Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 zeichnete, so gewann er doch allmählich eine nicht unbeträchtliche Schaar von Anhängern. Seine Auffassung war von Mystik nicht frei, und er folgte hierin dem Beispiele des Chacham Bernays, den er in seiner Vaterstadt gehört; aber Hirsch besaß die Fähigkeit, die jenem abgegangen, seine mystischen Vorstellungen der Menge zugänglich zu machen, und seine Beredtsamkeit riß die Zuhörer hin, selbst wenn sie ihn nicht ganz verstanden. Daß der Weg, den er beschritten, zu llebertreibungen, zu dem Bestreben, selbst in die kleinsten herkömmlichen Bräuche großartige Gedanken, mächtige Tugenden hineinzupressen, führt, so daß auch Lächerlichkeiten nicht ausbleiben, ist natürlich. Von vornherein mußte er mit der damals erwachten Reform in Gegensatz kommen, und es entspann sich sofort eine heftige Polemik zwischen ihm, dem Verfasser der „19 Briefe über Judenthum" (Altona 1836) und des „Choreb", „Versuche über Jisrosls Pflichten in der Zerstreuung" (Altona 1835 und 1837) und den Führern der Reform Holdheim, Geiger, Jost, Fassel, Aub u. s. w., in welcher eine Menge Streitschriften gewechselt wurden. Im Jahrgang 1839 dieser Zeitung sind einige bemerkenswerthe Artikel von Hirsch ausgenommen. Mit der Zeit beruhigte sich dieser Kampf und jede Partei ging für sich ihres Weges. Auch in einer Übersetzung und Commentirung des Pentateuchs, sowie in einer Zeitschrift brachte Hirsch seine Ansichten zum Ausdruck, ohne jedoch über die Grenzen seiner Anhängerschaar eine Einwirkung zu erlangen. — Desto nachdrücklicher strebte Hirsch auf einem zweiten Wege zu einem gewissen Ziele zu gelangen. Er erhob den Wahlspruch für seine Anhänger: „Trennt Euch von den Gemeinden der Neuerer!" Er drang darauf, daß sie Separatgemeinden überall bildeten, wo die eigentlichen Gemeinden Neuerungen im Gottesdienste veranstalteten. Dem stand in Preußen das Gesetz von 1847 entgegen, welches für jeden Juden die Zugehörigkeit zur jüdischen Ortsgemeinde vorschrieb; Gleiches galt auch in anderen Staaten. Hirsch wurde deshalb die Seele einer Agitation, diese gesetzliche Bestimmung zu beseitigen. Er gewann hierfür den Abg. Lasker, der, geblendet von der Idee unbedingter Religionsfreiheit, nicht einsah, daß es sich hierbei nicht um einen Religionszwang handelte, da die Herstellung eines besonderen Gottesdienstes nicht behindert war, sondern um eine Geldfrage, um die Beiträge zu den Cultuskosten der Gemeinden. Besorgte man doch, daß auf diese Weise manche Gemeinden in ihrer Existenz bedroht sein würden. Doch der Einfluß Lasters und bei nicht wenigen Abgeordneten die Lust, den jüdischen Gemeinden das Dasein zu erschweren, drang durch. Das sog. Austrittsgesetz wurde in Preußen und dann noch im Großherzogthum Hessen erlassen. Hiermit hatte Hirsch sein Ziel erreicht. Aber weder seine Hoffnungen, noch die von der anderen Seite gehegten Besorgnisse gingen in Erfüllung. Nur an wenigen Orten entstanden separirte Gemeinden, so viel wir wissen, in Frankfurt a. M., Wiesbaden, Carlsruhe, Mainz und Darmstadt, und die betr. Muttergemeinden haben einen fühlbaren Eintrag dadurch nicht erlitten. Kommt es doch bei den jüdischen Gemeinden nicht auf die Zahl ihrer Mitglieder an, denn ihre Bedürfnisse bleiben relativ in den kleinen wie in den großen dieselben. So war die Wirksamkeit des Verstorbenen wegen seiner geistigen Eigenart nur eine beschränkte, wenn auch von seinen ^Jüngern eine nachhaltige Charakterfestigkeit und unermüdlicher Eifer für seine Ueberzeugungen rühmend anerkannt! werden müssen. Mtac Deutschland. Berlin, 30. Dec. (Privatmitth.) Nicht geringes Aufsehn machte hier eine soeben ausgegebene Broschüre des Abg. Cremer. Dieser Mann, der unter Don Carlos für den legitimen Thron Spaniens gefochten, dann Mitglied des Centrums war, sich hierauf der Kreuzzeitungspartei zuwandte, hier Busenfreund Stöckers und wüthiger antisemitischer Agitator wurde, ist jetzt auch von dieser Partei abgefallen und denuncirt in seiner Broschüre Stöcker, Hammerstein, Kropatschek und die Christlich-Socialen als Feinde des Reichskanzlers, die diesen zu stürzen streben. Sie rechneten dabei auf die Neigungen des jungen Kaisers und verriethen dadurch zu früh ihr Spiel. Man glaubt nun nicht, daß Fürst Bismarck erst durch diese Broschüre über den Stand der Dinge unterrichtet werde. Dennoch würden diejenigen irren, welche hofften, daß durch diese Gegnerschaft Stöcker großen Schaden erleiden würde. Derselbe hat auch seine mächtigen Freunde und hat durch die Duldung, die seinem Treiben, als er noch nichts als antisemitischer Hetzer war, so lange geworden, eine feste Stellung gewonnen. So ist es nicht unbemerkt geblieben, daß am ersten Weihnachtstage, an welchem der Kaiser und die Kaiserin dem Gottesdienste im Dome beiwohnten, Stöcker predigte — was unter Wilhelm I.