davon in den Geistern sich verlieren ließ, sondern sie zu einer festen Ueberzeugung concentrirte. Er zu einem großen Theile bewirkte deshalb, daß der Geist der Humanität zu einem integrirenden Charakterzuge der ganzen klassischen deutschen Literatur wurde, und so, was Lessing ausgestreut, zur Blüthe und Frucht ward. — Wenn Herder mit ebenso vielem Scharfsinn, wie Gemüth und Geistesschwung, für die Humanität als Endzweck der Entwickelung, also als den eigentlichen Leitstern für alle menschliche Geistesarbeit und Geistescultur auf ganz realistischem Wege, auf physikalischem und historischem, die Beweise zu führen, ja zu häufen suchte, so war seine Seele doch des reinsten Idealismus voll. Dies erscheint uns recht deutlich, wenn er in seiner Vorrede den Ursprung des ganzen Unternehmens in semem Gottesbegriff findet. Er sagt hier: „Der Gott, der in der Natur Alles nach Maaß, Zahl und Gewicht geordnet, der darnach das Wesen der Dinge, ihre Gestalt und Verknüpfung, ihren Lauf und ihre Erhaltung eingerichtet hat, so daß vom großen Weltgebäude bis zum Staubkorn, von der Kraft, die Erden und Sonnen hält, bis zum Faden eines Spinnegewebes nur eine Weisheit, Güte und Macht herrschet, Er, der auch im menschlichen Körper und in den Kräften der menschlichen Seele Alles so wunderbar und göttlich überdacht hat, daß, wenn wir dem Alleinweisen nur fernher nachzudenken wagen, wir uns in einem Abgrunde seiner Gedanken verlieren — wie, sprach ich zu mir, dieser Gott sollte in der Bestimmung und Einrichtung unseres Geschlechts im Ganzen von seiner Weisheit und Güte ablassen und hier keinen Plan haben?— Oder sollte uns denselben verbergen wollen, da er uns in der niedrigen Schöpfung, die uns weniger angeht, so viel von den Gesetzen seines ewigen Entwurfs zeigte?" — Dies ist echter Gottesglauben, der die sicher gezeichneten Folgerungen zu ziehen sich nicht scheut. Auch hierin kann Herder das Vorbild, der Bannerträger noch für unser heutiges Geschlecht sein! Freilich ist seidem ein Jahrhundert verflossen. Und welch ein Jahrhundert! Eine Zeit der mannigfaltigsten Erschütterungen und Umwandlungen, eine Zeit unermüdlichen Forschens und merkwürdigsten Findens, wie sie in der ganzen Geschichte des Menschengeschlechtes noch niemals bestanden. Gerade die Gebiete, auf welchen Herder seinen Standpunkt nahm, die Naturwissenschaften, die Linguistik, die Ethnographie, die Geschichte, haben eine völlige Durch- und Umarbeitung, eine kaum übersehbare Bereicherung erfahren. Daß deshalb eine Menge Details in dem großen Werke Herder's theils irrig, theils mangelhaft erscheinen, ist selbstverständlich, aber noch heute ist es des Studiums und der Beherzigung Werth, weil die Grundgedanken wahr und die ganze Geistes» fülle, die darüber ausgegossen, begeisternd und namentlich die Jugend ergreifend sind.^) Denn so sicher die Fortschritte 1) Im 12. Buche versucht Herder eine Charakteristik der verschiedenen Völker vom Beginne der Geschichte an aufzustellen. Es versteht sich, daß diese Bilder, die er von den Nationen vorführt, nach den ieitdem gemalten Forschungen und dem erlangten tieferen V.rständniß der Völkerpsychologie der Correctur vielfach bedürfen. Im 3. Abschnitt schildert er die „Ebräer". Man kann nun nicht sagen, daß er sich in Bemtheilung derselben, namentlich auch der Juden, die freilich zu Herder's Zeit noch in sehr trübseligen Zuständen sich ^fanden, von Vorurcheil und Befangenheit frei gemackt hätte, so daß er ihnen noch Fehler znschrieb, z. B. in politischer Beziehung, in Betreff von „Ehre und Freiheit", welche eine gesundere Krttik an ihnen nicht findet. Man vergaß u>d vergißt z. B., daß die Israeliten ihren na-iona.'en Bestand 15 Jahrhunderte zu behaupten verstanden, obwohl im steten Kampfe gegen viele und mächtige W-dersacher, während z. B. Rom seit seiner Gründung nur erwas über ein Jahrtausend sich selbständig erhielt. Dies ist gewiß ein Zeugniß für das starke innere politische Leben, das man den Israeliten abspricht. Denn wo dieser poli ische Trieb fehlt, muß die Nation auseinander fallen. Doch erkennt Herder auch die Vorzüge dieser Nation an. Er würd'gt, daß durch sie „eine Unterlage des größten Theils der Weltausklärung" gegeben worden. Er preist ihre Wirkung, „da Moses' Gesetz die Lehre vom ewigen Gott, dem

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