Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Ein nnimtteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M.,directvon der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner I)r. Kudwig Philipp so« in Donn. Expedition: Leipzig, Kospital'straße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 17. Januar 1889. Nr. 3. Jabalt. Leitende Artikel: Aus der deutschen Nationalversammlung im Jahre 1848/1849. — Bilder aus dem Leben des Volkes Israel. VI. — Der Panislawismus in Afrika. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Wiesbaden. Marburg, Fordon. — Oesterreich-Ungarn: Pest. Prag, Krems. — Rußland: Odessa. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Eine Stimme aus Amerika. — Biographie Michael Heilprin's. — Letzte Zeitungsnachrichten: Berlin. i Bonn, 13. Januar. Aus der deutschen Nationalversammlung im Äahre 1848] 1849. Es sind jetzt vierzig Jahre verflossen, seitdem die deutsche Nationalversammlung die Grundrechte für das deutsche Reich nach langen Berathungen zum Beschluß erhob, und es geziemt sich wohl, gerade unter den jetzt obwaltenden Gesinnungen, dieses Ereignisses zu gedenken und namentlich einer Scene, welche die jüdische Glaubensgenossenschaft speciell betraf. Man kann aus der letzteren auf die Verschiedenheit des Geistes schließen, der damals herrschte und der gegenwärtig sich fühlbar macht. Schon die Dankbarkeit verpflichtet uns, nicht ohne Erinnerung daran vorüber zu gehen. Was man auch von diesem ersten deutschen Parlamente und dessen Mißerfolgen zu sagen sich jetzt gewöhnt hat, das! ist gewiß, daß es niemals vorher und bis jetzt nachher eine parlamentarische Versammlung gegeben, in welcher so viele geistige Kräfte, so reiches Wissen und solche Beredtsamkeit vereinigt waren. Befanden sich doch in ihr 76 ausgezeichnete Professoren, 26 Docenten und 176 Rechtsgelehrte. Ob dies für die Zwecke der Versammlung nützlich oder durch das Uebermaß nachtheilig gewesen, ist eine andere Frage; jedenfalls können wir in dieser Versammlung eine glänzende Frucht des deutschen Geistes und seiner vielhundertjährigen Entwickelung erblicken und anerkennen. Wenn die gewaltige!! Arbeit der deutschen Nationalversammlung ohne jede un-! mittelbare Ausführung blieb, dagegen die Jahre 1866 und! 1870 die Verwirklichung ihrer Idee, der Herstellung des deutschen Reiches unter preußischem Erbkaiserthume brachten: so darf man nicht übersehen, daß jener Versammlung als! Werkzeug nur das Wort zu Gebote stand, der leitenden Macht in diesen Jahren aber die gesammle deutsche Waffengewalt. Wenn man der Versammlung begründete Borwürfe machen kann, so bestehen dieselben in zwei Punkten: sie hatte eine viel zu große Meinung von der Macht, auf welche sie sich stützen konnte. Geschaffen durch die revolutionäre Bewegung, hielt sie diese für stark genug, um jeden Widerstand gegen ihre Beschlüsse überwinden zu können, und doch bestrebte sich ihre Mehrheit fast von vornherein, diese revolutionäre Aufregung abzudämpfen und das Ansehen der Regierungen wieder aufzurichten. Dies mag gerechtfertigt gewesen sein, dann aber durfte sie sich nicht darüber täuschen, daß sie ihren Einfluß hiermit verlor und nicht im Stande! sei, die Bewegung wieder in Fluß zu bringen. Der zweite Vorwurf besteht darin, daß sie nicht eingesehen, wie sie eine Versassung nur bann zur Geltung zu bringen vermöchte, wenn sie dieselbe in kürzester Zeit zu Stande brächte. Nur dann konnte sie auf die noch vorhandene Schwäche der Regierungen und die Begeisterung des Volkes rechnen. Sie that dies nicht, sondern brachte Monate nach Monaten auf die Vorbereitungen in der Commission und dann auf die Berathungen mit unendlichem Redeschwall über jeden einzelnen Ausdruck zu, so daß unterdeß die Situation eine ganz > andere geworden und sich Gelegenheiten genug gezeigt hatten,