Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1889)
- Date
- 1889-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Male die Duellwulh der Studenten ein Opfer gefordert, und zwar das eines jungen Mannes, der, früh verwaist, die Hoffnung seiner acht jüngeren Geschwister gewesen, und die nun doppelt schwer gebeugt an der Bahre ihres so gewaltsam ihnen entrissenen Bruders standen. Und warum ist dem Moloch des überspannten Begriffes der Standesehre dieses neue Opfer dargebracht worden? Der Gefallene, ein hervorragendes Mitglied der „akademischen Vereinigung", hatte sich scharf mißbilligend darüber ausgelassen, daß der „Verein deutscher Studenten" kein anderes Ziel im Auge habe, als sämmtliche jüdische Studenten von den deutschen Universitäten zu verdrängen und, zum Widerruf dieses wohlbegründeten Vorwurfs aufgefordert, solchen, wie er nicht anders konnte, verweigert. Wäre der antisemitische Geist in jenem Verein nicht so tief gewurzelt, daß er jeder vernünftigen Einsicht unzugänglich geworden, so hätten seine Mitglieder die Wahrheit jener Vorhaltung unweigerlich anerkennen, von ihren verwerflichen Tendenzen Abstand nehmen und ihren jüdischen Commilitonen die Hand zur Versöhnung darreichen müssen. Statt dessen erfolgte aber von Seiten seines Vorsitzenden die Herausforderung des Gegners zum Pistolenduell, das, bis zum dritten Kugelwechsel fortgesetzt, ein junges Blut, das des Gerechten, unbarmherzig zu Boden streckte. Der gesunde Menschenverstand brandmarkt solchen Frevel als einfachen Mord und verdammt so mit einem Schlage beide traurige Verirrungen hauptsächlich im Bereich unserer höheren Stände (Antisemitismus und Duell) auf's Nachdrücklichste. Ist doch der Antisemitismus, der zu der Katastrophe den Anlaß gegeben, die pure Negation aller Nächstenliebe, wie sie Christenthum und Judenthum übereinstimmend predigen, und vermag er nur in stricter Verleugnung derselben sowie aller Humanität seine, mit den unlautersten Mitteln betriebene Hetze immer weiter zu führen, die darum auch schon vor sieben Jahren aus erlauchtem Munde die entschiedenste Verurtbeilung gefunden. Und wenn sogar die Hochschulen, diese Stätten der Vorbildung für alle höheren Berufe im Staats- und Privatleben, von diesem Krebsschaden angefressen werden, kann wohl eine schrecklichere Vergiftung des Volksgeistes für Gegenwart und Zukunft gedacht werden? Es wäre darum sicherlich eine rettende That von unvergleichlich segensreichen Consequenzen, wenn die volle Strenge des Gesetzes, das ja „Aufreizung der einen Volksktasse gegen die andere" mit schwerer Strafe belegt, dagegen geübt und durch solches unnachsichtliche Walten der Gerechtigkeit, dieser Grundsäule des Staatswesens, die böse Saat des Unfriedens und der gehässigsten Feindseligkeit vom Boden der Gesellschaft ausgerodet würde. Und wie hier blos das verbriefte, verfassungsmäßige Recht mit Ernst ausgeführt zu werden brauchte, um dem Unheil nachdrücklich zu steuern, so ist das Gleiche der Fall in Betreff des Zweikampfes, der, ebenso wie von Religion und Moral verworfen, auch vom Staatsgesetze streng untersagt und mit längerer Freiheitsstrafe bedroht wird. Die letztere dürfte nur noch verschärft und ehrenrühriger gestaltet, oder — noch treffender — eine Verletzung oder Tödtung im Duell gleich jeder anderen geahndet werden, so würde dieser Ueberresl des mittelalterlichen Faustrechts wohl endlich getilgt und ein wesentlicher Schritt weiter auf der Bahn des actuellen Rechtsstaats gethan werden. Der Thränen werden auf Erden ob aller Noth und Drangsal so viele vergossen, warum deren noch mehr aus Muthwillen und Gehässigkeit häufen? „Gerechtigkeit, ja Gerechtigkeit sollst Du nachjagen, dann lebest Du glücklich", sagt die heilige Schrift mit Nachdruck, folgen wir ihr, so wird auch der Liebe eine feste Stätte unter den Menschen bereitet werden. Dr. M. Stern. Haigerloch (Hechingen), 27. Dec. (Privatmith.) Kleinere Gemeinden geben oft das Bild von größeren und haben auf dieselben Grundsätze wie diese zu dringen. Nichts ist da nothwendiger als Friede und Eintracht, namentlich auch bei der Wahl ihrer Cultusbeamten und ihres Rabbiners. Niemand kann die große Wirksamkeit des letzteren verkennen, wenn er, über den Parteien stehend, seine Lehr- und seelsorgerische Thätigkeit auf den ganzen Kreis der Mitglieder, auf Jugend und Alter auszudehnen vermag! Darum muß aber auch die Wahl desselben nicht von einem Parteistandpunkte geschehen, sondern allein aus seiner Tüchtigkeit und seinem Charakter heraus. In Frieden gewählt, für Frieden und echtes religiöses Leben wirksam! Dies rufen wir der hiesigen Gemeinde zu O'bw dp.n! Oesterreich-Ungarn. Wien, 21. Decbr. Heute Vormittag war die Kcrkerstrafe Schönerer abgelaufen und wurde er deshalb aus dem Gefängnisse entlassen. Seine Anhänger hatten erwartet, daß den ehemaligen Abgeordneten und Ritter bei seinem Austritt aus dem Gesängniß eine ansehnliche Ovation erwarten werde. Dies ging nun nicht in Erfüllung, denn es hatten^sich kaum 150 Personen vor dem Gerichtsgebäude eingefunden, aus welchem die Frau Schönerer und der Abg. Vergani den Gefangenen abholten. Die Versammelten begnügten sich mit stummen Grüßen. Als Schönerer abgefahren war, sammelten sich nach und nach, wie dies in großerü Städten', gleicht ist, mehrere Tausend an, die von der Entlassung Schöncrers gar keine Kunde gehabt. Es waren jedoch Schutzmänner zur Genüge vorhanden, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und einige Lärmmacher zu verhaften. Heute Abend soll zu Ehren des „Märtyrers" ein Festmahl stattfinden, zu welchem die Dresdener Antisemiten einen großen^Kranz geschickt haben. Es lhut noth, daß sich diese Gevatter^unter einander ehren, Andere werden sich nicht dazu veranlaßt fühlen.