Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
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42 fdjiebenartigen Talenten siebenundzwanzig Jahre gedient. Früher war er Oberrabbiner in Galizien (Lemberg) und wechselte sein lebenslängliches Amt mit einem wählbaren, einzig und allein aus Princip und aus Liebe zum Judcnthume. Der intelligenteste Theil der hiesigen Gemeinde hat ihn hierher berufen. Ihn hielt nicht das Hinderniß zurück, welches einem Anderen unüberwindlich geschienen hätte: die vollkommene Unkenntnis der russischen Sprache; er war in einem Alter, wo die Erlernung einer fremden Sprache wirklich schwer ist. Er hat viel geleistet; aber er hätte noch viel mehr leisten und wirken können, wenn er der russischen Sprache mächtig gewesen wäre. Er hat deutlich seine schwierige Lage begriffen und erkannt, aber nichtsdestoweniger entschloß er sich zu Allem. vr. Schwabacher wurde hier in Odessa mit Jubel begrüßt. Seine Ankunft war ein Ereigniß, bei dem sich nicht nur die jüdischen Zeitungen mit warmer Sympathie, sondern auch die damalige einzige russische Zeitung „Ter Odessaer Bote" aussprachen. Nicht mir, der die meisten Predigten und Schriften des vr. Schw. ins Russische übersetzte, der diese Schriften dem größten Theilc der jüdischen Masse zugänglich machte, die die deutsche Literatursprache nicht versteht — nicht mir geziemt es, über jenen Eindruck zu sprechen, welchen seine ersten Predigten auf die Intelligenz und die Masse hervorbrachten. Siebenundzwanzig Jahre im Amt und zumal in einem wählbaren, beleuchten diesen Eindruck viel mehr, als alle Worte. Die zehntausend Menschen, die seine Predigten in deutscher Sprache gehört oder in russischer Sprache gelesen haben, werden mit mir einverstanden sein, daß vr. Schw. niemals weder langweilig, noch banal war. Sein Wort war laut und beherrschend, sein Organ mächtig und schön; seine Sprache — ein Muster deutscher Rede. Aber die Hauptsache vor Allem waren die Ideen und das Gefühl. Die Ideen, die vr. Schw. in seinen Predigten durchführte, waren in einem solchen Maße sonnenhell und sonnenwarm, wie man sie selten bei einem, selbst dem berühmtesten Prediger begegnet. Das war die Stimme und der Ausdruck der intelligenten jüdischen Masse. Der Grundgedanke desvr.Schw. war allgemeiner menschliche Brüderlichkeit. Es klingt wie eine Phrase, aber wenn wir es näher betrachten, so ist es eines der größten sittlichen Principien, in höchstem Maße human und zeitgemäß, namentlich für einen Rabbiner, und hauptsächlich jetzt und hier. Einige Tage vor seinem Heimgange sprach ich mehrere Stunden mit vr. Schw. über die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland. Ich fürchtete, zu tief in diese Frage einzudringen, die sehr schmerzhaft für den theuren Greis war. Er bemerkte es, und mit einem traurigen, milden Lächeln, welches ich nie vergessen werde, sagte er: „Sie schonen mich umsonst. Ich bin ein Jude, folglich muß ich ohne Murren mich Allem unterwerfen. Und namentlich als Jude unterwerfe ich mich bewußt und ohne zu murren. Vielleicht fordert das Wohl Rußlands — meines jetzigen adoptirten Vaterlandes — gegenwärtig unbedingt diese Maßregeln. Möge es denn so sein. Mit vollem Glauben, wie unser Erzvater Abraham, bringe ich meine Kinder dem Baterlande zum Opfer und werde nicht murren." Hätte dies ein Anderer gesagt, ich würde an die Aufrichtigkeit desselben nicht glauben; aber in diesem Falle giebt es keinen Zweifel. Tie Hauptsache ist, wie er selbst sich zur Jetztzeit stellte, so lehrte er auch Andere sich stellen, und mit kleinen Abänderungen predigte er dies im Allgemeinen. Er hat viele Mal gesagt, daß das Leiden nur ein zeitweiliges, eine Uebergangsperiode sei; daß dieses Leiden sehr oft als Läuterung diene. Ein anderer Grundgedanke der Lehre des vr. Schw. war die Erhaltung seiner Nationalität, aber freilich nicht im engeren Begriffe des Wortes, sondern in der Bedeutung, daß jede Nationalität, wie jedes chemische Element, eine wesentliche Bedeutung für das Allgemeine hat — so lange es ein Element ist. Die Selbstständigkeit und die Wichtigkeit des Elementes unterliegen nicht dem geringsten Zweifel; aber vor dem geistigen Auge des vr. Schw. schwebte immer das höchste Ideal: die Menschheit, gleich dem Ocean, wie er sagte, welcher die einzelnen Flüsse nährt — die Nationalitäten. Diesem höchsten Ideale hat der Verewigte redlich im Laufe seines langen und fruchtbaren Lebens gedient und gehuldigt. Ich kann hier einen heiklen Punkt, wie vr. Schw. „das Vaterland" begriff, nicht unerklärt lassen. Er war deutscher Unterthan (ich glaube Württemberger); er war ein hervorragender Mann in der Mitte der russischen Juden, und natürlich Jude von Abstammung und Religion. Es würde, scheint es, hier schwer fallen, nicht nur mit dem Verstände, sondern auch mit dem Gefühle das Wort „Vaterland"zu definiren. Er blieb Jude, erzogen in der deutschen, d. h. allgemein europäischen Literatur und Wissenschaft und liebte Rußland herzlich — ja herzlich, — und mit ganzer Seele. Sein „Kaiserkranz" und viele, sehr viele seiner Reden, die ich die Ehre und das Vergnügen hatte, zu übersetzen, alle seine Thaten und Handlungen, sein ganzes Leben, geben hiervon einen hinlänglichen Beweis. Zum Schluffe kann ich nicht umhin, einige Worte über das oratorische Talent des vr. Schw. hinzuzufügen. A» ihm hat das lateinische Sprüchwort: oratoros 6nnt, poetao nasonntur sich nicht bewährt. Er war nämlich ein Redner von Natur. Das tiefe Studium der Classiker zeigte sich in seinen öffentlichen Reden. Seine Perioden waren vielleicht manchmal etwas zu lang. Cicero und Demosthenes vernahm man vielleicht zu oft, mehr als wünschenswertst. Aber