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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-25 · Heft 4 (25.1.1889) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 4 (25.1.1889)
Date
1889-01-25
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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schiedene Sprachen; die rumänische hatte er sich erst in den letzten Wochen seines Lebens zu eigen gemacht. Acht davon, wenn ich nicht irre, sprach er mit hinlänglicher Leichtigkeit. Dabei war er außerordentlich bescheiden. Trotz seines weiten Wissens maßte er sich nie besondere Kenntnisse an, ja er schien sich deren kaum bewußt zu sein. Er machte es Denjenigen, die wenig wußten, leicht, mit ihm zu sprechen. Er erinnerte sie nie an ihre Unwissenheit, sondern muthete ihnen ein weit höheres Wissen zu, als sie besaßen. Die Wärme des Gelehrten vertrocknete in ihm nie die natürlichen Säfte des Menschen. „Bewandert in Büchern," war er gleichwohl nicht „gering an und für sich." Das Antlitz der Natur erfüllte ihn immer mit Entzücken. Er war der Mann der „Die Stirn oft in der stillen Einsamkeit Dem Sturm und offnen Himmel darbot." An die Stelle so mancher Zeile, die er in diesem Artikel ausstreichen würde, würde er setzen, daß er seit dem Jahre 1850 ein Vegetarianer war. Er behielt seinen Glauben jedoch für sich, ohne seine Freunde bekehren zu wollen. Vielleicht spricht sein Tod im Alter von fünfundsechzig Jahren gegen diese Gewohnheit seines Lebens. Seine geistige Frische war nicht größer als die Wärme seines Gefühls. Er hatte das Herz eines kleinen Kindes. Er besaß in hohem Maße die Kunst, sich Freunde zu erwerben, er war stets liebenswürdig und anhänglich und treu in der Ausübung jener kleinen Pflichten, welche sich so oft mit dem Leben des Gelehrten nicht vertragen. Für seine nächsten Angehörigen hatte er ein so weiches Herz, eine so ernste und liebevolle Sorgfalt, als ob das Leben ihm nichts geboten hätte, als die Freuden seines eigenen Herdes. Sein häuslicher Kreis war ausgezeichnet durch gegenseitige Hülfswilligkeit, geistige Sympathie und durch die Lust und Liebe, mit der die einzelnen Glieder einander auf der Bahn des Wissens aufmunterten. Herr Heilprin erlebte es, daß zwei seiner Kinder auf dem Gebiete der Literatur und Wissenschaft sich auszeichneten; es war dies nicht die geringste Befriedigung seines Lebens, das ihm viel Genugthuung brachte und in seiner strengen Einfachheit so schön und beneidenswerth war, wie das nur weniger Menschen, die ich gekannt. P e st, im Januar. Doctor Gumper). Eine Erinnerung. Der treffliche Danzel hat das Verdienst, auf diesen Mann, der mit Gottsched, dem Führer der damaligen Gelehrten-Republik, und mit der gefeierten Doris, der treuen Gehülfin des Leipziger Professors, im Alter von zweiundzwanzig Jahren in Correspondenz stand, zuerst die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben. Er war ein wohlhabender junger Mann nicht ohne Talent, der Maupertius, dem Präsidenten der Academie der Wissenschaften in Berlin, und dem Marquis d'Argens eine Zeit lang als Secretär diente; er wurde der Freund Lessings und der Lehrer Moses Mendelssohns. Der junge Gumperz, der Medicin studirte und im März 1751 mit der dem Präsidenten Maupertius gewidmeten Dissertation „lieber die Temperamente" den Doetorhut erwarb, hat die medicinische Kunst nie ausgeübt; er verheirathete sich mit einer Freundin der Frau Moses Mendelssohns und lebte als Privatmann in Hamburg. Ueber das fernere Schicksal des Doctor Gumperz, der in dem Lessing-Mendelssohn'schen Freundenkreise gern gesehen wurde, erfahren wir nichts; weder Lessing noch Mendelssohn erwähnen seiner noch in ihrem Briefwechsel. Erst jetzt wird dieses Dunkel aufgehellt durch einige handschriftliche Briefe Mendelssohns, welche mir mehrere Monate nach dem Erscheinen der zweiten Auflage meiner Moses Mendelssohn-BiographieT) von einem Universitätsfreunde in Hamburg geschickt wurden. Dieselben sind an einen Herrn Joseph Mayer, einen Verwandten der Frau Mendelssohns, die bekanntlich aus Hamburg war, gerichtet. Doctor Gumperz' letzte Lebensjahre waren durch Leiden getrübt; er wurde von der Misanthropie geplagt. Um den Trübsinn zu verscheuchen, unternahm er größere Reisen; er verbrachte den Sommer im Süden Europas, nahm längeren Aufenthalt in Paris; den Winter verlebte er in „kalten Gegenden". Statt der erwarteten Heilung, verschlimmerte sich sein Zustand. „Wenn der Doctor Gumperz so mißvergnügt ist," schreibt Mendelssohn den 12. November 1768 an Jos. Mayer, „so sollte er von gutgesinnten Leuten bedauert, aber nicht verlassen werden. Wahrscheinlicherweise liegt die Ursache seines Mißvergnügens im Körper; wenn dieser krank ist, kann die Seele schwerlich vergnügt sein. Wenn gesunde Leute unerträglich sind, so hat man mehr Recht, sie ihrer Thorheit zu überlassen. Es war meiner Ansicht nach kein kleiner Fehler von dem Doctor, daß er den Sommer in warmen und den Winter in kalten Gegenden sich aufhält. Diese schnelle Veränderung der Luft hat ihm nothwendig die Krankheit zuziehen müssen, die ihn jetzt quält. Verlassen Sie ihn nicht, lieber Freund, in seinem Elende, und noch weniger seine gute Frau, der es von dem Geräusche der Stadt Paris noch immer vor den Ohren brausen soll. Ertragen Sie seine Grillen und ihre Schwachheiten." Gumperz hatte noch viel zu ertragen, bis ihn der Tod im März 1769 von seinen Leiden befreite; er starb im Alter von 44 Jahren kinderlos. Die Nachricht von dem Hinscheiden seines Lehrers und ältesten Freundes erhielt Mendels- 1) Moses Mendelssohn. Sein Leben und Wirken. Mit authentischen Illustrationen und einem Facsimile. Zweite vermehrte und neubearbeitete Auflage. (Leipzig, Hermann Mendelssohn, 1888.)

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