Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
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22 wir die vielen Prachtbauten des Herodes, die nicht dem nationalen Geiste entsprangen, ihm vielmehr vielfach widersprachen. Endlich noch einige Notizen über die Leistungen der Israeliten in der Landschaftskunst. Der Erste, welcher auch hierin Namhaftes schuf, war wieder König Salomo. Er legte bei Jerusalem sich einen Garten an, und die Könige nach ihm andere. Diese hatten zwar auch Abtheilungen für? Fruchtbäume und Nutzpflanzen, aber vorwiegender waren es Lustgärten und enthielten schattige Baumgänge, Wiesenflächen, Gehege von Blumen und wohlriechenden Pflanzen, Wäldchen von edelen Bäumen, künstliche Anhöhen, dazwischen anmuthige kleine Schlösser, Teiche und Kanäle, gefällige Badeanlagen, auch zuweilen Mausoleen. Konnte man ihnen einen großen Umfang geben, wo sie dann gewöhnlich auch Wildgehege erhielten, so wurden sie in späterer Zeit Paradiese genannt. Ein solches legte sich Salomo bei Etam an, dort, wo seine Wasserleitung ihren Anfang nahm; ein anderes in der herrlichen Gegend am Libanon wird im Hohenliede uns geschildert als ein Paradies von Granat- und jederlei anderen köstlichen Bäumen, von Cyprus und Narde, von Krokus und Gewürzrohr, von Myrrhen und Aloe und jeder sonstigen Pflanze besten Duftes. Ein anderes Mal ist dort mit Bezug auf die besonders schönen Wasseranlagen darin zu der Geliebten gesagt: deine Augen sind wie die Teiche zu Cheschbon! was in Betracht, daß diese Stadt jenseits des Jordan an der arabischen Grenze lag, zugleich den großen Ruf ihres Paradieses bezeugt. Nachmals muß die lange Herrschaft der Perser über Palästina dieser Richtung noch weiteren Vorschub geleistet haben, da besonders Diese solche Anlagen liebten und überall schufen; auch unterließ Hyrkan nicht, bei seiner prachtvollen Burg unfern jenes Cheschbon sehr ausgedehnte Paradiese zu schaffen, und später werden mehrere von großer Schönheit in der Umgegend von Jericho erwähnt; und wenn von Herodes berichtet wird, daß er selbst Städten außer Landes Haine und Auen anlegen ließ, so wird er die inländischen nicht karger damit bedacht haben. (Schluß folgt.) Wien, Ende December. Zur Lage. In der jüngsten Wahlversammlung, bei Gelegenheit der Neuwahlen in den Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde, kamen zwei Momente zur Kenntniß der Versammlung: 1. daß der Vorstand ein Comite eingesetzt habe, welches sich mit der Frage, wie dem Antisemitismus wirksam zu begegnen sei, beschäftigen werde und: 2. daß der Vorstand die Grenzen des Statutes nicht überschreiten könne und dürfe. Was nun den 1. Punkt betrifft, so wünschen wir vom Herzen, daß das Comite, beziehungsweise der Vorstand, die richtigen Mittel und Wege finden möge, die herrschende Pest des Antisemitismus gründlich abzuwehren. Es ist auch selbstverständlich, daß der Vorstand keinen Schritt vom Wege des Rechts und des Gesetzes abweichen wird. Wie uns jedoch scheint, sind die Grenzen, welche die Befugnisse des Vorstandes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde umfassen, nicht genau präcisirt oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, es gibt auch hier neben dem schriftlichen ein mündliches Gesetz, die Tradition. Befragen wir nun die Tradition, so werden wir finden, daß sich die Wiener Gemeinde auch in früheren Jahrhunderten gewissermaßen als Vorort betrachtete. Wir wollen einige Beispiele anführen. Als im Jahre 1528 die Juden aus Preßburg vertrieben wurden, haben die Wiener Juden für sie eine Fürbitte beim Kaiser Ferdinand l. eingelegt und ihnen die Rückkehr ermöglicht. Als die Juden in Bösing 1529 beschuldigt wurden, ein Christenkind ermordet zu haben, nahmen sich die Wiener Juden ihrer an und thaten dem bereits begonnenen Gemetzel Einhalt. Im Jahre 1700 war es Simson Wertheimber in Wien, welcher beim Kaiser das Verbot von Eisenmengers „entdecktes Judenthum" erwirkte. Doch lassen wir die alte Zeit und gehen wir zur neuen über. Es ist bekannt, wie oft die Vertreter der Israeliten in Wien Audienzen beim Kaiser Franz und dann beim Kaiser Ferdinand, respective seinem alter ego Erzherzog Ludwig in Angelegenheit ihrer Glaubensgenossen im Allgemeinen hatten. Bei einer derartigen Audienz kam es vor, daß der Erzherzog Ludwig darauf hinwies, es werden einzelnen Juden Gnaden erwiesen und manche sogar in den Adelstand erhoben. Der sel. Prediger Mannheimer hatte den Muth, hierauf dem Erzherzog zu bemerken: „Was Euere kaiserl. Hoheit als Gnade bezeichnen, möchte ich von meinem Standpunkte aus Willkür nennen." Welche rühmliche Thätigkeit entfalteten „die Vertreter der Israeliten in Wien" in Verbindung mit Mannheimer behufs der Abschaffung des Judeneides im Jahre 1845. Hierbei muß noch bemerkt werden, daß die Wiener Israeliten zu jener Zeit äe lege keine „Gemeinde" waren und eine solche nicht bilden durften. Es kam dann das Jahr 1848, und als am 2. December Se. Majestät der Kaiser Franz Josef I. den Thron bestieg, beeilten sich die Vertreter der Israeliten von Wien, nach Olmütz zu ziehen, wo damals der Hof residirte, um dem jungen Monarchen ihre Huldigung darzubringen, und der Kaiser nahm die Deputation sehr gnädig auf. Als hierauf im Jahre 1853 die Verordnung erschien, nach welcher die Grundbesitzfähigkeit der Israeliten provi-