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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-25 · Heft 4 (25.1.1889) · p. Seite 61

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 4 (25.1.1889)
Date
1889-01-25
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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61 Zenit New-Aork, im December. Siographie Michael HeUprin's. Von Job« W. Chadwick, Prediger einer der Unitarischen Gemeinden in Brooklyn. (Uebersetzt aus der „ünitarian Review“ für September 1888.) (Schluß.) Während seiner ganzen redactionellen und journalistischen Laufbahn reservirte sich Herr Heilprin ein geistiges Lieblingsplätzchen für seine alttestamentlichen Studien, die seinem Herzen am nächsten standen. Als die Revision der Encyclopädie im Jahre 1876 beendigt war, fing er an, seinen Studien literarischen Ausdruck zu geben, und im Jahre 1879 veröffentlichte er den ersten, 1880 den zweiten Band der „Historical Poetry of the Ancient Hebrews“ („die historische Poesie der Alten Hebräer.") Schon in seinen Jugendjahren hatte er sich mit der allgemeinen Richtung der alttestamentlichen Kritik vertraut gemacht und er hatte seitdem alle ihre Schritte auf's Genaueste verfolgt. Er adoptirte, nicht widerstrebend, sondern mit enthusiastischer Zustimmung die Ansichten über das alte Testament, welche von Graf, Kamen, Wellhausen und Reuß entwickelt worden waren, deren Mittelpunkt die Ueberweisung der Levitischen Stellen des Pentateuchs in's fünfte Jahrhundert v. Chr. bildet, und mit denen amerikanische Gelehrte und Leser hauptsächlich durch seine anerkennenden kritischen Studien in der „HatiorP vertraut wurden. Aber keiner dieser berühmten Männer fand in ihm einen sklavischen Anhänger. In seiner „historischen Poesie der alten Hebräer" giebt es viele neue Gesichtspunkte, viele originelle Ansichten über Text und Tendenz verschiedener Schriftstücke. Seine Uebersetzungen bekunden seine große Vertrautheit mit dem Hebräischen wie mit dem Englischen. Dieselben sind, was Kraft und Schönheit betrifft, gleich bewundernswürdig, und liefern den Beweis, daß er nicht ohne Grund seinen ersten literarischen Ruf sich als Dichter erwarb. Ein dritter Band, dessen Vollendung der Tod verhinderte, enthält, wie wir seinen vertraulichen Mittheilungen nach annehmen dürfen, ungewöhnlich interessantes Material. Die Fortsetzung des Werkes wurde durch sein Interesse für die jüdischen Flüchtlinge unterbrochen, welche russische Verfolgung vor einigen Jahren an unsere Küste trieb. Dieses Interesse entsprang thcils aus seiner Anhänglichkeit an seinen Stamm, theils aus seinem Mitgefühl mit jeglicher Schmach und Beleidigung, die Mitnienschen angethan wurde. Trotz seines unermüdlichen Eifers und seiner aufopfernden Hingebung war das Resultat des Versuches, Colonien in Oregon, Dakota und New Jersey zu gründen, ein sehr entmuthigendes, hauptsächlich in Folge ungenügender finanzieller Unterstützung. te 1 on. Die Geschichtskenntniß des Herrn Heilprin war nicht mehr und nicht weniger als ein Abriß aller universellen Ereignisse. Sein Gedächtniß für Thatsachen war wunderbar. Daten waren ihm zu zehntausenden eigen, und seine Genauigkeit war so groß wie seine Vielseitigkeit. Er konnte die Seilen eines geschichtlichen Lexicons überfliegen und ein halbes Dutzend oder ein Dutzend Correcturen auf jeder Seite machen. Den Tag und den Ort einer jeden der 600 Schlachten und Gefechte unseres Bürgerkrieges hatte er an den Fingern. Selbst Macaulay konnte „seine Päpste nicht hersagen," da er befürchtete, daß ihm die Reihe der Jnnocenze eine Niederlage bereiten würde, aber man darf bezweifeln, ob Herr Heilprin in diesem Unternehmen gescheitert wäre. Sein Vertrauen in sein Gedächtniß war sehr groß, und er schrieb die ausführlichsten historischen Kritiken ohne die geringste specielle Vorbereitung. Dies kann man allerdings leicht thun, wenn man sein Wissen aus dem vorliegenden Buche selbst schöpft, bei Herrn Heilprin war dies jedoch nie der Fall. Ich erinnere mich beispielsweise seiner Recension der umfangreichen Memoiren Metternichs. Sie war vom Standpunkte eines viel höheren Wissens geschrieben, als das Buch verlangte. Er berichtete oder widerlegte viele Angaben. Als ich ihn fragte, welche Vorstudien eine solche Arbeit voraussetze, antwortete er: „Nicht die mindesten." Eine derartige Kenntniß der Details ist gewöhnlich unvereinbar mit einer weiten Uebersicht des Ganzen. Dies war jedoch bei ihm nicht der Fall. Sein Erfassen der Philosophie der Geschichte war nicht minder gründlich als seine Auffassung ihrer concreten Bestandtheile. Er begnügte sich nie mit dem „geistlos trocknen Unzusammenhang." Er liebte die Anwendung auf's Allgemeine und suchte die fernsten Ursachen der Ereignisse auf. Wer Herrn Heilprin nur aus seinen Schriften kannte, kannte ihn nur zur Hälfte. Sein Stil hatte nichts besonders Anziehendes an sich. Er war einfach und durchsichtig und stets grammatikalisch correet. Aber sein Gespräch war von seltener Kraft und Anziehung. Seine Sprache reichte kaum hin, die anstürmenden Ideen auszudrücken. Ein leichtes Hinderniß im Sprechen rührte seiner Erklärung nach davon her, daß er mit gleich großer Leichtigkeit in verschiedenen Sprachen dachte, während es ihm manchmal nicht leicht ward zu entscheiden, welcher davon er sich im Gespräch bedienen sollte. Diejenigen, die seine „historische Poesie der Alten Hebräer" gelesen und mit ihm darüber gesprochen haben, werden mir beistimmen, daß sein Buch keinen Vergleich mit seinem Gespräch darüber aushält. Sein intellectueller Enthusiasmus war außerordentlich und riß den Zuhörer unwiderstehlich mit sich fort. Er las achtzehn ver-

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