Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1889)
- Date
- 1889-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Hudcnlhums. Ein unparteiliches Organ flr alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Ludwig Philipps«« in Honn. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.'Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 2)L) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 31. Januar 1889. Nr. 5. Inhalt. Leitende Artikel: Noch eine hundertjährige Feier. — Charakterzüge vom Tage. III. — Literarischer Wochenbericht. — -Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Aus dem Großherzogthum Lessen. Garlitz. — Luxemburg: Luxemburg. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Graz, Brünn. — Rumänien: Botosani. — Serbien: Belgrad. — Großb ri tan nien: Aachen.— Amerika: Washington. — Palästina: Jerusalem. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus den Erinnerungen eines Arztes. V. Zcitenbe Clii'ißef. Bonn, 27. Januar. Noch eine hundertjährige Feier. Nicht bloß große politische Ereignisse, sondern auch Thaten des Geistes, die von wohlthätiger, tiefgreifender Wirkung gewesen, verdienen die dankbare Anerkennung der Nachwelt. Ja, die letzteren um so mehr, als durch eilte Feier derselben die Ideen und Empfindungen, deren Ursprung sie waren, mit erneuter Kraft in den Geschlechtern wieder geweckt werden, die sich vielleicht ihnen entfremdet haben. Eine solche geistige That hatte Johann Gottfried Herder im Jahre 1789 vollbracht, als er den vierten Theil seiner „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" vollendet hatte, der allerdings, durch Krankheit des Verlegers verzögert, erst 1791 im Druck beendet ward, und dem Herder einen fünften Band hinzuzufügen gedachte, ohne es anszuführen. Schon im Jahre 1774 hatte Herder eine kleine Schrift, „Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit", verfaßt, welche bald vergriffen war, zu deren neuen Auflage er sich aber nicht entschließen konnte, weil er eben seine Ansichten in großem Stile darzustetlen und zu beweisen sich vorgenommen halte, womit er sich dann ununterbrochen beschäftigte. Als einen Vorläufer dieses Hauptwerkes Herder's haben wir seine noch heute unübertroffene Schrift: „Vom Geiste der Ebräischen Poesie" (2 Theile, Dessau 1782) zu betrachten, ein Werk, von welchem mit Recht gesagt worden, daß es das Verständniß des Orients ebenso eröffnet habe, wie Winckelmann's Schriften das Verständniß der Kunst. Ebenso schlossen sich an die „Ideen" seine „Briefe zur Förderung der Humanität" an, welche in zehn Bänden (Riga, 1793 — 97) erschienen. Die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" waren eine bahnbrechende, Epoche machende Arbeit, deren Einfluß und Wirkung eine dauernde geworden. Die in ihr ausgeführte Grnndanschauung, so vielen Widerstand sie anfänglich fand, wurde von späteren Denkern, wie Hegel, reproducirt und hat der deutschen Geschichtschreibung ihren hervorragenden Charakter verliehen. Um dies genügend zu würdigen, muß man sich die Anschauungen jener Zeit vergegenwärtigen. Durch Rousseau war die, wir möchten sagen, wüste Ansicht verbreitet worden, daß wir zu den ursprünglichen Naturzuständen zurückkehren, also alle Resultate der Cultur abstreifen müßten. Durch die Encyctopädisten batte im unterrichteten Publikum die materialistische, atheistische Anschauung einen weiten Spielraum gewonnen. Der Sinn für Geschichte war ein sehr schwacher, da die vorhandene Geschichtsschreibung nichts als Erzählung äußerlicher Ereignisse war, ohne inneren Zusammenhang, ohne tieferes Verständniß, ohne Beachtung der Culturzustände. Den Ansichten Herder's standen die Kant's gegenüber, welcher die Bestimmung des Menschen nur in der Herstellung einer nach allen Seiten gerechten bürgerlichen Gesellschaft fand. Noch mehr widersprach ihm die Ansicht, die noch Mendelssohn theilte, daß der Geist der Menschen und Völker nur der Wage gleiche, die bald aufwärts steigt, bald niederwärts sinkt, oder dem Lauf des Mondes, der um die Erde kreist und mit ihr