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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-17 · Heft 3 (17.1.1889) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 3 (17.1.1889)
Date
1889-01-17
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 um aller Welt die Machtlosigkeit der Versammlung zu bezeugen. Der Parteigeist und der Doetrinarismus beherrschten die Versammlung und untergruben ihr Ansehen und ihre Stellung so sehr, daß es den Regierungen leicht wurde, sie bei Seite zu schieben und aufzulösen. Daß die lange Verzögerung in der Feststellung und Herausgabe der Verfassung ein unverzeihlicher Fehler war, kann man daraus folgern, daß zur Zeit der Eröffnung der Nationalversammlung die Begeisterung für dieselbe und für die deutsche Sache überhaupt im Volke, wenigstens in Norddeutschland schon sehr erloschen war. Wir können hierfür ein Zeuguiß heranbringen. Schreiber Dieses war damals an der Redaetion der in Magdeburg erscheinenden „Elb-Zeitung" betheiligt. In deren Leitartikel vom 18. Mai 1848 „die Eröffnung des deutschen Volksreichstages" heißt es wörtlich, nachdem die historische Bedeutung dieses Aktes erörtert worden: „Nun — warum brennen keine Freudenfeuer auf den Höhen, obschon dazu aufgefordert worden? warum keine kirchliche Feier des Tages, obschon darum ersucht worden? warum wehen nicht einmal die deutschen Fahnen wieder aus den Fenstern, die vor sechs Wochen so stolz und so lustig zugleich flaggeten? O, man läßt sie lieber bescheiden in den Winkeln, dahin sie wieder gelegt worden. Staub beginnt, sie zu bedecken. Die politische Meinung in Deutschland gleicht der sturmgepeitschten See, die bald Häuser hohe Wogen wirft, bald in grundlose Tiefen stürzt. Die politische Meinung in Deutschland ändert sich — wenigstens jetzt — alle acht Tage, denn sie hat noch keinen Anlergrund int Herzen des Volkes gefaßt, und ist so von den äußeren Vor-und Zufällen abhängig."—Allgemein eingestanden wird, daß wir bis jetzt noch keine objective, unparteiische Geschichte dieser deutschen Nationalversammlung besitzen. Die mehrfachen Schriften, die bis jetzt über dieselbe erschienen sind, stehen sämmtlich entschieden „auf der Zinne der Partei", zu welcher der Autor seiner Gesinnung und seinem Leben nach gehört, oder sie sind als „Erinnerungen" vorzugsweise persönlicher Art. Jüngst erschien eine ziemlich ausführliche Schilderung: „Denkwürdigkeiten aus der Paulskirche von W. Wichmann, konigl. Regierungsrathe a. D." (Hannover, Helwiug, 1888). Der Berf. meint, daß er möglichst objectiv verfahren sei. Wir meinen, daß er hierin im Jrrthum ist, denn mit Nichten wird er allen Parteien gerecht, vielmehr saß er von Anfang an auf der äußersten Rechten, und nur die Helden dieser Partei finden Gnade vor seinen Augen, namentlich die Männer der Linken giebt er sämmtlich für leere Schwätzer aus. Ueber die Dinge selbst lassen verschiedene seiner Bemerkungen keinen Zweifel über die Natur seiner Ansichten. Doch kommen wir nun zu der Scene, die uns insonders zu diesem Artikel veranlaßte. Man war endlich Ende August mit den Berathungen über die Grundrechte beschäftigt. Während man in mehreren Sitzungen über die Absätze diskutirte, welche im 5. Artikel das Rechtsverhältniß der Religionsgesellschaften, des Staates zu ihnen, also des Staates und der Kirche, sowie der Schule betrafen — trat völlig unerwartet Moritz Mohl mit einem Amendement gegen die Gleichberechtigung der Juden auf. Moritz Mohl, Bruder der ausgezeichneten Robert, Julius und Hugo v. Mohl, der erste einer der vorzüglichsten Staatsrechtslehrer, der zweite berühmter Orientalist, der dritte verdienstvoller Botaniker, war ein eigenthümlicher Kauz, in dessen Geiste viele Widersprüche lebten. Obersteuerrath in Stuttgart, hatte er sein Amt und seinen Geburtsadel mit dem Eintritt in die Nationalversammlung niedergelegt. Er gehörte hier zu der gemäßigten Linken, später in den wärt-! tembergischen Ständeversammlungen zur äußersten Linken; er!war jedoch entschiedener Particularist und heftigster Verthei-! diger der höchsten Schutzzölle und des Tabakmonopols; er ■ bekämpfte 1867 den Anschluß der süddeutschen Staaten an! den norddeutschen Bund, und ebenso feindlich benahm er sich; 1871 gegen die Gründung des deutschen Reiches. Dieser;Mann, eben kein großer Redner, aber desto redseliger, wie ' selbst Wichmann bemerkt, brachte das Amendement ein: „Die j eigenthümlichen Verhältnisse des israelitischen Volksstammes j sind Gegenstand besonderer Gesetzgebung und können vom j Reiche geordnet werden. Den israelitischen Angehörigen Deutschlands werden die activen und passiven Wahlrechte gewährleistet." Das war dieselbe Weisheit, welche schon im 16. Artikel der Bundesacte von 1816 ausgekramt war, nur daß die höchsten staatsbürgerlichen Rechte, die Wahlrechte, zugestan^en werden sollten, während die bürgerlichen Rechte in Frage gestellt wurden. Er begründete seinen Antrag mit denselben Phrasen, welche die Gegner der Gleichberechtigung immer vorgebracht haben und die Antisemiten noch heute ausführen: die Juden seien ein fremdes Element, vermischten sich aus religiösen Gründen nicht mit dem Volke und trieben nur Handelsgeschäfte. Da erhob sich Gabriel Rieffer und hielt eine Rede voll glänzendster Beredtsamkeit, in welcher die Tiefe der Empfindungen mit der Klarheit des Verstandes und der Sicherheit der Ueberzeugung sich vereinten, um den tiefsten Eindruck auf das Parlament und die Gallerten zu machen. Er widerlegte den Vorredner Schritt vor Schritt mit der schärfsten Logik und mit der Hinweisung auf die Beschlüsse der Versammlung, welche den, eine fremde Sprache Redenden in Deutschland gleiche Rechte zugestanden, während Mohl deutsch redenden Juden, deren Bildung und Richtung deutsch sei, dieselben verweigern wolle. Wer beide Reden wörtlich nach den stenographischen Berichten lesen will, findet sie in No. 39 des Jahrg. 1848 d. Zeit. Wenn die Rede Mohl's von der Versammlung mit eisiger Kälte ausgenommen worden, so fand Messer stürmischen Beifall. Kein einziger Redner trat Mohl bei, wogegen nach ihm Osterrath von Danzig und

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