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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-10 · Heft 2 (10.1.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 2 (10.1.1889)
Date
1889-01-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein miMciischcs Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteltährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Philipp son in Lonn. Krpedilio«: Leipzig, Kospitalstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang Leipzig, den 10. Januar 1889. Nr. 2. Inhalt. Leitende Artikel: Charakterzüge vom Tage. II. — Bilder m.a Wu Leben des Volkes Israel. VI. — Zur Lage. — Samson Raphael Hirsch. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Ans Sachsen, Hoppstädten. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Schweden: Stockholn,. — Feuilleton: Wieder ein Beweis für die geschichtlichen Berichte der Bibel. — Jüdische Schüler-Bibliothek. — Letzte Zeitungsnach!>richten: Berlin, Fürth. Bonn, 6. Januar. CharaKteyüge vom Tage. ii. Eine Phrase, die man jetzt oft vernimmt, ist: „Es geht ein konservativer ^Geist gegenwärtig durch die Welt." Und die Thatsachen entsprechen diesem Satze; nicht blos, daß in England und Belgien die Liberalen das Regiment ihren Gegnern haben abtreten müssen; das deutsche Volk hat durch die Wahlen wiederholt den konservativen Parteien, nämlich den eigentlich Conservativen, dem Centrum und den Nationalliberalen die große Mehrheit in den konstitutionellen Körperschaften zugetheilt; der Kampf der Nationalitäten in Oesterreich fordert von der Regierung eine konservative Haltung; selbst der ehemalige Revolutionär Crispi schreitet sehr bemerklich dem conservativen Lager zu und hat dabei die Mehrheit der Kammern auf seiner Seite. In Nordamerika hat der Versuch, die hohen Schutzzölle zu mindern und den Staatsschatz von seinen Silbervorräthen zu entlasten, den liberalen Präsidenten Cleveland gestürzt. Vor Allem aber ist der mächtige Einfluß, welchen das Papstthum neuerdings wieder erlangt hat und den es durch seine hierarchischen und ritualen Mittel selbst in politischen Dingen ausübt, ein höchst bemerkenswerthes Zeugniß für den conservativen Geist in den Völkern. Selbst in Frankreich gährt und brodelt es wieder, und wirft Monarchisten, Imperialisten und Boulangisten in die Höhe, so daß in der Meinung der Menge selbst die dritte Republik o<>droht erscheint. Wer die Dinge vom allgemeinen Standpunkt betrachtet, dem wird piese Erscheinung nicht wundersam dünken. Von 1866 an bedingten die politischen Verhältnisse eine fortschrittliche Entwickelung. Zuerst der Norddeutsche Bund, dann das Deutsche Reich forderte die Schöpfung eint «• ötc Einheit in den Rechtsbüchern und Rechtsinstitutionen, im Zollwesen, Münze, Maß und Gewicht, in den öffentlichen Berkehrsanstalten, kurz auf fast allen Gebieten des bürgerlichen und staatsbürgerlichen Lebens: in Oesterreich-Ungarn, wo der Dualismus geschaffen wurde, lagen die Dinge ebenso; das geeinigte Italien verlangte eine neue Gesetzgebung und allseitig neue Einrichtungen, uud in Frankreich mußten die kaiserlichen Anstalten und Gesetze von der neuen Republik durchaus verändert werden. So war überall eine gewaltige Umgestaltung geboten, welche in sich selbst den Charakter des Fortschrittes, der Verwirklichung liberaler Ideen in sich trug. Politische und sociale Schöpfungen können nicht konservativ gehalten werden. Die Gesuchte lehrt uns aber hinlänglich, daß, wo eine fortschrittliche Entwickelung eine längere Zeit gewaltet und tiefgehende Gestaltungen hervorgebracht hat, Stillstand und Umkehr sich wie von selbst einstellen. Zu viele bestehende Verhältnisse und Interessen müssen angetastet, den hergebrachten Ansichten muß zu häufig widersprochen werden; Uebelstände sind auch von den bestgemeinten Einrichtungen nicht zu trennen; die Furcht liegt nahe, daß die Umwandlungen zu weit gehen dürften, denJmpulsen des Fortschritts bis zum Radikalismus nachgegeben werde; kommt nun hierzu irgend eine materielle Krise, die benutzt wird,

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