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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-25 · Heft 4 (25.1.1889) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 4 (25.1.1889)
Date
1889-01-25
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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Verstorbene, eine schöne, ehrfurchtgebietende Erscheinung, er« freute sich unter seinen Glaubensgenossen eines großen Rufes als Talmudgelehrter und seine Reden übten auf seine Zuhörer stets eine zündende Wirkung. Sein Hinscheiden rief in den sephardischen Gemeinden, welche mit wahrhafter Verehrung an ihm hingen, allgemeine Trauer hervor. Rußland. Wien, 16. Januar. Der „Pol. Korr." zufolge stehen der Uebernahme der Fünfzig Millionen-Stiftung des Barons Hirsch seitens der russischen Regierung und der Ausführung des Stiftungsplanes verschiedene Schwierigkeiten entgegen, welche durch die Ausnahmestellung der Juden in Rußland hervorgerufen sind. Zwei Vertreter des Barons Hirsch unterhandeln jedoch mit der russischen Regierung behufs Ausfindigmachung eines Ausweges, wie man annimmt, mit Aussicht auf Erfolg. Rumänien. Bukarest, 16. Jan. (Privatmitth.) In diesen Tagen hat König Karl eine Amnestie für alle Bauern erlassen, welche sich an den jüngsten Bauernaufständen betheiligt hatten, sowohl für die schon verurtheilten, als für die noch in der gerichtlichen Untersuchung befindlichen. Wie nämlich aus den Zeitungen hinlänglich bekannt ist, fanden in mehreren Theilen des Reiches sehr bedrohliche Unruhen unter der bäuerlichen Bevölkerung statt, welche nur mit starker Waffengewalt unterdrückt werden konnten. Gegen wen waren diese Aufstände gerichtet? Gegen die großen Grundbesitzer, welche die Bauern im schwersten Druck erhalten. Nirgends eine Spur, daß hierbei die Juden betheiligt waren. Dies giebt mir die Veranlassung zu einer Erörterung, die, wie ich glaube, durchaus nicht überflüssig ist. Man muß sich wundern, daß, während in den neuen Balkanstaaten den Juden die volle Gleichberechtigung ertheilt wird, sie gerade in Rumänien verfolgt und zum Hohne der Großmächte mit Ausnahmegesetzen erdrückt und zum Elend verdammt werden. Und doch giebt es kaum einen Staat, in welchem die Juden dies weniger verdienen. Sie bildeten lange Zeit hindurch im Ganzen den einzigen Handwerker- und Handelsstand. Die Rumänen gehen erst jetzt als Handwerker bei den Juden in die Lehre, und durch ihre Gewandtheit im Handel waren letztere die Vermittler, um die Landesproduete zu verwerthen. Der Grund ihrer Verfolgung liegt ganz wo anders. Einen eigentlichen Bauernstand gab es bis 1864 gar nicht. Das Land gehörte den Großgrundbesitzern (Bojaren), und das Landvolk war leibeigen glebae adscripti. Dieser Zustand I ward allmählich unerträglich und der Fürst Kusa mit seinem Minister Cogalcino erließ 1864 ein Agrargesetz, welches die Leibeigenschaft der Bauern aushob und den Grundbesitzern anbefahl, jeder Bauernfamilie ein bestimmtes Stück Ackerland zu freiem Besitze zu geben. Dies war recht schön gemeint, aber schlecht entworfen, ohne Sachkenntniß. Controlirte doch Niemand die Abmessung der Ackerstücke, die durch Ingenieure vollzogen ward, welche kaum diesen Namen verdienten. Das Schlimmste war, daß das Gesetz nicht vorsah, daß den Bauern die Huth ihres Viehes auf den Wiesen und Holz aus dem Walde gewährt werden. Ohne Vieh und Holz können aber die Bauern nicht existiren. Während deshalb die Bauern nach dem Gesetze schwere Abgaben und Ablösungssummen an die Staatscaffe, welche den Grundbesitzern eine Entschädigung in Rentenbriefen zahlte, liefern sollten, geriethen sie von Neuem in die Abhängigkeit der Grundbesitzer, welche ihnen Huth und Holz für schwere Frohndienste verpachteten. Hierdurch kam es so weit, daß eine große Zahl von Bauern nur in größter Dürftigkeit zu leben vermochten und wenn Mißwachs eintrat, dem Hunger Preis gegeben waren. Dies war die Ursache der Bauernaufstände, die zwar jetzt mit Gewalt unterdrückt wurden, aber unvermeidlich sich wiederholen werden. Das lang herrschende Ministerium des Herrn Johann Bratiano kannte diese Verhältnisse wohl, vermied sie aber zu berühren, weil es sonst sämmtliche Grundbesitzer, die die Herrschaft im Lande führen, gegen sich aufgebracht hätte. Man mußte aber doch einen Sündenbock haben, um die Augen des Volkes von den eigentlichen Urhehern seines Elends abzuwenden — und dazu schienen ihnen die Juden am geeignetsten. Sie sollten alles Mißgeschick des Volkes herbeigeführt haben und durch ihre Unterdrückung, ihre Wegschaffung vom Lande würde Besserung eintreten. Wer die Verlogenheit und Corruption, die in den tonangebenden Kreisen herrschen, kennt, wird diese Vorgänge ganz verständlich finden. Allein der Trug kann vor der Wucht der Thatsachen nicht bestehen. Was als Hilfsmittel ausgeschrieen ward, wurde erst recht eine Schädigung des Volkes. Diejenigen, welche den Bauern noch als Vermittler und als Käufer und Verkäufer dienen konnten, waren verjagt. Das eigentliche Uebel, der Druck der Grundbesitzer, blieb dasselbe, und so waren die Bauern, zur Verzweiflung gebracht, zum Aufstande gewissermaßen gezwungen. Es kommt nun Alles darauf an, ob die Regierung Einsicht und Energie genug besitzt, diesen tiefwurzelnden Uebelständen Abhilfe zu schaffen. Dies wird sehr schwer halten, da die Grundbesitzer eine geschlossene Opposition bilden, welche die Kammern leicht beherrschen kann, wenigstens die größte Stütze des jetzigen Ministeriums, der Opposition der gestürzten Partei gegenüber ausmachen, und ein Eingreifen in das bestehende Eigenthum unvermeidlich wäre.

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