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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-17 · Heft 3 (17.1.1889) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 3 (17.1.1889)
Date
1889-01-17
Page
Seite 45 (sequence 13)
Language
German
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45 sich wenig. Eine solche Eigenschaft fordert uns stets dazu auf, das Lob dessen, den sie zierte, zu verkünden. Obwohl ich Herrn Heilprin seit vielen Jahren genau kannte, vermied er es immer, über seine eigene Person zu sprechen; ich bin daher, was die Details seiner frühen Lebensjahre betrifft, auf eine Freundeshand angewiesen, deren Genauigkeit in dieser Hinsicht absolut ist. Er wurde in Piotrkow, in Russisch-Polen, im Jahre 1823 geboren, und ererbte die geistigen Fähigkeiten einer langen Reihe von hebräischen Gelehrten, deren erster, wie im Catalog des Britischen Museums verzeichnet ist, im Jahre 1558 ein Werk veröffentlichte. Sein Vater, Phineas Mendel Heilprin, der, die Geschicke seines Sohnes theilend, in Washington im Jahre 1863 starb, war ein Kaufmann und Gelehrter in der Fabrikstadt Tomaszow, wo Herr Heilprin seine Jugend verlebte. Der Vater, der sich den dort üblichen Geschäften widmete, war ein Hebraist von bedeutendem Range und las mit glühendem Eifer nicht nur die Werke Mairnonides', sondern auch Kant's, Fichte's und anderer christlicher Philosophen. Michael begann das Studium des Hebräischen, wie die meisten seiner polnisch-jüdischen Spielgenossen, im Alter von vier oder fünf Jahren. Er besuchte nie eine Schule und hatte, mit Ausnahme seines Vaters, nie einen Lehrer. Deutsch war seine Muttersprache, aber schon als Knabe machte er sich das Polnische vollkommen zu eigen. Er lernte gleichzeitig Latein, Griechisch und Französisch, stand regelmäßig um zwei Uhr Morgens auf und vertiefte sich sofort in seine Bücher. Von seiner frühen Jugend an übten die großartige Schönheit der hebräischen Poesie und die Schwierigkeiten der bebräischen Grammatik eine weit größere Anziehungskraft auf ihn aus, als die Subtilitäten des Talmuds. In seiner eigenen und zwanglosen Weise gab er seinem Bruder und seiner Schwester Unterricht, und als er ungefähr fünfzehn Jahre alt war, sammelte sich um ihn ein ein Kreis ebenso jugendlicher Schüler. Er begnügte sich nie damit, blos zu nehmen und nicht weiterzugeben; dennoch war nichts Didaktisches oder Pädagogisches in seinem Wesen, gewiß nicht zur Zeit, als er seine höchste Reife erlangt hatte. Noch als Knabe erweiterte sich sein geistiger Horizont durch wiederholte Reisen nach Preußen in Begleitung seines Vaters; und damals schon lenkten seine linguistischen Kenntnisse die Aufmerksamkeit berühmter Forscher auf sich. Er begann frühzeitig das Studium der vergleichenden Sprachwissenschaften und machte sorgfältige Aufzeichnungen von seinen eigenen Beobachtungen. Der polnische Aufstand von 1830—31 machte den lebhaftesten Eindruck auf sein Gemüth, und schon als Knabe lastete das russische Joch schwer auf ihm. Dieses wurde zuletzt so unerträglich, daß im Jahre 1843 seine Eltern ein Asyl in Ungarn suchten; er folgte ihnen mit seiner jungen Frau, denn obwohl erst zwanzig Jahre alt, war er schon verheirathet. Nach seiner Ankunft in Ungarn widmete er sich zwei Jahre lang dem Studium der Sprache, Geschichte und die Institutionen seiner neuen Heimath. Die große nationalliberale Bewegung, deren Führer Szechenyi, Eötvös, Deük und Kossuth waren, hatte bereits begonnen und Heilprin's Erlebnisse in Polen und seine damaligen Studien veranlaßten ihn, sich dieser Bewegung anzuschließen. Er gründete eine Buchhandlung in Miskolcz (dieselbe florirt noch heute) und kam in häufige Berührung mit ungarischen Edelleuten, deren Achtung er sich bald in so hohem Grade erwarb, daß er, obwohl er damals noch das eigenthümliche Costüm eines polnischen Juden trug, in den Miskolczer adeligen Club ausgenommen wurde. Als die Revolution des Jahres 1848 ausbrach, war sein Ruf als Schriftsteller bereits begründet, und seine revolutionären Gedichte drangen in weite Kreise. Er wurde zum Secretär des literarischen Bureaus ernannt, das dem Ministerium des Innern beigegeben war. Nach der Proklamation der Unabhängigkeit Ungarns im Jahre 1849 folgte er der Regierung nach Debreczin, Pest und Szegedin, als die Kriegsereignisse diese Verlegungen des Hauptquartiers nöthig machten. Die Revolution nahm ein baldiges Ende, durch eigene Schwäche und schmählichen Berrath, und Herrn Heilprin gelang es nur mit knapper Noth, den Oesterreichern zu entrinnen. Er hielt sich mehrere Monate lang verborgen, entwich schließlich aus Ungarn und flüchtete sich nach Paris. Dort stellte sich jene Augenschwäche ein, die ihn schließlich nöthigte, sich in der Erwerbung seiner außerordentlichen Kenntnisse der Augen Anderer zu bedienen. Dieses große Unglück j gewährte ihm jedoch auch einen Ersatz. Seine Studien, j denen er sonst allein hätte obliegen müssen, knüpften ihn i> enger an die Glieder seiner Familie. Hauptsächlich in Folge seiner zunehmenden Augenschwäche ward es ihm unmöglich, sich in Frankreich ein Fortkommen zu sichern, und da inzwischen die Verfolgungssucht der österreichischen Behörden ein wenig nachgelassen hatte, beschloß er die Rückkehr nach Ungarn zu wagen. Die sechs Monate, die er in Frankreich zugebracht hatte, waren nicht gänzlich verloren. Er machte lange Fußwanderungen längs der Loire. Aehnliche Ausflüge wiederholten sich später von Jahr zu Jahr und erneuerten seine Jugend. Man konnte nicht leicht einen rüstigeren Fußgänger finden oder einen, der sich des Manderns mehr erfreute. Ein weiteres Vergnügen, daß er in Frankreich fand, waren die Vorlesungen Michelet's, Jules Simones und Anderer in der Sorbonne, denen er beiwohnte. Noch ehe Herr Heilprin nach Ungarn zurückkehrte, hatte er beschlossen, sich entweder in England oder in den Verl einigten Staaten eine Heimath zu gründen, und während er : einer Schule in Ujhely Vorstand, lernte er mit größtem Eifer , Englisch, so zwar, daß, als er Ungarn im Jahre 1856 ver-

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