Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1889)
- Date
- 1889-01-25
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227776--45932-3265466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
54 und seiner Berliner christlich-socialen Bewegung aller Werth abgesprochen worden, da sie durchaus unfähig wären, etwas Positives zu schaffen. Gegen diesen Rößler hielt nun Wagner und Stöcker theils donnernde, theils witzig sein sollende Reden. Die beiden Männer hätten statt banaler Redensarten wirklich etwas Positives Vorbringen sollen — das wäre die schlagendste Widerlegung gewesen. Aber dies gelang ihnen nicht. Bemerkenswerth ist, daß Wagner nicht ein einziges Mal der Juden erwähnte, was ihm doch früher glatt vom Munde ging. Aber auch Stöcker gedachte ihrer erst am Schluß und zwar in sehr milder Weise. Er behauptete, die Socialdemokratie sei nur noch eine „Singer'sche Nähmaschine", die Sklavin des Judenthums. Dieser lächerlichen Behauptung fügte er gleich hinzu: „Es giebt allerdings auch anständige Juden, die man nicht beleidigen darf, Juden, die anständiger sind als Herr Rößler." Und auch dies wurde von der Versammlung mit stürmischem Beifall belohnt. Nun, Herr Stöcker scheint etwas von dem Anstande dieser anständigen Juden gelernt zu haben. Er rechnet nicht einmal Herrn Rößler zu der von ihm so oft citirten „Judenpresse". Vielleicht lernt er noch mehr. Zu bemerken ist auch, daß in der „Nordd. Allg. Ztg." der Pastor Witte eine geharnischte Erklärung gegen Stöcker losläßt. Daß dies in dem Organ des Reichskanzlers geschieht, hat immerhin eine Bedeutung. Man schließt daraus, daß Stöcker in den reichskanzlerischen Kreisen keine Zustimmung mehr findet. Er scheint sich dessen bewußt zu sein, wie auch sein Auftreten in der kolonialpolitischen Verhandlung des Reichstages erweist. Daraus kann man aber nicht minder sckließen, daß Stöcker in anderen nicht weniger maßgebenden Kreisen seine Stütze findet und sich dessen wohl bewußt ist. Interessant ist es auch, in welcher Weise die hiesigen Organe der Cartellparteien den Abfall der Antisemiten und Zünftler von ihnen in Breslau beurtheilen. Die „Rat. Z." sprach sich sehr zufrieden damit aus: sie freute sich, diese Elemente los zu sein. Der „Nationalliberale Correspondenz" dagegen mißfiel es sehr, noch dazu, da Redner der Cartellparteien (Prof. Schmidt) den Antisemiten gesagt hätten, daß ihre Tendenz innerhalb der Cartellparteien immer mehr Fortschritt mache. Also auch hier Schwanken, „Hinken auf beiden Seiten." Die Wahl selbst zeigte, daß dieser Streit ganz unnütz war, da die für die Cartellparteien abgegebenen Stimmen, mit denen der Antisemiten und Zünftler zusammengenommen, noch hinter denen der Socialdemokraten und Freisinnigen so weit Zurückbleiben, daß ihr Candidat doch nicht einmal in die Stichwahl gekommen wäre. — Die „Voss. Ztg." erhält folgende Zuschrift: „Verehrliche Redaktion! In einem Aufsatz „Die Judenherrschaft in den Karpathenländern" von Rudolf Bergner, welcher in verflossener Woche in der hiesigen antisemitischen „Staals-! bürger-Zeitung" erschienen ist, wird mir nachgesagt, daß ich meine auf das östliche Judenthum bezüglichen Schriften und „auch noch andere Sachen" nicht selbstständig verfaßt, sondern aus den „hinterlaffenen Papieren, Notizen und Entwürfen" meines Bruders, welcher vor nun zweiunddreißig Jahren im 21. Lebensjahre als Student der Medicin dahingeschieden ist, „gedichtet" hätte. Obwohl sich diese Anschuldigung sicherlich in den Augen jedes Vernünftigen selbst richtet, habe ich dennoch Herrn Rechtsanwalt Dr. Richard Grelling, hier, beauftragt, meine Klage wegen Verleumdung gegen den Verfasser jenes Aufsatzes und die Redaktion der „Staatsbürger-Zeitung" zu erhebe», weil es mir als Pflicht jedes Einzelnen erscheint — und College« der verschiedensten Parteirichtungen, denen ich den Fall vorgelegt, theilen diese Ansicht — eine Kampfweise der verdienten Strafe zuzuführen, welche dem literarischen Gegner, statt ihn sachlich zu widerlegen, durch wahnwitzige Erfindungen die Ehre abzuschneiden sucht. Berlin, 14. Januar 1889. Hochachtungsvoll und ergebenst Karl Emil Franzos." Breslau, 13. Januar. (Privatmitth.) Wir haben schon berichtet, daß für die Ersatzwahl in den Reichstag sich die Antisemiten und die Zünftler, jene unter dem Titel „Deutscher Reformverein", dieser als „Verein zum Schutze des Handwerks", von den Cartellvereinen losgesagt haben, um einen eigenen Candidaten aufzustellen. Die Cartellparteien suchen nun die Abtrünnigen wieder zu gewinnen. Hierfür tritt jetzt ein Professor vr. Hermann Schmidt ein, indem er versichert, daß die Cartellparteien ebenfalls Antisemiten seien. Er sagt u. A.: „Der Antisemitismus, sofern er in einer Gesinnung besteht, welche den Gelüsten eines großen Theils unserer jüdischen Mitbürger, sich der Herrschaft über unser ganzes öffentliches Leben (I) zu bemächtigen, entgegenzutreten entschlossen ist, hat auch in den Reihen der Freiconservativen und der Nationalliberalen (!) die entschiedensten Fortschritte gemacht, und beide Parteien sind hier in Breslau in den Augen der Bannerträger der Judenherrschaft genügend compromittirt (!). Diesem naturgemäßen Proceß wird nun ein Riegel vorgeschoben, wenn der eigentliche Antisemitismus sich nicht damit begnügt, zu wissen, daß im Cartell diese Gesinnung ihre mehr oder weniger entschiedene Vertretung (!) findet, sondern wenn er ein formulirtes Bekenntniß verlangt zu Forderungen, die überdies gar nicht im Wege der Gesetzgebung erfüllbar sind, am wenigsten im Reichstag. Da diese Forderungen also practisch gar nicht für einen Reichstagscandidaten in Betracht kommen können, so bilden sie eine Art Geßlerhut, dessen Verehrung zur Bedingung der Unterstützung gemacht wird." Zu bemerken ist hierzu noch, daß Prof, von Stengel, der antisemitische Hetzredner, sich noch im Lager der Cartellparteien befindet. — Wir geben zu, daß in Bezug auf auti-