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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-25 · Heft 4 (25.1.1889) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 4 (25.1.1889)
Date
1889-01-25
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 deren ist Jerusalem ein Symbol, die Stätte, von wo das 1 Gesetz Gottes ausging, wohin sie sich aber nicht wenden möchten. Die Juden zu einer Massenauswanderung zwingen, hieße aller Brüderlichkeit, aller Menschlichkeit spotten. — Drumont, der Verfasser der „France juive“, glaubt ebenfalls nicht, daß die Juden große Lust hätten, sich in Palästina ein neues Reich zu gründen. Der Reichthum würde ihnen ( dort mangeln, und wenn sie ihn besäßen, was sollten sie damit anfangen? — Ein „semitischer Finanzmann, großer Bewunderer himmlischer und irdischer Sterne" (man lese Raphael Bischoffsheim), antwortete auf die Frage, was er denn thäte, wenn das Königreich Palästina zu Stande käme: „Ich würde sogleich meinen König bitten, mich zum Botschafter in Paris zu ernennen." Paris, 15. Januar. Wenn man bisweilen von den hierarchischen Tendenzen der Rabbiner spricht und dem gegenüber das Verhalten der jüdischen Geweindevorstände gegen das Rabbinat betont, so bringen die Arcli. isr. aus den Archiven der Pariser Consistorien ein recht sprechendes Beispiel. Nach den Napoleonischen Reglements, welche erst durch die königliche Ordonnanz von 1844 abgeändert wurden, hatte das Consistorium das Aufsichtsrecht über die Rabbiner. Das Pariser Consistorium übte nun dieses Aufsichtsrecht in der strengsten, man kann sagen unwürdigsten Weise aus. Es beanspruchte sogar die Censur über die Reden des Großrabbiners. Diese Herren, Geschäftsleute, Banquiers oder Advocaten, die, ganz abgesehen von ihren sie auszeichnenden Eigenschaften in theologischer Beziehung, sehr geringe Kenntnisse und Urtheile hatten, wollten die Ideen und Ausdrücke regeln, welcher sich die Großrabbiner auf den Kanzeln bedienten. Sie thaten dies z. B. 1820 gegen den Großrabbiner Ritter Colonna, einen Greis, der auch in den profanen Wissenschaften heimisch war und den italienischen Doctorgrad besaß, und ließen ihm sogar eine Rüge zukommen, als er bei einer Trauung eine Rede gehalten, ohne sie vorher dem Consistorium mitgetheilt zu haben. (Colonna verließ deshalb gern den französischen Posten und nahm das Obertribunal in Triest an. Redact.) Man gab als Grund dieser Controle an, daß die Rabbiner den Geist der Zeit nicht begriffen und deren Bedürfnissen keine Zugeständnisse machten. Diese höchst peinliche Stellung wurde erst mit dem Eintritt des sel. Isidor in das Großrabbinat von Paris geändert. Seitdem ist das Verlangen von Reformen aus den Consistorien gewichen, während die Rabbiner vielleicht zu Zugeständnissen geneigter wären. In der That sind die geringen Verbesserungen des Gottesdienstes, die in den Consistorialtempeln von Paris vorgenommen wurden, in jener ersten Zeit eingeführt worden, während seit Jahrzehnten der Stillstand herrscht, selbst in dem, was als Mißbrauch erkannt wird. Haben doch die Arch. isr. selbst über Unzukömmlichkeiten ihren Tadel auszusprechen, die sich namentlich an den hohen Festtagen fühlbar machen. Italien. Rom, im Januar. Von der königlichen Fainilie, unter deren Regierung das geeinigte Italien die Segnungen des Friedens und der Freiheit genießt, sind von jeher, auch schon von Vietor Emanuel, die freundlichsten Aeußerungen über ihre jüdischen Unterthanen bekannt geworden, sobald die Gelegenheit dazu gegeben war. Als König Humbert seine Reise durch die Romagna machte, stellte sich ihm eine Deputation der Juden von Cesena vor, um ihm ihre Huldigung darzubringeu. Unter den Delegirten unserer Glaubensgenossen bemerkte er Männer, welche für die Unabhängigkeit Italiens mit gekämpft hatten und mit den desfalsigen Denkmünzen geschmückt waren. Der König ergriff die Gelegenheit, das Verdienst der Italiener jüdischer Religion anzuerkennen und sagt u. A.: „Mein erlauchter Vater hatte eine besondere Achtung und Werthschätzung für seine israelitischen Unterthanen: diese verdienten es wohl, denn in dem goldenen Buche unserer Kriege für die Unabhängigkeit des Vaterlandes begegnen wir hunderten von jüdischen Namen, und die, welche sie trugen, haben Gut und Blut für unsere Sache geopfert." Serbien. Belgrad, 3. Januar. (Privatmitth.) Die neue serbische Verfassung kann als eine der freisinnigsten Europas bezeichnet werden. Die wichtigsten Bestimmungen, welche für uns besonderes Interesse haben sind folgende: §. 7: Alle Serben sind vor dem Gesetze gleich. §. 14: Ein serbischer Staatsbürger kann nicht landesverwieseu oder von einem Orte in einen andern abgehoben werden. 8- 17: Die Gewissensfreiheit ist unbegrenzt. Alle anerkannten Religionen sind frei und stehen unter dem Schutze des Gesetzes insoweit ihre Ausübung nicht die öffentliche Ordnung oder Moral gefährdet. 8- 18: Proftlytenmacherei ist verboten. Belgrad, 9. Jan. (Privatmitth.) Aus den jüngsten Wahlen ist kein Jude als Mitglied der NationalBersammlung hervorgegangen. Herr Oserovies ist nicht wieder als Candidat aufgetreten und Herr Jacob Alkalei, der Präsident der hiesigen israel. Gemeinde, erhielt nur 521 Stimmen. — Unser Landsmann, Herr H. S. Davitcho, wurde vom Könige zum Vice-Consul in Pest ernannt. Bosnien. Serajevo, 10. Januar. Leon I. Finzi, Oberrabbiner - der sephardischen Israeliten in Bosnien und der Herzego- - wina, ist den 5. d. M. nach längerem Leiden gestorben. Der 4

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