Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1889)
- Date
- 1889-01-03
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 Demütigungen Anderer aufgreifen, und wenn auch nicht in Thaten umsetzen, doch die Anklage nicht zurückweisen und geflissentlich wiederholen. Haben wir demnach den Antisemitismus an der Seine nicht zu fürchten, so erfreut es uns doch, daß dort sich eine Stimme vernehmen läßt, welche zu gänzlicher Beruhigung beizutragen vermag. Unter allen Romanciers, welche sich etwas häufiger zu ihren Dichtungen jüdischer Stoffe bedienen, nimmt Sacher Masoch eine eigenthümliche, uns höchst willkommene Stelle ein. In Galizien geboren, Christ und Edelmann, stand er in seiner Jugend mit den dortigen Juden in vielfacher Berührung. Er lernte sie und das galizische Judenthum sehr genau kennen, so daß er oft eine Kenntniß des letzteren verräth, wie sie im westlichen Europa den Juden selbst nicht mehr einwohnt. Unser Dichter ist von den wohlwollendsten Empfindungen für unsere Glaubensgenossen beseelt. Nicht jene Conflikte, die aus den Kämpfen eindringender Aufklärung gegen den geistigen Stillstand der Orthodoxie und den Aberglauben des Chassidismus entspringen, auch nicht die, welche durch das Aufeinanderstoßcn des Christenthums und Judenthums hcrvorgerufen werden, bilden die Objekte für Sacher Masoch's jüdische Novellen. Er will vielmehr die dortigen Juden in ihren ungestörten Sitten und Ansichten, in ihren theils seelischen, theils aus dem Drucke der Verhältnisse hervorgehenden Kämpfen, Conflikten und Katastrophen in meist milder und schonender Weise schildern. Es unterliegt diesem Streben, dieser Manier, ein tiefer humaner Zug, die Würdigung des Menschenthums an sich, nicht nach dem Maßstabe einer vorgeschrittenen Cultur, die Ucberzeugung, daß auch ein geistig beschränkter und in Aberglaube versunkener Mensch ein sittlich reiner und guter sein kann, sobald eben Tugend und Frömmigkeit in ihm obwalten. Gerade dies macht den Reiz der Erzählungen aus, welche Sacher Masoch schon seit einer Reihe von Jahren uns bietet. Wir halten es daher für ein sehr glückliches Unternehmen, die jüdischen Erzählungen Sacher Masoch's im französischen Gewände erscheinen zu lassen und zwar in einer Ausstattung, wie sie wohl noch niemals Dichtungen jüdischen Inhalts zu Theil geworden ist: „Contes juifs, recits de famille. Vingthuit heliogravures hors texte, cent dessins dans le texte par Gerardin, Alp hon so Levy, Emile Levy, Henri Levy, Edward Loevy Schlesinger, Vogel, Worms. Paris, Maisson Quantin, compagnie genöral d’impression et d’edition 7 rue Saint-Benoit MDCCCLXXXVIII.“ In 4°, auf prächtigem Papier, mit großen Typen und zahlreichen Illustrationen geschmückt, bietet das Buch ein Muster von Eleganz und typographischer Schönheit. Die Illustrationen sind meisterhaft gezeichnet, wenn auch bisweilen etwas übertreibend und sogar karrikirend in der Charakteristik. So bringt dieses Werk zwar keine direkte Widerlegung des Antisemitismus, wird aber so viele Sympathien erwecken, daß es dem Gegner mehr Abbruch thun wird, als die heftigste Widerlegung. Hierzu wird auch die von einem anderen Autor verfaßte Vorrede beitragen, die wir deshalb in treuer Uebersetzung hier anfügen. Sie lautet: „Man hat viel über die Juden geschrieben, aber erst seit kaum einem halben Jahrhundert hat man angefangen, sie mit Interesse und ohne Vorurtheil zu beobachten. Bis dahin hatten die großartige Entwickelung ihrer Existenz im Alterthum und ihr langes Martyrium seit ihrer Zerstreuung seitens der Gelehrten und Geschichtsschreiber nur parteiische und leidenschaftliche, oft der jüdischen Race mehr feindliche als sympathische Werke hervorgerufen. Unter dem Einfluß der liberalen und humanen Ideen, welche jetzt die Welt beherrschen, werden die barbarischen Vorurtheile, welche aus den Juden wahre Parias machten, bald ganz verschwunden sein. Von allen Seiten weichen diese Vorurtheile vor den Fortschritten der Freiheit und der Civilisation zurück; man findet sie nur noch, aber sehr abgcschwächt, in einigen Provinzen des östlichen Europas. Ueberall übrigens, wo die Freiheit herrscht, hauptsächlich in Frankreich, genießen die Israeliten in Frieden alle Privilegien des freien Mannes und sie üben frei alle dessen Rechte aus, während sie zugleich alle seine Pflichten erfüllen. Ohne etwas von der Lebenskraft ihrer Race zu verlieren, ohne irgend etwas von ihren traditionellen Empfindungen abzustreifen, ohne aufzuhören, sich solidarisch mit ihren über die ganze Erde zerstreuten Brüdern zu fühlen, hangen sie aufrichtig dem Lande an, in dem sie geboren sind; sie lieben ihr Vaterland und dienen ihm treu. Da sie sich um alle Aemter und alle Ehren bewerben können, mit demselben Rechte wie ihre anderen Mitbürger, so wissen sie sich dieser würdig zu machen und viele unter ihnen gelangen zu hohen Stellungen. Die Juden haben so ihre Befähigung für die Literatur und Wissenschaften ebenso bewiesen, wie für die Industrie und den Handel. Aber seitdem die Juden unter den Nationen Bürger geworden sind wie die anderen, unterliegen sie dem Einfluß der Umgebung, in der sie geboren sind und in der sie leben:! ohne es zu merken, nehmen sie deren Sitten und äußeren j Gebräuche an; die inneren Gebräuche widerstehen längere ^Zeit, aber für viele unter ihnen ist das alte jüdische Leben >uur noch eine poetische Erinnerung, ebenso wie die des Ghetto. Um die alten jüdischen Sitten wiederzufinden, mit ihrem lieblichen Charakter, ihrem naiven Aberglauben, ihren poetischen Legenden und ihrem lebhaften Gefühl des patriarchalischen Lebens, muß man sie in den Dörfern und kleinen Städten des Ostens beobachten, im Elsaß, in Deutschland, in Oesterreich, in Polen und selbst in England und Spanien, das heißt ein wenig überall, ausgenommen in den großen Städten.