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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-10 · Heft 2 (10.1.1889) · p. Seite 25

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 2 (10.1.1889)
Date
1889-01-10
Page
Seite 25 (sequence 9)
Language
German
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und Friedrich III., seitdem Stöcker antisemitischer Treiber geworden, niemals geschehen ist und soll Gleiches am Neujahrstage stattfinden. Daraus geht doch hervor, daß die Broschüre des vielgewandelten Cremer Stöcker nicht aus dem Sattel heben werde, wenn auch mit diesem für die Jnvective reich begabten Redner dem Antisemitismus ein sehr nützliches Werkzeug verloren geht. Jndeß mag dies Stöcker bei seinen hochfliegenden Plänen jetzt kaum großen Kummer bereiten. Breslau, 2. Januar. (Privatmitth.) Neuerdings hat sich Breslau als Hauptheerd des deutschen Antisemitismus etablirt. Es ist merkwürdig, wie so etwas traditionell ist. Bon Alters her war in Breslau Judenhaß zu Hause, und — wenn wir nicht irren, bis 1848 schloß die dortige Kaufmannschaft die Juden sogar vom Besuche der Börse aus. Nun hat man jüngst zu melden gehabt, daß der Zweig des „Alpenvereins" den Prof, von Stengel, der die famose Antisemitenrede in der Wählerversammlung gehalten, nicht wieder zum Vorsitzenden gewählt worden ist. Die Sache hat nun folgende Wendung genommen. Man berichtet: In der vorletzten Generalversammlung des hiesigen Alpenvereins war bei der Wiederwahl des Vorstandes der antisemitische Agitator Prof. v. Stengel nicht wiedergewählt worden. Der statt seiner gewählte Landgerichtsdirektor Patzig lehnte die Wahl ab. Der erste Vorsitzende, Professor Seuffert, legte den Vorsitz nieder und begründete diesen Entschluß „durch die schmerzliche Wahrnehmung, daß er nicht im Stande war, auf dem Boden der Sektion das Hervortreten von Gegensätzen zu verhüten, welche den Zielen des Alpenvereins durchaus fremd waren. Ohne irgend einem Mitglied über sein Verhalten in der Sektion einen Vorwurf zu machen, habe er gegen diese Thatsache als solche^Verwahrung cinlegen müssen und sich gesagt, daß nun eine andere Leitung der Sektion wünschenswerth sei." Am Freitag fand nun eine neue Generalversammlung des Alpenvereins statt. Zunächst wurde Professor Seuffert mit Acclamation wieder zum ersten Vorsitzenden gewählt. Als Beisitzer wurde Herr v. Stengel mit 54 von 105 Stimmen wiedergewählt. Die „Brsl. Ztg." erklärt das letztere Ergebniß in folgender Weise: „Es ist hervorzuheben, daß der größte Theil Derjenigen, welche in der vor Weihnachten stattgehabten Generalversammlung gegen Herrn v. Stengel gestimmt haben, sich von der gestrigen Versammlung ferngehalten hat. Hätten sich alle diese Mitglieder gestern wiederum an der Wahl betheiligt und hätten sie wie früher gestimmt, so wäre es, wie aus den angegebenen Ziffern ersichtlich ist, ein Leichtes gewesen, auch diesmal wieder Herrn v. Stengel vom Vorstande auszuschließen. Indessen hat es augenscheinlich nicht in der Absicht Derjenigen, die früher gegen Herrn v. Stengel gestimmt, und Derjenigen, die gestern nicht für ihn gestimmt haben, gelegen, die in dem 25 Vereine entstandenen Divergenzen zu verschärfen. Wie wir dies bereits nachdrücklich betont haben, konnte es sich bei der Stellungnahme gegen Herrn v. Stengel nur um einen Protest gegen die Zumuthung handeln, diesem Manne eine Auszeichnung, eine besondere Ehrenbezeugung auch von Seiten derjenigen Mitglieder zu Theil werden zu lassen, gegen welche Herr v. Stengel eine Gesinnung an den Tag gelegt hatte, die nicht anders als verletzend wirken konnte. Seine Nichtwiederwahl war lediglich die naturgemäße Antwort auf die an das Ehrgefühl einer großen Zahl von Mitgliedern des Alpenvereins von Seiten des Herrn von Stengel gerichtete Provocation. Nachdem diese Antwort in unzweideutiger Form erthcilt war, konnte die Sache als erledigt gelten." — Jedenfalls wurde hierbei mehr Versöhnlichkeit als Charakterfestigkeit bewiesen. Möchte Professor von Stengel sich dies zur Lehre nehmen! Gleichfalls wird von hier berichtet: Die Zünftler sowohl wie die Antisemiten wollen dem Cartell bei der bevorstehenden Ersatzwahl zum Reichstage keine Gefolgschaft leisten, sondern gemeinsam einen eigenen Candidaten aufstellen. Nun, Zunftzwang und Antisemitismus gingen seit alten Zeiten immer Hand in Hand; beruhen sie doch auf derselben Geistesbeschränktheit. Jedenfalls ist das obige Faktum ein Beweis, daß die Cartellpartei in Breslau bessere Gesinnung hegt; von der Stärke der Antisemiten bekundet es nichts, denn wenn die antisemitischen Führer sehen, daß s i e nicht zu Candidaten gewählt werden, wollen sie jedenfalls in der Arena erscheinen. Breslau, 2. Januar. (Privatmitth.) Der Abfall der Antisemiten und der Zünftler vom Cartell, indem sie nicht dem von diesem aufgestellten nationalliberalen Candidaten zustimmen, sondern einen eigenen Candidaten aufstellen wollen, macht bei den Conservativen viel Aufsehen. Es kommt nunmehr darauf an, ob Jemand mehr conservativ als antisemitisch oder mehr antisemitisch als conservativ ist. Im ersteren Falle befindet sich der Prof. v. Stengel, der dem Cartell treu bleiben will. Dagegen suchen die Führer der Breslauer Conservativen den Beschluß der Antisemiten rückgängig zu machen, indem sie schreiben, daß „der Antisemitismus auch in den Reihen der Freiconservativen und der Nationalliberalen die entschiedensten Fortschritte gemacht habe." Bei den eigentlichen Nationalliberale» erweckt dagegen diese Trennung kein Bedauern, und so schreibt die „National-Zeitung", daß sie die Absage der Zünftler und Antisemiten keineswegs bedauere, denn „der Ton, welcher durch die sich jetzt absondernden Elemente in die Breslauer politische Bewegung gebracht worden, war ein höchst unerfreulicher und abstoßender." Es ist also eine durchaus in sich uneinige, in sich grundsätzlich getheilte Parteiung, welche bei der Ersatzwahl zum Reichstage der geschlossenen Partei der Socialdemokra-

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