Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
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40 zu veranstalten, denen das eine Mal Kaiser Wilhelm, das andere Mal der unvergeßliche Liebling der deutschen Nation, Friedrich, beigewohnt hat. Wiesbaden, im Januar. (Privatmitth.) Bei der Feier des 50 jährigen Bestandes des hiesigen israelitischen Männer- Kranken-Vereins wurde vom Rabbiner Dr. Silberstein der Gedanke angeregt, einen „Waisen-Unterstützungsfond" zu gründen. Dieser Gedanke hat in den seitdem verflossenen drei Jahren den Erfolg gehabt, daß der Fond bereits M. 11538 j beträgt. Natürlich reicht derselbe noch lange nicht aus, umzu dem vorgesteckten Ziele gelangen zu können und der Mi-! nister des Innern hat deshalb vorläufig dem Comito bie | Rechte einer juristischen Person verweigert. Jndeß war bie | Betheiligung bis jetzt doch eine so rege, daß wir hoffen können, daß bei dem Eifer des Comitss die Mittel des Vereines sich rasch vermehren werden, um mit wirksamer Thätigkeit für den edlen Zweck beginnen zu können. Marburg, 7. Jan. Folgender Bericht lehrt abermals, von welchem Schlage die meisten antisemitischen Führer und Hetzer sind! Dies sind die sittlichen Helden, welche über die Moralität der Juden absprechen und Deutschland retten! wollen! Am Freitag stand vor dem hiesigen Amtsgericht! Termin gegen Dr. Böckel an. Derselbe war von seiner ehe-! maligen Haushälterin Eva Hilgert auf Zahlung von Ali-! menten für seinen aus dem intimen Verkehr mit ihr ent-j sprossenen Sohn, die er in Höhe von 30 M. per Monat bis; zu dessen 14. Lebensjahr versprochen hatte, verklagt worden. Böckel war nicht erschienen, sondern ließ sich durch seine ihm vor noch nicht einem Jahre angetraute, vor wenigen Wochen mündig gewordene Gattin vertreten. Die Vertreterin schützte Namens ihres ehelichen Mandanten vor, das Versprechen sei in Unkenntniß des Gesetzes gegeben worden. Behufs Vernehmung weiterer Zeugen wurde die Verhandlung vertagt. Fordon (Posen), 4. Januar. Von hier wird berichtet: Recht gemüthlich scheint es in der Neujahrsnacht in dem posenschen Städtchen Fordon zugegangen zu sein. Der dortige Correspondent der Ostd. Pr. berichtet von der „Sylvesterbegeisterung" Dinge, die schier unglaublich klingen. „Am Neujahrsmorgen", so schreibt der Gewährsmann, „bemerkte man, daß das Thor des jüdischen Kirchhofes, das sonst sorgfältig geschlossen wird, offen stand. Besucher des Kirchhofes fanden bald, daß dasselbe ausgehoben und zerbrochen war. Ferner fand man gegen dreißig Grabsteine umgeworfen und total zertrümmert. Gleichfalls zerschlagen war ein kostbares eisernes Gitter. Der durch diese beispiellose Rohheit ange-! richtete Schaden beläuft sich auf nahezu 3000 Mark. Sie] Fordoner Polizei giebt sich alle Mühe, der Thäter habhaft zu werden. Wie verlautet, soll bereits ein Schmiedegeselle als der That dringend verdächtig verhaftet worden sein. Geschästsschilder verschiedener Läden waren abgerissen. In ein am Ende der Stadt gelegenes Häuschen drangen Strolche ein und mißhandelten die dort wohnende, leidende Wittwe derart, daß dieselbe krank darniederliegt." Alles in Allem scheint die „Fordoner Bewegung" an Lebhaftigkeit und Nachhaltigkeit der „Berliner Bewegung" weit überlegen zu sein. Oesterreich-Ungarn. Pest, 28. Dec. Der Nyiregyhazaer Advokat Dr. Ignatz Heumann hat anläßlich der Verhandlung des Tißa-Eßlarer- Processes in seinem Plaidoyer über die Comitatsfunctionäre eine Aeußerung gethan, wonach dieselben um jeden Preis nach falschen Beweisen haschen. In Folge dieser Aeußerung überreichte der Oberfiscal des Szabocser Comitats im Juli 1883 gegen den genannten Advokaten die Klage wegen Verleumdung und Ehrenbeleidigung. Da jedoch der Ueberreicher der Klage weder seitens der Privatbeschuldigten, noch seitens der Vorgesetzten Behörde eine Vollmacht beigeschlossen hat, eine Vollmacht aber wegen mittlerweile eingetretener Verjährung nicht mehr ausgestellt werden kann, stellte der Gerichtshof von Nyiregyhaza das weitere Verfahren ein. Der Einstellungsbeschluß wurde heute von der k. Curie bestätigt. Pest, 4. Januar. (Privatmitth.) Die Budget-Commission der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde hielt gestern unter dem Vorsitz des Vorstandes Hermann Nagel eine Sitzung, in welcher das Budget pro 1889 berathen und angenommen wurde. Das Budget zeigt folgende wichtigere Posten auf: Die Kosten der Tempelverwaltnng sind mit 29 158 fl., die der Synagogen Verwaltung mit 12100 fl., die Kosten des Jugendgottesdienstes mit 1950 fl. veranschlagt. Für ihre Schulen bringt die Gemeinde beträchtliche Opfer, und zwar für die Knabenschule 18 885 fl., die Mädchenschule 7070 fl., den Religionsunterricht 28 657 fl., Talmud-Thora 3400 fl. Zu erwähnen ist, daß das Gehalt der Religionslehrer dem der übrigen Gemeindelehrer gleichgestellt, das ist um je 100 fl. verbessert wurde. Der Spitalsbedarf ist mit 21142 fl., die Armenpraxis mit 5250 fl. präliminirt. Für die Armenunterstützung werden 26150 fl., als Beitrag für die Waisenerhaltung 4150 fl. eingestellt. Für Schulkinderbekleidung und Verköstigung werden 5000 fl., an Stipendien 1200 fl. veranschlagt. Die Bezüge des Rabbinates sind mit 14 730 fl. eingestellt. Die Central-Verwaltungskosten betragen 33 290 fl. Die Einnahmen der israelitischen Religionsgemeinde stellen sich aus folgenden wesentlicheren Posten zusammen: Die Tempelverwaltung ergiebt 25 514 fl. (davon 4300 fl. Betsitzmiethe, 16 000 fl. Trauungsgebühren), die Synagogenverwaltung 5914 fl., die Prüfungstaxen für Religionsunterricht 14 000 fl., die Zinsen der Spitalsstiftungen und Spenden 10 459 fl. Der Beitrag der Chewra Kadischa für die Spitalskosten beträgt 12 746 fl., diverse