Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 sorisch beschränkt wurde, da waren es die Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde in Wien (und damals war in Wien schon eine Gemeinde vorhanden und hatte ein Gemeindestatut), welche in einer Audienz den Kaiser baten, diese Verordnung aufzuheben; diese Audienz hatte wohl zunächst keine Folgen, aber die Vertreter wurden auf das huldvollste empfangen. Als während des unglücklichen Krieges im Jahre 1866 von den Israeliten in Wien, Pest, Prag und Lemberg gefordert wurde, auf ihre Kosten Bataillone zu errichten, da war es wieder der Vorstand der Wiener israel. Cultusgemeinde, welcher Schritte dagegen that, die von Erfolg gekrönt waren. Wir denken, die angeführten Beispiele beweisen zur Genüge, daß der Vorstand der Wiener israelitischen Gemeinde es zu allen Zeiten als seine Mission betrachtete, für seine Glaubensgenossen auch außerhalb Wiens einzutreten. Nachdem die jetzige Verfassung vom 31. Deeember 1867 sanctionirt war, glaubte man "Von btt gekommen zu sein. Da begann man die Theorie aufzustellen, daß die Wiener jüdische Gemeinde ausschließlich eine Cultusgemeinde sei und werde sie in politischer Beziehung k. vom Gemeinderathe respective vom Bürgermeister vertreten. Die Protestanlen hier gingen in dieser Beziehung von einer anderen Ansicht aus. Sie suchten jede Gelegenheit auf,! um sich Sr. Majestät nähern zu dürfen. Wir entnehmen! diesbezüglich dem jüngst erschienenen 4. Hefte der Zeitschrift! für die Geschichte des Protestantismus in Oesterreich 1888 j folgende Daten: Als der Erzherzog Franz Carl, der Vater unseres Kaisers 1878 starb, erschienen die Protestanten in> Audienz bei Sr. Majestät, um demselben zu condoliren. Bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares, sowie bei der Vermählung des Kronprinzen Erzherzogs Rudolf, kamen sie wieder, um ihre Glückwünsche darzubringen. Als im Jahre 1881 hundert Jahre verflossen waren, seitdem Kaiser Josef II. das Toleranzpatent erlassen hatte, erschienen sie wieder vor dem Kaiser. Im Jahre 1861 wurde das Protestantenpatent erlassen, welches viele Wünsche der Protestanten unberücksichtigt ließ. Nichtsdestoweniger benutzten sie im Jahre 1886, als 25 Jahre verflossen waren, seitdem das genannte Patent erschienen war, die Gelegenheit und nahmen Audienz beim Kaiser u. s. w. In allen diesen Fällen wurden die Deputationen huldvoll vom Kaiser empfangen und versicherte er sie stets seiner Huld und Gnade. Nun wissen wir wohl, daß ein großer Unterschied besteht. Die Protestanten haben ein Consistorium, welches nicht blos die Protestanten in Wien, sondern in Oesterreich vertritt. Der Vorstand der Wiener israel. Cultusgemeinde aber ist eben blos der Vorstand dieser Gemeinde. Nichtsdestoweniger haben wir die Ueberzeugung, daß der Kaiser wie die Minister den Umstand würdigen, daß die Wiener israel. Cultusgemeinde die vornehmste und bedeutendste im Reiche ist, die zu allen Zeiten ihren Patriotismus und ihre Opferwilligkeit für Kaiser und Reich bewährt hat. Wir rufen daher dem sehr geehrten Herren im Vorstande der israelitischen Cubusgemeinde in Wien zu: □np.nrr/i. W. Bonn, 3. Jan. Samson Raphael Hirsch. Am letzten Tage des alten bürgerlichen Jahres verlor die Judenheit noch einen ihrer Nestoren. Am 31. Deeember Morgens verstarb der Rabbiner der (separirten) israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., Samson Raphael Hirsch, in seinem 81. Lebensjahre. Geboren zu Hamburg 1808, wurde er von seinen Eltern für den Kaufmannsstand bestimmt und in die Lehre gebracht. Aber sein lebhafter Geist und der ihn beherrschende Drang nach geistiger Ausbildung litt ihn nicht lange in diesem Berufe; er besuchte das Gymnasium, dann die Universität zu Bonn, von welcher er im 21. Lebensjahre schied. Zum Rabbiner ausgebildet, bekleidete er nach einander das Rabbinat in Emden und Oldenburg, alsdann das Landesrabbinat von Mähren zu Nikolsburg. Hier erlitt er mannigfache Anfechtungen von Seiten einiger talmudischen Gelehrten, und so folgte er einem Rufe an die „Israelitische Religionsgesellschaft," die sich neben der Gemeinde in Frankfurt gebildet hatte. Es war dies im Jahre 1851 und 37 Jahre waltete er seines Amtes unermüdlich; noch vier Wochen vor seinem Tode predigte er. In seiner Gemeinde hat er segensreich gewirkt, und da derselben bedeutende Finanzkräfte angehörten, war es ihm möglich, außer einem prächtigen Gotteshauft eine sehr tüchtige Schule zu gründen, welche für sehr leistungsfähig erklärt wird. Um Hirsch gerecht zu werden, muß man sich von jedem Parteistandpunkte fern halten. In zwei Beziehungen nahm Hirsch eine eigenthümliche Stellung ein. Die stabile Orthodoxie war in ihren Häuptern auf den Aussterbeetat gerathen und hatte vermöge ihrer Geistesarmuth selbst auf ihre Anhänger den beherrschenden Einfluß verloren. Hirsch gedachte ihr neues Leben einzuflößen, indem er einerseits alle überkommenen Satzungen, Gebräuche und Minhagim aufs Strengste erhalten wissen wollte, andererseits aber dieselben durch Symbolisirung und Allegorisirung von Neuem zu beleben, zu vergeistigen dachte. Auf diesem Wege versuchte er es, der Orthodoxie neue Impulse zu geben, und wenn er auch Anfangs bei den Männern der alten Richtung Widerspruch fand, weil er ihnen Dinge zumuthete, die der einfachen sachlichen Anschauung widersprachen und man deshalb seine Lehre als Hyperorthodoxie be-