Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1889)
- Date
- 1889-01-25
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227776--45938-3265472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
enthält einen ausführlichen Bericht über die Schule der Alliance in Jerusalem seitens des Direktors Herrn Nissim Behar, welchem wir folgende Notizen entnehmen. Die Schule zählt jetzt 234 Schüler, von denen 102 nur den Unterricht erhalten, 23 Handwerkerlehrlinge, die die Hälfte des Tages der Arbeit, die andere dem Unterricht widmen, 109 Handwerkerlehrlinge, die den Unterricht in Abendcursen erhalten. Nur sehr wenige derselben zahlen Schulgeld. Die israelitischen Schüler gehören allen Riten an, z. B. 13 Marokkaner, 11 Vemeniten (Araber), 24 Schüler gehören dem Islam und 12 dem Christenthum an, die letzteren aus den verschiedenen Kirchen. Die nichtisraelitschen Schüler gehören den notabelsten Familien Jerusalems an, so z. B. besucht der Sohn des General-Gouverneurs von Judäa, Rauf-Pascha, unsere Schule. Von den Schülern sind 24 Interne, bO Halbpensionäre und 160 Externe; 50 der Handwerkslehrlinge erhalten eine Geldentschädigung statt der Mahlzeiten. Die Unterrichtsgegenstände sind die der europäischen gehobenen Elementarschulen. Man lehrt das Hebräische, das Arabische, das Türkische, das Englische, das Deutsche und das Französische. Das Hebräische wird als lebende Sprache behandelt und es wird in derselben Talmud, Bibel, Schechita, jüdische Geschichte, Geographie von Palästina, Religion und hebräische Grammatik gelehrt. Eine besondere Sorgfalt wird auch auf das Arabische gelegt. Sehr bemerkenswerthe Fortschritte machen unsere Zöglinge im Englischen und Deutschen. In französischer Sprache werden Mathematik, Physik, allgemeine Geschichte und Geographie, Literatur, Moral, Zeichnen und Gesang gelehrt. Unsere wöchentlich fünf Mal stattfindenden Abendcurse wurden von mehr als 200 Zuhörern besucht. Der Handwerksunterricht befaßt Schneider, Schuhmacher, Klempner, Tischler und Zimmermanu, Faßbinder, Schmied, Schlosser, Holzschnitzer, Steinhauer und Mechaniker. Wir haben zehn Handwerksmeister als Lehrer, jeder von zwei Lehrlingen des dritten und vierten Jahres unterstützt. Die Anstalt hat bereits eine große Anzahl junger Leute ausgebildet, die als Lehrer und Handwerker ihren Lebensunterhalt finden. In jüngster Zeit sind 40 solcher Arbeiter aus der Anstalt hervorgegangen, die gut beschäftigt sind, nämlich 14 Tischler, 8 Schneider, 6 Schmiede, 3 Schuhmacher re. Sie sind Theils in Jerusalem, Theils in verschiedenen Ortschaften Palästinas, einige in Egypten etablirt. Unter anderen hat man auch 62 Personen noch besonders in der Steinhauerei unterichten lassen, nämlich 42 Vemeniten und 20 russische Einwanderer, die ihren Lebensunterhalt gut verdienen. Man kann also, wenn man noch die guten moralischen Wirkungen hinzufügt, mit den Leistungen dieser Schule äußerst zufrieden sein. Bonn, 20. Jan. (Notizen.) Man schreibt uns aus Hamburg, 12. Januar: Dr. H. Jonas, erster Prediger am hiesigen Tempel, ist heute Morgen nach längerer Krank-! heit im fast vollendeten 62. Lebensjahre sanft verschieden.!Jn ihm verliert die Gemeinde einen überzeugungstreuen! Führer und begabten Redner, die Jugend einen liebevollen tüchtigen Lehrer, die Armen und Schwachen einen treuen Berather und Helfer, und viele wohlthätige und wissenschaftliche Vereine ein eifriges und thätiges Mitglied. Gott tröste die trauernden Hinterbliebenen! — Daß die französischen Officiere jüdischer Religion sich in ihrem Dienste auszeichnen, erwies sich auch jüngst bei den Promotionen am 1. Jan. Der Divisionsgeneral Lambert wurde zum Großofficier und der Artillerie-Schwadronchef Halphen zum Officier der Ehrenlegion ernannt. Der letztgenannte, Mitglied des Rathes für Vervollkommnung der polytechnischen Schule und Mitglied der Academie der Wissenschaften, hatte sich das Kreuz der Ehrenlegion im Kriege 1870 in der Campagne des Generals Faidherbe erworben. — In Paris verstarb jüngst nach einem bewegten Leben der Großrabbiner Michel A. Weilt im 74. Lebensjahre. Er war ein Schüler der Rabbinerschule von Metz und wurde gleich nach der Eroberung von Algier zum Director der jüdischen Schulen daselbst, alsdann zum Großrabbiner von Algier, als erster französischer Geistlicher ernannt. Als solcher erlitt er aber so viele Anfechtungen von den eingeborenen Juden, daß er abtrat und einige Jahre literarisch beschäftigt im Elsaß lebte. Nach dem Kriege nahm er das Rabbinat von Toul an, zog sich jedoch vor einigen Jahren nach Paris zurück, wo er das Amt eines Sekretärs bei dem Großrabbiner Isidor verwaltete. — Kaufmann Abraham Gani, geboren in Janina, hat nach dem griechischen Journal von Constantinopel „Neologos" der jüdischen Gemeinde seiner Vaterstadt 70,000 Frcs. zur Errichtung einer Schule gespendet. Die Unterrichtssprache soll griechisch sein, da die Juden von Janina seit Jahrhunderten griechisch sprechen. Herr Gani hat die Absicht, auch den Rest seines Vermögens der jüdischen Gemeinde von Janina zu hinterlassen. — Aus Wien wird uns geschrieben: Ten 8. d. M. verschied im 71. Lebensjahre Herr Dr. Leopold Wittelshöfer, der Begründer und Redacteur der Wiener medieinischen Wochenschrift. Er war auch mehrere Jahre Präsident des Schriftstellervereins „Concordia". — Herr Dr. Adolf Posnanski aus Rußland, ein Zögling des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, wurde zum Rabbiner in Reichenberg (Böhmen) gewählt. — Herr Dr. I. Neuburger in Pest wurde zum Richter der k. Kurie ernannt.