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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-10 · Heft 2 (10.1.1889) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 2 (10.1.1889)
Date
1889-01-10
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 um auf die geschehenen Schritte Schatten zu werfen: so wird der Geist des Volkes leicht umgestimmt und die alten Mächte, die zurück gedrängt worden, kommen wieder zum Vorschein und bemächtigen sich des Steuers. So geschah es selbst im Verlaufe unseres Jahrhunderts mehrere Male, und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß auch jetzt, nach obiger Sentenz, „der conservative Geist" wieder durch die Welt geht. Hier ist aber das Uebel, daß das Wort „conservativ" seinen eigentlichen und ursprünglichen Sinn nicht behält. Unter dem Schutze dieses „conservativen Geistes" werden auf dem Amboß der Zeit die Bolzen nicht o deaus, sondern mit umgekehrten Spitzen gehämmert u? lchmiedet und aus dem conservativen wird ein rückläufig ractionärer Geist. Man braucht nur die Programme de gütlich conservativen Partei, wie sie bei uns ihren Aus in der „Kreuzzeitung" findet, anzusehen, um dessen gew >t werden. Die bevorzugte und bevorrechtete Stellung des ls, die Herrschaft der Orthodoxie, der immer erhöht kr>s Zunftwesen und vor allem die Beseitigung . Gleichberechtigung, diese und andere gleiche Momente b> n die Ziele dieser, den Namen „conservativ" mißbrauche - Partei, darum mißbrauchend, weil sie die Grund' des modernen Staates nicht conserviren, sondern um M will. — Auf die Frage, wie weit wohl diese Reactic. "elangen und wie lange sie ihren Einfluß behalten wer^ oermag Niemand zu antworten. Denn die Macht der -ältnisse beherrscht die Menschen, d. h. zwingt sie, ”» nen Ansichten und Bestrebungen zuwider zu h^ . Hilfe kommen aber jener Reaction die das öfi He Leben gegenwärtig beherrschenden Motoren. Wer a diese nicht erkennen, wie sie am Werke sind? Die P ..Politik und Parteileidenschaft mit der Devise: „Der Zweck heiligt die Mittel"; die Jnteressenpoliti?, tvelche eine Classe der anderen gegenüberstellt, um Bmtheile zu ziehen, die die andere bezahlen muß; die diplomatische Politik, die auf die inneren Verhältnisse des Staates mit allen ihren Künsten angewendet wird; die confessionelle Politik, welche die kirchliche Gesinnung des Volkes zur Erreichung einflußreicher Machtstellung ausbeutet, und hierzu die Corruption, welche in manchem Staate, wie z. B. jetzt in Frankreich, ihre demoralisirende und staatsverderbliche Wirkung in großem Maße übt, in einem anderen zu dem ebenfalls gefährlichen „Streberthum" führt. Das sind Triebfeder», welche, wenn die Dinge ohne irgend welche tiefgehende Conflicte verlaufen, reactionären Einflüssen eine lange Dauer versprechen. Da fühlt Jedweder heraus, daß Eines vor Allem Noth thut — nämlich daß der sittliche und humane Geist wieder geweckt und gestärkt werde. ... Ist es doch so weit gekommen, daß nicht selten das vorige Jahrhundert, weil es bis zur Entartung der französischen Revolution den Geist der Sittlichkeit und Humanität als das höchste Gut, als das zu verwirklichende Ideal der Menschheit pries und in Wort, Schrift und That zum Ausdruck brachte, der Beschränktheit und Einseitigkeit beschuldigt und darüber verspottet wird. Gerade deshalb ist es die Aufgabe unserer Zeit, diesen Geist, vertieft und durch das Nationalbewußtsein geklärt und bereichert, wieder erstehen und zum Inhalt der nächsten Zukunft werden zu lassen. Wir brauchen ja nur um uns zu blicken, um mit Betrübniß zu gewahren, wie Verleumdung und Denunciation mit dem Wahlspruch: „Verleumde nur frech, Etwas bleibt immer hängen!" lügenhafte Anklagen, unbegründete Beschuldigungen, mit der Aussicht, Viele lesen die Anklage, Wenige die Abwehr! zu den täglichen Erscheinungen gehören und von der öffentlichen Meinung ausgewogen, anstatt daß sie sie zurückweise. Wer hat hierunter nehr gelitten, als das Judenthum! Man hat ihm die schmählichste Moral untergeschoben, die zahllosen Stellen des Talmud und des Midrasch, welche die lauterste Ethik athmen, als nicht vorhanden übergangen und irgend welchen harten Ausdruck eines Einzelnen für den Moralgrundsatz des Judenthums ausgegeben; mehr noch, man hat Stellen verfälscht, man hat Aussprüche erfunden, die gar nicht vorhanden sind; alles dies, um die Juden als Feinde der Gesellschaft zu brandmarken und mit einem Schein des Rechtes verfolgen zu dürfen. — Noch mehr, man hat die unzählige Male als erfunden erwiesenen Fabeln des Mittelalters aufgefrischt und zum Gegenstände gerichtlicher Verfolgung gemacht. Und alles dies thaten selbst Diener der Kirche, Lehrer der Gottesgelahrtheit und — fanden Glauben. Selbst Professoren in ihrem Scheinwissen und andere in ihrer Unwissenheit zuckten die Achseln oder sagten geradezu, es sei wohl möglich. Als endlich die wahre Wissenschaft ihren Einspruch erhob und der unparteiische Richter die lügenhaft Angeklagten frei sprach, war viel Unheil schon geschehen und die Saat des Vorurtheils und des Hasses wucherte üppig aus. Solchen Thatsachen gegenüber kann nur als das einzige Heilmittel die Wiedererweckung des sittlichen und humanen Geistes empfohlen werden. Die Wahrheit muß wieder ihre siegende Kraft erlangen, vor welcher die Lüge und der Trug sich schnell verbergen. Die Liebe zur Gerechtigkeit muß wieder zur Herrschaft gelangen und auf allen Gebieten des Lebens das treibende Motiv werden. Das Menschenrecht und die Menschenliebe müssen wieder die Beleuchtung abgeben für alle Fragen des politischen, wie des socialen Lebens. Fürwahr, dies ist die Forderung, die nicht abgewiesen werden kann, falls nicht die gegenwärtigen Völker und Staaten in unabwendbaren Niedergang, ja, wo nicht eine innere Bolkskraft gegen jene bösen Leidenschaften reagirt, in Zersetzung und Auflösung gerathen sollen.

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