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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-10 · Heft 2 (10.1.1889) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 2 (10.1.1889)
Date
1889-01-10
Page
Seite 30 (sequence 14)
Language
German
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30 Feuilleton. Wieder ein Seweis für die geschichtlichen Gerichte der Sibel. Unter der Ueberschrift: „Eine neue Erwerbung der königlichen Museen" bringt die „Voss. Ztg." vom 29. Dec. folgenden interessanten und belehrenden Artikel. Es ist der Verwaltung der königlichen Museen gelungen, den altorientalischen Sammlungen ein Denkmal altbabylonischer Kultur und Kunst zu sichern, welches allgemeineres Interesse erregt. Es ist eine Stele, welche eine Belehnungsurkunde enthält, wonach Marduk-aplu-iddina, der Merodach- Baladan der Bibel, König von Babylon, einen hohen Beamten mit einem bei Babylon gelegenen Landgute belehnt. Die Urkunde ist datirt aus seinem 9. Regierungsjahre, d. i. 712 v. Ehr. Der Text ist auf der Rückseite der Stele eingehauen, während die Vorderseite den König und den Belehnten in Hochrelief zeigt. Die Ausführung der Stele ist eine selten sorgfältige und künstlerisch vollendete, so daß das Ganze als ein vorzügliches Erzcugniß der uns bis jetzt nur in einigen wenigen Denkmälern bekannten babylonischen Kunst anzusehen ist. Die Zeugen, welche bei dem Belehnungsakte zugegen waren und deren Namen genannt werden, gehören sämmtlich den höchsten Beamten Babylons an, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Stele vom Könige selbst in Augenschein genommen wurde, da ihre sorgfältige Ausführung sie vortheilhaft vor den anderen ähnlichen Denkmälern unterscheidet. Wir hätten also in ihr ein Denkmal, welches auf Befehl einer in der Bibel genannten Persönlichkeit angefertigt wurde und ihr selbst Vorgelegen hat. Marduk-aplu-iddina hat in der babylonischen Geschichte eine wichtige Rolle gespielt und war einer der kraftvollsten Könige, welche den Thron von Babylon einnahmen. Nachdem Tiglat-Pileser, König von Assyrien, als babylonischer König Phul genannt, und sein Nachfolger Salmanasser, welchem die Bibel die Eroberung Samaria's und die Vernichtung des Reiches Israel zuschreibt, sieben Jahre hindurch Assyrien und Babylon in Personalunion regiert hatten, brachen nach dem Tode des Letzteren Unruhen aus, welche in Assyrien Sargon (Jesaias 19., 2.) auf den Thron brachten, während in Babylon Marduk-aplu-iddina die Herrschaft an sich riß. Er war kein eigentlicher Babylonier, sondern der König eines am Persischen Meere gelegenen chaldäischen Reiches, Bit-Jakin. Seine Regierung ist also merkwürdig dadurch, daß sie nicht eine Unabhängigkeit Babylons bedeutet, sondern vielmehr nur eine Vertauschung des assyrischen mit dem chaldäischen Joche, wovon das erstere entschieden das leichtere war. Die Chaldäer waren semitische Stämme, die sich allmählich im äußeren Süden des Zweistromlandes festgesetzt hatten, und hier einzelne kleine Reiche bildeten, die stetig gegen die uralten Cultursitze Babyloniens vorrückten und die altangesessenen Einwohner aus ihrem Besitz zu verdrängen suchten. Das Endziel ihres Strebens war dabei der Besitz Babylons, als des geistigen und kulturellen Mittelpunktes des ganzen Landes. Denn wenn ein chaldäischer König auf dem Throne saß, so war nach der Anschauung jener Völker das Land überhaupt chaldäisch. Marduk - aplu - iddina nun gelang es für längere Zeit sich auf dem Throne Babylons zu behaupten und die Sache der Chaldäer zu fördern. Nachdem die Assyrer dann nochmals sich zu Herren des ganzen Mesopotamien gemacht hatten, erfolgte schließlich der Sturz des assyrischen Reiches durch die Meder und Chaldäer, deren einer König Nabopolassar dauernd den Thron Babylons behauptete. Durch seinen Sohn Nebukadnezar wurde dann dieses neubabylonische Reich, welches also eigentlich ein chaldäisches war, zu dem bekannten Weltreiche erhoben, welchem unter anderen auch das Reich Juda zum Opfer fiel. Da Nebukadnezar ein Chaldäer war und die größte Machtausdehnung des babylonischen Reiches unter seine Regierung fällt, so wurde „Chaldäer" für die Völker des Alterthums allmählich zur Bezeichnung für die Babylonier, und obgleich diese später das chaldäische Joch wieder abschüttelten, so verblieb ihnen der Name ihrer Feinde doch stets im Auslande. Wie Marduk-aplu-iddina seine zwölfjährige Regierung benutzte, dafür haben wir neben den Aussagen seines Gegners, Sargon von Assyrien, welcher ihn schließlich verdrängte, nun auch das Zeugniß unserer Stele. Er hatte nämlich nichts eiligeres zu thun, als seine Creaturen in die mit gutem Einkommen verbundenen Stellen zu bringen und sie mit dem Grundbesitze zu belehnen. Dagegen machte sich natürlich bald eine Strömung bemerklich, welche Fühlung mit Assyrien suchte und von dort die Herstellung der alten Zustände wieder erwartete. In der That wurde daher auch Sargon, als er im Jahre 709, also zwei Jahre nach Verfertigung unserer Stele, gegen Babylon heranzog, von der Aristokratie und der Pliesterschaft als Befreier begrüßt. Er rühmt sich daher auch, die alten Zustände in Babylonien wieder eingeführt und namentlich den von Marduk-aplu-iddina Verjagten wieder zu ihrem Rechte verholfen zu haben. In die Zeit, wo Sargon sich gegen Marduk-aplu-iddina (Verodach-Baladan statt Merodach-Baladan ist ein Versehen des hebräischen Bibeltextes an einer Stelle) rüstete, sah sich dieser natürlich nach Bundesgenossen um, und suchte seinen Gegner an den entgegengesetzten Grenzen seines Landes zu beschäftigen. In jene Zeit also ist die Erzählung der Königsbücher (II. 20., 12—21.) zu setzen, wonach Merodach-Baladan zu Hiskia von Juda, zur Zeit von dessen jüngsthin allgemeiner bekannt gewordenen Krankheit eine Gesandtschaft schickte. Der Zweck derselben war weniger sich nach dem Gesundheitszustände seines „Bruders" zu erkundigen, als

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