Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1889)
- Date
- 1889-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227773--45881-3265412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Ham zum Stammvater der im wüsten Arabien ansässigen Jsmaeliten, dann aber auch (Cap. 25) einer andern Reihe von Beduinenstämmen, die im glücklichen Arabien und bis in die Steppen der sinaitischen Halbinsel ansässig wurden. Eine andere Aufgabe war Isaak gestellt. Ihm lag es ob, die Niederlassung seines Hauses in Kanaan zu befestigen, und dadurch thatsächlich ein Anrecht auf dieses Land zu begründen. Es drückt sich dies nicht allein dadurch aus, daß er Kanaan nicht wieder verließ und von Egypten fern blieb, sondern auch viele Brunnen grub und von seinem Landbau reichen Ertrag einheimste (Cap. 26). Daß dies nicht ohne Kampf mit den Bewohnern des Landes, sowie auch mit umwohnenden Herrschern abging, ersieht man aus mehrfachen Erlebnissen Abraham's und Jsaak's. Aber auch mit letzterem ist die Erweiterung des Stammes zu Völkern verbunden. Der Rebekka wird gesagt (25,23.): „Zwei Völker sind in deinem Leibe, zwei Stämme scheiden sich aus deinem Schoße: Stamm mächtiger als Stamm, der ältere wird dem jüngern dienen." Hiermit deutet uns das Schriftwort an, daß die folgende Geschichte, die Jakob's bis zu seiner Rückkehr nach Kanaan, nicht sowohl als bloß persönliche Ereignisse berichtet, sondern vielmehr als die Jugendgeschichte der beiden Völkerschaften, Israel und Edom, und ihrer Kämpfe mit einander aufgefaßt werden müsse. Wie sich ein Volk in seinem Charakter, in seinen Eigenthümlichkeiten und Bestrebungen zeigt, wird in dem Stammvater dargestellt, oft auch schon in seinem Namen veranschaulicht. So werden denn alsbald Esau und Jakob von einander unterschieden; der erstere wurde „ein jagdkundiger Mann, ein Mann des Feldes, Jakob aber ein schlichter Mann, Zelte bewohnend." Hiermit war der Charakter der beiden Stämme äußerlich und innerlich in ihrem Unterschiede angegeben. Jakob ergab sich dem Landbau und der Viehzucht und nahm hierzu den Besitz des Landes in Anspruch, ohne welchen der Betrieb seiner Thätigkeit nicht denkbar war. Esau aber war ein Mann der Waffen, zunächst der Jagd, des freien Umherschweifens durch das Land, ohne Berücksichtigung der Ansprüche und Rechte des ansässigen Landmannes. Esau schaarte bald einen Heerhaufen um sich; ihm wohnte deshalb vorläufig die größere Macht ein. Jakob griff zu der Aushilfe, die sich darbietenden Gelegenheiten zu benutzen, um von Esau das Recht auf den Besitz des Landes und dessen Ertrag zugestanden zu erhalten. Als einen solchen Kampf zwischen dem der Jagd obliegenden und waffenmächtigen Stamm und dem landbebauenden, noch ziemlich wehrlosen, haben wir die! Jugendgeschichte Jakobs zu verstehen. Den Ausgang des Kampfes um das Besitzrecht des Landes spricht der Segen aus, welchen Isaak den beiden Söhnen ertheilt. Dem Jakob sagt er (27, 28): „Dir gebe Gott vom Thau des Himmels und von der Erde Fett und Fülle Korn und Most; sei Herrscher deinen Brüdern, daß deiner Mutter Söhne sich dir beugen." Für Esau hat er dagegen die Worte: „Sieh, ohne der Erde Fett sei deine Wohnung und ohne des Himmels Thau von oben; doch sollst von deinem Schwert du leben und bist du dienstbar deinem Bruder, sei es doch, wenn du empor dich wiegelst, wirst du sein Joch von deinen Nacken schütteln." Ein Zweifel, daß es sich in dieser ganzen Erzählung nicht sowohl um die Persönlichkeiten Esau's und Jakob's, als um das Verhältniß der beiden, von ihnen abgeleiteten Völkerschaften handelt, kann hiernach nicht bestehen, und die Geschichte derselben erweist die Genauigkeit, mit welcher sie in den Worten dieses Segens resumirt wird. Wir kommen hierauf zurück. Zu diesem Ausgang führen nun mehrfache Etappen. Der Besitz des Landes stellt sich zuerst als Erstgeburt dar. Einem Jagdvolke geschieht es nicht selten, daß der Ertrag der Jagd fehl schlägt, so daß bei der Dauer dieses Mangels eine Hungersnoth für jenes entsteht. Es nimmt dann seine Zuflucht zu dem landbebauenden Nachbarn, und wenn die Umstände nicht günstig sind, jenem die Früchte seines Fleißes mit Gewalt abzunehmen, muß sich der Stamm der Jäger zu Rechtszugeständnissen herbeilassen. Dies ist es, was uns in der Erzählung von dem Verkauf des Erstgeburtsrechtes und zwar in den genauesten Zügen geschildert wird. Vom Hunger gedrängt, giebt der Stamm Edom seine Ansprüche auf den Besitz des Landes an den Stamm Israel ab. Hierzu gehört aber zu zweit die feierliche Bestätigung durch den „Segen". Was private Abmachung war, mußte noch öffentliches Recht werden. Der Stamm gab trotz jenem Zugeständniß in der Noth sein Anrecht nicht auf und wollte den „Segen" behalten. Die Geschichte des letzteren zeigt uns, wie der Stamm Israel dem Edoms zuvorkam und sich auch in der allgemeinen Meinung das Anrecht auf das Land erwarb. Edom ward nach dem unfruchtbaren Gebirge und auf den Bestand durch die Waffen, immer aber unter die Botmäßigkeit Israels verwiesen. Dies rief den Zorn des Stammes auf und Israel konnte wehrlos dem Ansturm nicht widerstehen und verließ auf einige Zeit das Land. In der Natur des edomitischen Stanimes lag es aber, auch in der Abwesenheit Israels mit dem offnen, nur zum Landbau und zur Viehzucht fähigen Boden nichts anfangen zu können, und so ließ er sich von dem, mit reichem Ertrage zurückgekehrten Israel den ungestörten Wiedereinzug durch einen angemessenen Tribut abkaufen. In diesem Verhältniß verblieben die beiden, bis Israel nach Egypten zog und endlich wiederkehrte, um Canaan für immer in vollen Besitz zu nehmen. Das verwandtschaftliche Band wurde stets anerkannt, hinderte jedoch nicht, daß sich Edom dem Durchzug Israels widersetzte, so daß dieses um das Gebirge, welches Edom bewohnte, herumziehen mußte. Von da ab erweist das Verhalten beider Völkerschaften den Ausspruch jenes Segens,