Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 Lilder aus dem Leben des Volkes Israel. 6. Die Künste. Ist es wahr, was wir so oft vernehmen müssen, daß das Volk Israel einseitig, beschränkt, innerhalb der religiössittlichen Idee abgeschlossen, ein geistig wenig bewegtes Leben geführt und hierin anderen Völkern des Alterthums weit nachgestanden habe? ... Wir verneinen dies und wollen die Beweise beibringen. Von vornherein ist es nicht denkbar, daß eine Nation, die gerade auf dem höchsten seelischen Gebiete, der religiös-sittlichen Idee, und zwar wie sich diese auch im wirklichen Leben verkörpert, so Großes und Erfolgreiches geleistet hat, in allen übrigen geistigen Momenten mb Trieben leer ausgegangen, ohne deren Impulse geblieben sei, nichts darin geleistet habe. So abgegrenzt sind die Fähigkeiten des menschlichen Geistes nicht. Noch eine andere Erwägung ist hier hervorzuheben. Außer von den Griechen und Römern harten wir bis vor kurzer Zeit von den Völkern des Alterthums nur höchst dürftige Kunde. Wie wenig wußten wir von den Egyptern, Assyrern, Chaldäern und Persern. Da traten glücklicher Weise Entdeckungen, Ausgrabungen und emsige Forschungen ein, die ein Helles Licht über diese Völker, ihr geistiges und künstlerisches Leben breiteten, während wir vorher keine Ahnung davon hatten. Nun besitzen wir bis heute außer einigen Münzen und einer Inschrift von den Monumenten des Volkes Israel nur sehr geringe Trümmerstücke, und es ist vorauszusetzen, daß, wenn Ausgrabungen in größerem Maße vorgenommen würden, das dem Schooße der Erde Entrissene späteren Zeiten angehören möchte, so daß es für das Volk Israel und dessen nationalen Geist kein Zeugniß abgeben würde. Wir sind also auf die schriftlichen Denkmäler und auf die Literatur beschränkt, und hier bieten uns für unseren Gegenstand nur die Bibel und Josephus Anhaltspunkte. Jedoch auch hier haben wir große Verluste zu beklagen. Die alten Autoren kannten die Gepflogenheit, nicht, die Schriften Anderer zu citiren. Doch erwähnte schon die Thorah Schriftwerke, die nicht mehr vorhanden sind, die Geschichtsbücher weisen immer wiederholt auf die eigentlichen Annalen der Könige hin, die Sprüche Salomonis sollen eine nach Tausenden zählende Menge befaßt haben, auch einer Akademie des Königs Hiskias wird gedacht, welche literarische Sammlungen veranstaltet haben soll. Nicht zu übersehen ist, daß die assyrische und chaldäische Verheerung und Zertrümmerung Samariens und Jerusalems und die Wegführung des Volkes Israel in die Gefangenschaft den Untergang vieler Schriften, wie die Vernichtung der Bauten und Denkmäler herbeigeführt haben muß. Was wir daher aus der vorexilischen Zeit besitzen, ist eben nur Gerettetes. Auch wurde der Kanon später nach bestimmten Ansichten zusammengestellt, wobei sicherlich vieles ausgesondert worden ist, das deßhalb verloren gegangen, wie denn mehrere der Apokryphen, z. B. die Sprüche Sirachs, im Original verloren gingen und nur durch die griechische Uebersetzung bewahrt blieben. Hing doch auch über einigen, dem Kanon einverleibten Büchern das Damoklesschwert der Beseitigung. Demnach müssen wir vor^ aussetzen, daß der literarische Geist bei dem Volke Israel in einem viel reicheren Strome floß, als ihn uns die überlieferten Schriften darbieten. Dennoch zeigen uns die biblischen Schriften die Dichtkunst der Hebräer in sehr mannigfaltiger Gestaltung. Wir haben, außer der reichen Lyrik, Epopöen, wie die Geschichte Josephs, die Geschichte Simsons; Idyllen, wie das Buch Ruth, selbst ein didaktisch-dramatisches Gedicht, das Buch Hiob. Die Lyrik selbst war mannigfaltiger Art, wie das Epithalamium Psalm 45, das Liebeslied in dramatisirender Form, welches den unschätzbaren Werth wahrer und treuer Liebe, dieser „Gottesflamme", preist, und die Hinweisung auf die „Zionslieder", welche selbst bei fremden Nationen im Rufe standen, erweisen. Dies giebt uns Andeutung genug, um die reichste Entwickelung der Poesie vorauszusetzen. — Nicht minder muß die Musik ein sehr hohes und geistiges Element im Leben des Volkes ausgemacht haben. Wir haben freilich keine sicheren Reste von der Musik Israels. Denn ob die Gesänge der Synagoge einige Reste aus der Tempelmnsik Herbergen und ob solche in die älteste Musik der Kirche übergegangen, ist durchaus problematisch. Es sind uns Namen von Instrumenten und die Titel von Melodien in den Ueberschriften der Psalmen überliefert, ohne daß wir wissen, was sie bezeichnen. Wissen wir doch von der Musik der Griechen nicht viel mehr. Aber es ist uns bekannt, wie groß die Pflege der Musik bei den Hellenen und in der Erziehung ihrer Jugend gewesen, und nicht minder war dies bei den Israeliten der Fall. Schrieben die Griechen in ihren Legenden der Musik die Kraft zu, die Unterwelt zu überwinden und die wilden Thiere zu zähmen: so diente den Israeliten die Musik, die Schwermuth zu besiegen und den prophetischen Geist zu wecken, weßhalb sie in den prophetischen Schulen gelehrt und gepflegt wurde. In den Strafreden der Propheten wird öfter erwähnt, daß bei den Zechgelagen die Musik eine große Rolle spielte. Wie großartig Gesang und Instrumentalmusik selbst in Massenchören im Tempelkultus angewendet, also bis zu dieser Höhe entwickelt waren, brauchen wir nur zu erwähnen. — Waren also Dichtkunst und Musik in reicher Mannigfaltigkeit wesentliche Elemente des israelitischen Volkslebens, so kann man gewiß von Armuth und Einseitigkeit desselben nicht sprechen. Man denkt daher wohl bei solchem Vorwurfe nur an die bildenden Künste, und wollen wir deßhalb bei diesen etwas länger verweilen. — Zunächst die Architektur. Wir sind bei dieser auf die Schilderungen und 2*