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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-03 · Heft 1 (3.1.1889) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 1 (3.1.1889)
Date
1889-01-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Auslegung bezeichnen. In der Halachah und im Midrasch kam es zumeist darauf an, dort eine gesetzliche Folgerung, hier eine ethische Sentenz, Fabel oder Legende an einen Schrifttext anzuknüpfen, anzuschließen, ihnen eine größere oder mindere Autorität durch den mehr oder minder scheinbaren Beleg aus dem Schriftworte zu verleihen. Allerdings trat hierbei die Halachah mit der Forderung voller Gültigkeit auf, während sich der Midrasch als eine freie, unmaßgebliche Deutung gab. Letztere, der Drusch, ist denn auch in die moderne Predigt übergegangen und kann als liosutia, homiletica bezeichnet werden. Die zweite, in der alcxandrinischen Schule verfolgte Richtung war die allegorisirende, welche selbst in den historischen Berichten der Schrift, ohne ihnen den geschichtlichen Werth geradezu abzusprechen, eine Allegorie einer Eigenschaft, einer Tugend, einer Lehre zu finden glaubte. Endlich die dritte, welche Geheimlehreu, metaphysische und psychologische in der Schrift aufsuchte, der wildesten Phantasterei und dem dunkelsten Aberglauben Raum gab und sich in fälschender Weise Kabbala, d. h. Ueberlieferung nannte. Nachdem die erste Art der Schriftauslegung so gut wie abgeschlossen, die beiden anderen durch die Aufklärung beseitigt waren, wurde seit Mendelssohn der einfache Wortsinn wieder zur Geltung und zur Richtschnur der Schriftforschung gemacht. Jndeß stellte sich auch hier ein Genüge und eine Beschränkung nicht allzulange ein. Abgesehen von der Kritik, welche sich des Materials der Schrift bemächtigte und die wir hier nicht weiter in Betracht ziehen wollen, gab sich das Bedürfniß kund, die Auffassung des in der Schrift Gebotenen doch nicht bei dem bloßen Worte stehen zu lassen. Wir erinnern daran, daß es sich dem forschenden Geiste aufdrängte, in den Specialvorschriften das in ihnen waltende Princip aufzusuchen, theils weil der moderne Geist auf die logische Entwickelung der Principien hingewiesen ist, theils weil hieraus erst das richtige Verständniß der Specialvorschriften hervorgeht. Wenn es z. B. 2. Mos. 23, 4 heißt: „So du den Ochsen deines Feindes oder seinen Esel irrend antriffst, sollst du ihn demselben zurückbringen; so du stehest den Esel deines Hassers erliegend unter seiner Last, hüte dich, es ihm zu überlassen, verlassen sollst du den Ort mit ihm," so geht daraus zweifellos die allgemeine Pflicht hervor, seinem Feinde in allen dessen Nöthen hilfreich beizustehen, und daß die Feindesliebe gleich der Nächstenliebe als eine religiös-sittliche Forderung eingeschärft werden soll. So lehren auch die einzelnen Vorschriften über die Behandlung der Thiere nachdrücklich das Gesetz des Thierschutzes, der Menschlichkeit auch gegen die Thiere. Hieran schloß sich die Erkenntniß, daß der mosaische Cultus eine symbolische Deutung verlange, theils wie die Schrift selbst anleitet, theils weil überhaupt nach dem damaligen Standpunkt der geistigen Entwickelung ein antiker Cultus in seinem Ursprung ohne Symbolik unmöglich war. — Es versteht sich von selbst, daß bei allen diesen Deutungen die größte Vorsicht anzuwenden sei, und man lieber Etwas unerklärt lassen müsse, als in das Schriftwort Gedanken hineinzudeuteln, die nicht offenbar und unzweifelhaft darin enthalten sind. Richten wir nach dieser Analogie unsere Blicke auf die Kindheit unseres Volkes und auf die Geschichte der Erzväter. Es wird uns da klar werden, daß sie uns zwar die bez. Persönlichkeiten geschichtlich vorführt, aber zugleich einen weiteren Sinn, eine allgemeinere Bedeutung befaßt. Das erste Buch Mosis übergiebt uns eine Entwickelung des Menschengeschlechtes und des Volkes Israel bis zur Zeit der Offenbarung. Nach der Schöpfung beschäftigt es sich zuerst mit der Frage, wie der Mensch zur Sünde gekommen und zwar zuerst auf dem Boden der Sinnlichkeit, alsdann auf dem der beginnenden Gesellschaftlichkeit. Mit dem Augenblicke, wo der Mensch nicht mehr wie das Thier die Befriedigung seiner Bedürfnisse aus den freiwilligen Gaben der Natur, sondern aus der eigenen Arbeit zieht, hebt die Entfaltung des Menschen an. Seine Thätigkeit spaltet sich in Viehzucht und Ackerbau, jene nomadisirend, dieser ansässig betrieben. Alsbald beginnt auch der Kampf zwischen beiden. Weiterhin wird uns in kurzen Zügen eine Reihe von Erfindungen vorgeführt, Errichtung von Zelten, Entstehung von Städten, die Bearbeitung von Erzen, die Musik und Dichtkunst. Hierauf folgt die letzte große Erdrevolution, und durch alle diese Geschlechter die Ausbreitung und Zerstreuung des Menschengeschlechtes. Eine speciellere Wendung nimmt die Geschichte mit dem Erscheinen Abrahams. In dieser Persönlichkeit thut sich zuerst die Entfaltung des religiösen Elementes, das Erstehen des Monotheismus, wenn auch noch in mehr äußerlicher Auffassung als „Allmacht" auf, welcher weiterhin der Begriff der göttlichen Vorsehung und des göttlichen Gerichtes über die Menschen sich einsenkt. Hiermit ist die Grundlage für die ganze religiös-sittliche Entwickelung gegeben. Jndeß neben diesem großartigen Inhalte des Lebens Abrahams, der sich durch alle seine persönlichen Erlebnisse hinzieht, giebt sich noch ein anderes für die Menschengeschichte wichtiges Moment kund. Es ist die sich ausdehnende Völkerverbindung, die mit Abraham aus der Mitte Mesopotamiens bis tief in Egypten hinein greift, bezeichnet durch die Wanderungen Abrahams mit seinem Clan, zugleich auch die Genealogie der Völkerschaften, welchen eine engere Verwandtschaft zuertheilt wird. Dies wird uns (1. Moses 17, 4.) angedeutet: „Daß du werdest zum Vater einer Menge von Völkern. So sollen nicht fürder dein Name Abram genannt werden, es sei dein Name Abraham, denn zum Vater einer Menge von Völkern mache ich dich re." Abgesehen nun davon, daß der Bruderssohn Abrahams, Lot, als Stammvater Moabs und Ammons aufgeführt wird (19, 37.), wird Abra-

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