Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1889)
- Date
- 1889-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227773--45884-3265415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
g Wien, 21. Dec. (Privatmitth.) In der gestrigen ersten Volksversammlung des kürzlich in's Leben gerufenen „Deutschpolitischen Vereins" im 9. Bezirke hielt Reichstags-Abgeordneter Di'. Magg einen Vortrag, in dem er auch den Antisemitismus geißelte. Er sagte u. A.: „Das gewisse Demokratenthum verfing auf die Dauer bei den Wählerschaften nicht und da habe man beobachten können, wie bewegliche Geister sich einer anderen Bewegung zuwandtcn. Es sind diejenigen, welche sich ebenso unbefugt Deutschnationale, Unverfälscht Deutsche und in neuester Zeit Bereinigte Christen nennen, die aber allesammt nichts anderes sind als Antisemiten. Die Bekämpfung einer Race oder Confessio« könne aber niemals ein politisches Programm bilden. Es sei eines freisinnigen Staatsbürgers und des neunzehnten Jahrhunderts unwürdig, eine Klasse von Menschen wegen ihrer Confession nicht als volle Menschen anzusehe». Ich halte den Antisemitismus, sagt Redner, für undeutsch, unchristlich und unmenschlich. Für undeutsch, weil in der deutschen Cultur, in der deutschen Wissenschaft und Geschichte sich auch Juden hervnrgethan haben; für unchristlich und unmenschlich vom Standpunkte der christlichen Religion. Man dürfe auch dem Antisemitismus nicht die Ehre anthun, ihn als politisches Programm zu bezeichnen. Wenn man bedenkt, wie schwer das Deutschthum in Oesterreich bedrängt ist und wie warm in vielen Orten die Juden sich der deutschen Sache annehmen, wie schätzenswerthe Dienste sie leisten, und da sie trotz oft großer materieller Nachtheile in der Opposition gegen die Regierung ausharren, so müsse man auch aus diesem Grunde den Antisemitismus auf's schärfste verurtheilen. Man könne nur wünschen, daß der Antisemitismus bald als häßliche Verirrung allgemein erkannt werde, daß unsere Jugend nicht auf Irrwege gerathe, welche es ihr verwehren würden, ein edles, eines deutschen Mannes würdiges Streben zu verfolgen. Wir Deutsche, schließt Redner, haben eine andere wichtige Aufgabe: einzutreten für die bürgerliche Freiheit, für den Fortschritt und für das so arg bedrohte Deutschthum. Hat es ja Scheffel, der deutscheste Dichter, ausgesprochen: „Behüt' uns Gott vor Racenhaß, Klassenhaß, Massenhaß und dergleichen Teufelswerken." Das zahlreiche Auditorium, unter dem sich auch die Abgeordneten Wrabetz und Exner befanden, lohnte den Redner mit stürmischen Beifall. Wien, 25. Dec. (Privatmitth.) Wie ich höre, wurden von Mitgliedern des Herrenhauses mit Mitgliedern des Polenclubs im Abgeordnetenhause Verhandlungen gepflogen, damit das Gesetz in Betreff der Angebung der äußern Rechtsverhältniffe der israelitischen Religionsgesellschaft rasch zu einem gedeihlichen Resultate führe. Die (Hauptschwierigkeit bildet Alinea 2 im § 25, welcher nach dem Anträge des Ausschusses des Abgeordnetenhauses lauten soll: „Jede Gemeinde ist im Sinne des § 1 verpflichtet, ein Bethaus oder je nach der Größe der Gemeinde mehrere zu erhalten. Bei der Errichtung derselben ist den verschiedenen in der Gemeinde üblichen Ritualformen thunlichst Rücksicht zu tragen." Es wird nun gewünscht, das Wort „thunlichst" wegzulassen. Herr Camill Kuranda, Sohn des verewigten Dr. Ignaz Kuranda, wurde in den letzten Tagen zum Ministerialsecretär im Handelsministerium ernannt. (Die bemerkenswerthen Verhandlungen in dem Wiener Gemeinderathe werden wir in nächster Nr. besprechen. Redaction.) Brünn, 25. December. (Privatmitth.) Das Zwischenreich in unserer Statthalterei, welches nach dem Abgänge des Grafen Schoenborn den Gemüthern so viel Zeit gegeben hatte, die verschiedenartigsten Kombinationen in Bezug auf die Person seines Nachfolgers und das System, welches er befolgen werde, aufzustellen, ist nun zu Ende. Mit kaiserlicher Entschließung vom 12. November ist der Vice-Präsident der Lemberger Statthalterschaft Hermann R. v. Löbl zu dieser höchsten Würde in unserem Lande ernannt worden. Wer die Verhältnisse in Mähren kennt, wer da weiß, wie in diesem Lande gerade die heftigsten Gegensätze, was die Sprachenfrage anlangt, hart aufeinanderstoßen, der wird ermessen, welch hohe Bedeutung der Statthalterposten bei uns hat und welches Vertrauen von der Seite der Regierung demjenigen entgegengebracht wird, der ihn bekleidet. Unser neuer Statthalter soll auch ein Mann von ganz ungewöhnlichen Fähigkeiten, von seltenem Scharfsinn und hoher Tüchtigkeit sein. Möge er diese seine hohen Geistesgaben zum Wohle unseres Landes anwenden, möge unter seiner Leitung unser Land weiterhin verschont bleiben von jener häßlichen Ausgeburt unserer Tage, welche Konfession gegen Konfession, Klasse gegen Klasse, sogenannte Race gegen Race hetzt! Was eine energische Centralleitung in Bezug auf Niederwerfung jener schmählichen Bewegung vermag, wird niemand verkennen, und nur ein Druck von oben, verbunden mit energischer Selbstwehr, kann uns vor den Angriffen jener traurigen Ritter schützen, welche sonst kein Verdienst haben, als daß sie ans die Inden schimpfen und sich „Antisemiten" nennen; es sei denn, daß man es Verdienst nennen will, wenn Männer offen und verborgen mit jener Partei konspiriren, welche auf die Vernichtung unserer modernen Schule hinzielt. — Der Statthalter langte in den ersten Tagen des Monats December hier an. Sofort begannen bei demselben die Vorstellungen der Behörden, der Vertreter der Konfessionen rc. — Sowohl unser Herr Land-Rabbiner als auch eine Abordnung unseres Kultus-Vorstandes hatten die Ehre, huldvollst empfangen zu werden. — Dem Lehrkörper des ersten hiesigen Gymnasiums, welcher vollständig vom Direktor dieser Anstalt vorgestellt wurde, hatten auch wir uns angeschlossen. Der Herr Statt-