Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- Seite 41 (sequence 9)
- Language
- German
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41 Sammlungen und Spenden zu Gunsten der Armenverwaltung 14 875 fl., Subvention der Hauptstadt 8000 fl., Cultussteuer 95 000 fl. u. s. w. Die Hauptsumme des Bedarfs ist mit 247 001 fl., die Bedeckung mit 238 441 fl. präliminirt. Es ergiebt sich somit ein Defizit in der Höhe von 8560 fl. Prag, 3. Januar. Die steiermärkische Statthalterei hat den antisemitischen Bauernverein der Umgebung von Marburg wegen dessen Kundgebungen zu Gunsten Schönerer's aufgelöst. Krems, 6. Januar. Abermals ein Antisemit vor dem Strafrichter. Am 4. Januar begannen die Verhandlungen vor dem Gericht in Krems gegen den des Verbrechens der Erpressung angeklagten Secretär Schönerer's MichaelBruckmaier. Derselbe ist beschuldigt, in einem an den Bezirkshauptmann von Zwettl gerichteten anonymen Briefe diesen Beamten, der den Antisemiten schon lange ein Dorn im Auge war, mit Erschießen gedroht zu haben, falls er nicht auf seinen Posten resignire. Außerdem ist Bruckmaier, ein ehemaliger Gendarm und jetzt einer der fanatischesten Anhänger Schönerer's, der Weiterverbreitung der verbotenen Druckschrift: „Hoch Schönerer!" angeklagt. Unter der gleichen Anklage steht auch sein Gesinnungsgenosse Gastwirth Franz Maierhofer aus Weitra vor den Schranken des Gerichts. Die Verhandlungen werden mehrere Tage dauern. Rußland. Odessa, im Dec. (Privatmitth. Verspätet.) Dr. Schwabacher ist nicht mehr! Vorgestern gegen 9 Uhr Abends ist er plötzlich dahingerafft worden. Die traurige Nachricht von seinem Hinscheiden hat hier in allen Schichten der jüdischen und christlichen Bevölkerung den tiefsten und schmerzlichsten Eindruck hervorgerufen. Alle hiesigen Zeitungen, die antisemitischen „Neuruss. Telegraphen" nicht ausgenommen, brachten ehrende Nekrologe. — Was speeiell wir russischen Juden in dem Entschlafenen verloren, dessen irdische Hülle heute schon dem Schoße der Erde übergeben worden ist, dies zu schildern, ist meine schwache Feder in diesem Augenblick nicht im Stande; der jähe Tod des von mir geliebten und hochgeachteten Redners hat mich zu Lief erschüttert. Der edle Mann, der hochgefeierte Prediger, dessen Freundschaft ich eine Reihe von Jahren genoß, den ich vom ersten Momente seines Hierseins — 27 volle Jahre — hochgeschätzt habe, er ist in einem Momente dem irdischen Dasein entrückt worden! — Heute gegen 1 Uhr Nachmittag fand das imposante Leichenbegängniß statt. Eine unübersehbare Menge war schon einige Stunden zuvor in den angrenzenden Straßen und um das Trauerhaus versammelt. Die Straßen waren beleuchtet, und die meisten Geschäfte der jüdischen Kaufleute geschlossen. Unter den Anwesenden sahen wir den Chef unserer Provinz, Seine Excellenz den General-Gouverneur von Roop, den Civil-Gouverneur Contre-Admiral Seleny, den Bürgermeister Marasby mit sämmtlichen Stadträthen, den kaiserl. deutschen Generalkonsul Dr. Lührsen, Stadtverordnete, den Karaitischen Chacham, viele hervorragende christliche Banquiers und Kaufleute, Beamte und sämmtliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Im Trauerhause sprach der Vorsteher des Tempels, Herr Lulky, und widmete dem Heimgegangenen Rabbiner und Prediger einen tiefgefühlten Nachruf, der alle Anwesende zu Thränen rührte. Nachdem die Chöre der Hauptsynagogen einen Choral angestimmt hatten, wurde der mit Blumen und Kränzen reichgeschmückte Sarg hinuntergebracht und bis zur neuen Synagoge in derEkaterinenstraße getragen, während der Leichenwagen völlig mit Blumen bedeckt folgte. Alle hiesigen jüdischen wohlthätigen Anstalten und Vereine hatten Kränze gesandt; auch der Bürgermeister einen solchen gewidmet. — In der Halle des neuen Friedhofes hielten der gelehrte Rechtsanwalt Morgulies und zwei jüdische Studenten Trauerreden. Welche unbegrenzte Liebe und Hochachtung der Verklärte hier in christlichen Kreisen genoß, bewies die großartige Leichenfeierlichkeit, aber noch mehr der treffliche Nachruf des Herrn Sytschewsky (eines bekannten hiesigen Journalisten) im „Odessaer Boten", den ich in deutscher Uebersetzung hier wiedergebe: „Meine Leser dürfen diesmal von mir keine Unparteilichkeit erwarten, wiewohl ich aus Grundsatz mich bestreben werde, so viel als möglich unparteiisch zu sein. Aber soeben von dem Grabe meines intimen und unvergeßlichen Freundes zurückgekehrt, mit dem mich eine fünfundzwanzigjährige Freundschaft verband, darf ich wohl Nachsicht für mich beanspruchen, ... Ja, eine fünfundzwanzigjährige Freundschaft! ... Es ist eine lange Zeit! Der verewigte Dr. Schwabacher war ein merkwürdiger Mann in jeder Beziehung: ein Mann des Princips und des Herzens, ein gründlicher Gelehrter, ein großer Redner, dec in der intelligenten jüdischen Masse die humansten, menschenfreundlichsten Ideen einführte; ein edler Mensch und Vater, ein guter, zuverlässiger Freund. Kann man von einem Menschen mehr fordern und erwarten? Diejenigen, die Dr. Schwabacher kannten und liebten — und Solcher giebt es sehr viele — Diejenigen wissen, daß ich die reine Wahrheit sage; ja, daß ich vielleicht noch weniger gesagt, als ich sagen sollte; aber ich fürchte, statt eine Charakteristik zu liefern, eine Dithyrambe zu schreiben. Odessa kennt Dr. Schwabacher sehr genau. Er hat dieser Stadt mit allen seinen Kräften, mit allen seinen ver- 3