Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1889)
- Date
- 1889-01-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Halter, welcher jedes Mitglied des Lehrkörpers mit einigen Worten beehrte, fragte auch uns nach der Anzahl der israelitischen Schüler an dieser Anstalt. Auf die Antwort, daß dieselbe 150 betrage, freute er sich über den regen Eifer, welchen die Israeliten dem Studium entgegen bringen, da die Zahl der Israeliten fast ein Drittheil der Gesammtzahl der Studirenden an der Anstalt ausmache. Auch sonst wird von Seite der Unterrichtsbehörde dem israelitischen Religionsunterrichte an unseren Gymnasien der regste Antheil und die erfreulichste Aufmerksamkeit entgegengebracht. Herr Landesschul-Jnspector P. Riedl, welcher speciell mit der Beaufsichtigung des Unterrichts an unseren Gymnasien betraut ist, ist ein Mann, der schon bei mehrfachen Gelegenheiten zeigte, welches Wohlwollen er auch für den mosaischen Religionsunterricht hege. Als er vor wenigen Wochen das hiesige erste deutsche Gymnasium inspicirte, beehrte er auch uns in den oberen Klassen mit seinem Besticke. Derselbe währte nahezu zwei Stunden. Der Herr Landes-Schulinspektor folgte dem Unterrichte mit größter Aufmerksamkeit und freute sich über die Kenntnisse der Kinder, welche dieselben in der Lektüre der Propheten und Psalmen zeigten. Auch war er sehr erbaut durch die Kenntnisse der Schüler in der jüdischen Geschichte, und knüpfte an die Prüfung aus derselben die Worte, daß nichts so gut im Stande sei, das sittliche Gefühl des jungen Menschen zu erheben, als gründliche Kenntniß in der schichte seines Volkes. In Bezug auf die dann vorgenommene Epoche aus der Geschichte der Makkabäer sagte er: Lernen sie diese Geschichte, es ist die Geschichte einer großen Zeit. Lesen sie, so sprach er ferner, fleißig in den Psalmen, die soviel der wahren Weisheit enthalten. Auf die Schüler machte der Besuch und diese Anrede sichtlich einen guten Eindruck, der gewiß von den nachhaltigsten Folgen begleitet sein wird. — Auch der 2. December, der Jubiläumstag der Regierung unseres Kaisers, ging, trotzdem der Monarch sich jede officielle Feier verbeten hatte, nicht ganz ohne Sang und Klang vorüber. Wie konnte es auch anders sein? Drängte es uns doch förmlich an diesem Tage, zurückzudenken an die Zeit vor 40 Jahren, in welcher, um nur ein Beispiel anzusühren, in Brünn nur drei jüdische Familien wohnen durften und dies unter schmählichen Einschränkungen. Heute hat Brünn eine jüdische Einwohnerschaft, welche die Zahl von 6000 schon übersteigt, und, was noch mehr sagen will, Juden sitzen in allen Corporationen, Juden haben die höchsten Ehrenämter inne, und der Vorsteher unserer Kultus-Gemeinde, Julius R. von Gomperz, wurde zum 17. male in diesem Jahre zum Präsidenten der hiesigen Handelskammer gewählt. Welch ein Fortschritt! — „Gedenke doch der Tage der Vorzeit, erkenne die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht, frage deinen Vater und er wird's dir verkünden, deine Alten und sie werden es dir sagen" — wahrlich diese Worte unser heiligen Schrift, sie sind in ihrer unvergänglichen Wahrheit erst in dieser Zeit uns aufgegangen. Mögen doch olle Israeliten dies hl. Wort beherzigen und, fest und immer fester sich anschließend unserem Bunde, gerade in unseren Tagen zeigen, daß sie nicht taub sind für die Lehren der Geschichte, welche für Israel viel lauter spricht, als für jede andere Gemeinschaft. — Dem Gefühle der Dankbarkeit, welches uns Alle an jenem glorreichen Tage durchströmte, gab beim Mussaph - Gottesdienste unser Herr Landes-Rabbiner erhebenden und feierlichen Ausdruck. Auch die Schüler unserer Gymnasien und Realschulen wohnten Nachmittag einem feierlichen Gottesdienste bei. Bei demselben wurde der 21. Psalm von einem prächtigen Schülerchor in glänzender Weise gesungen. In der Ansprache, die hierauf an die Schüler gehalten wurde, wurde die Bedeutung des Tages hervorgehoben, wurde betont, wie Israel, nach den Worten der an diesem Tage (Sabbat-Chanukka) verlesenen Haphthora, nicht durch physische Kraft, sondern durch den Geist sich seine Freiheit errungen habe; dieser Geist sei der der Einigkeit in der Liebe zum Batcrlande und zuin angestammten Herrscher. Die Absingung der Volkshymne beschloß die ebenso einfache, als erhebende Feier. Entsprechend dem Wunsche unseres Kaisers, diese Feier durch milde Stiftungen und Werke der Wohlthätigkcit zu begehen, hat der hiesige Cultusvorstand ein Capital von 3000 fl. für ein Stipendium, mit welchem Rabbinats - Candidaten betheilt werden sollen, angelegt. Aus allen Gemeinden Mährens werden Berichte über stattgehabte Feier ans Anlaß dieses Jubiläums gemeldet; so zeigte sich Israel wieder einig in seinem Patriolismus und in Werken der Menschenliebe. Di-. Isar Grünfeld. Belgien. Brüssel, 26. Dec. (Privatmitth.) Bekanntlich hat der Cardinal Lavigerie seinen Feldzug gegen den afrikanischen Sklavenhandel in hiesiger Stadt angefangen, indem er in der Kathedrale sehr beredte Predigten hielt, in welchem er zu einem allgemeinen Kreuzzuge gegen den Sklavenhandel aufforderte. Wir sagen „Kreuzzug", denn mit großem Nachdruck betonte er, daß es gelte, das Kreuz gegen den Halbmond hoch zu halten, den Islam durch das Christenthum zu bekämpfen. Er behauptete, daß der Koran ohne Sklaventhum nicht zu denken sei, daß dagegen die römische Kirche zu aller Zeit das Sklaventhum verurtheilt und bestritten habe. Hiergegen erhob sich der türkische Gesandte am hiesigen Hofe (griechisch-katholischer Confession). Er bezichtigte den Cardinal, den Thatsachen ins Gesicht geschlagen zu haben, denn selbst noch in dem furchtbaren nordamerikanischen Bürgerkriege vor 25 Jahren habe der römische Klerus auf Seiten der Sklavenhalter gestanden. Abgesehen hiervon, war man über-