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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-10 · Heft 2 (10.1.1889) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 2 (10.1.1889)
Date
1889-01-10
Page
Seite 29 (sequence 13)
Language
German
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29 - Uebrigens ist Ihr ganzes Wirken nur ein Wortmachen, das erfolglos bleiben muß. Sie werden das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen! Das ist noch das Erfreulichste an der Geschichte. (Beifall rechts.) Bürgermeister Uhl: Ich erkläre die Sitzung für geschlossen. Wien, 30. December. lleber die Parteiverhältnisse, die in der Gemeindevertretung der Stadt Wien herrschen, schreibt einsichtsvoll ein Correspondent der „Boss. Ztg.": Hatte man schon an den sogenannten demokratischen Elementen genug, die das nackte Streberthum zeigten, so ist seit dem Eindringen der Antisemiten die Sachlage noch viel schlimmer geworden. Ein Haufen von Talentlosigkeit. Wenn sich Männer in den Gemeinderath drängen würden, welche Bildung und Energie besäßen, um mit Reformen hervorzutreten, so wäre dies ersprießlich, selbst wenn man ihre politische Gesinnung nicht theilen könnte. Der Gemeinderath ist zunächst eine administrative Körperschaft, und wenn er auf dem Gebiete der städtischen Administration Großes leisten, durch Neueinrichtungen das Defizit beseitigen und die Lassen füllen würde, dann könnte sich Wien gratuliren. Von derartigen Ideen ist aber bei Antisemiten und Demokraten nichts wahrzunehmen; sie fördern die Arbeiten des Gemeinderathes nicht, sie stören nur dieselben, indem sie in unverantwortlicher Weise Debatten über die Juden oder gegen einzelne Mitglieder der Versammlung provociren. So wollten sie jüngst einem jüdischen Erziehungsinstitute eine geringfügige Subvention streichen, wobei in unerhörter Weise über die Juden losgezogen wurde. Einige Tage später war der Bürgermeister beim Statthalter, und Baron Possinger sprach sein Befremden über den rüden Ton aus, welcher im Gemeinderathe sich eingenistet. Der Bürgermeister wälzte die Schuld auf die kaiserlichen Behörden, welche in früherer Zeit die allerärgsten antisemitischen Ausschreitungen in Vereinen und Wählerversammlungen ruhig duldeten. Wenn auch wahr ist, was Herr Uhl sagte, so müßte man auch ihm den Vorwurf machen, daß er in der Niederhaltung der antisemitischen und demokratischen Schreier absolut keine Energie entwickelt und diesen Debatten einen zu breiten Spielraum gönnt. Nur diesem Mangel an Thatkraft ist es zuzuschreiben, daß die Antisemiten eine „Interpellation" einzubringen wagten, welche den Bürgermeister wegen seiner dem Statthalter gegenüber gemachten Aeußerungen einen Denunzianten nennt und ihn und die Gemeinderaths-Majorität in so unglaublicher Art schmäht, daß Herr Uhl sich weigerte, das Schriftstück verlesen zu lassen. Die Freunde des Bürgermeisters wollten zuerst das Schriftstück dem Strafgerichte übergeben, standen aber schließlich im Interesse der Würde und des Ansehens der Communal-Vertretung davon ab. Das Treiben der Antisemiten hat die Demokraten zu dem erfreulichen Entschlüsse gelangen lassen, sich von den Ersteren zu trennen und einen eigenen Club zu bilden, der zwar oppositionell sein, aber den parlamentarischen Anstand wahren will. Wien, 2. Jan. Gestern erschien eine Deputation der israelitischen Cultusgemeinde beim Bürgermeister mit der Bitte, dieser möge die Judenschaft in seiner Wirkungssphäre vor Ausschreitungen und Jnvectiven in Schutz nehmen. Der Bürgermeister erwiderte, daß er, soweit es in seiner Macht stehe, jeden ungerechtfertigten, in der Bevölkerung zu Haß und Zwietracht Anlaß gebenden Angriff auf die Juden zurückweisen werde. Uebrigens besitze er im Gemeinderathe keinerlei Disziplinargewalt gegenüber den Rednern. Frankreich. Paris, 28. Deebr. Die Consistorialwahlen sind nun aller Orten beendigt. In Paris wurde der General See in das Centralconsiflorium gewählt, was just kein glänzendes Licht auf die Corporation wirft, da sich der wackere General bis jetzt äußerst wenig um Religion und religiöse Interessen gekümmert hat. — Einige für das Judenthum eifrige Männer gehen mit dem Plane um, in dem, zur Umgebung von Paris gehörigen Bade Enghien eine Synagoge zu erbauen, da sehr viele jüdische Familien hier ihre Villen haben und das Bad auch zahlreich von Israeliten besucht wird. Es kommt hinzu daß in den benachbarten Ortschaften Juden ansässig sind, denen es schwer wird, den Gottesdieust in den wenigen Synagogen von Paris zu besuchen. Gewiß ist es auffällig, daß so entschiedenen Bedürfnissen gegenüber so lange Zeit verstreichen muß, ohne daß an die Errichtung einer Synagoge gedacht oder Hand angelegt ward. Man muß es dem Konsistorium von Paris als eine arge Fahrlässigkeit anrechnen, die religiösen Interessen des ihm anvertrauten Sprengels mit solcher Gleichgiltigkeit zu behandeln. Was nützen alle schönen Phrasen, wenn die That sich nickt anschließt. Schweden. Stockholm, 30. Dec. Bei den jüngsten Wahlen zum Abgeordnetenhause wurde Herr Eduard Frankl, österreichisch-ungarischer Generaleonsul in Stockholm zum Mitgliede gewählt, der erste Israelit, der in Schweden dieses hohen Ehrenamtes theilhaftig geworden.

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