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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-03 · Heft 1 (3.1.1889) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 1 (3.1.1889)
Date
1889-01-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 60,000, in Pest über 50,000, in Paris und London an 40,000, und gewiß eine gleiche Zahl in New-Dork. Auch in den Provinzen entleeren sich die mittleren und kleineren Gemeinden und wachsen dafür in deren Hauptstädten, wie Hamburg, Frankfurt a. M., Breslau, Posen, Köln, Königsberg. Wir folgen hierin dem Zuge der Zeit, da alle diese Städte dauernd in raschem Wachsthum begriffen sind, geistiger und materieller Verkehr in ihnen immer rascher pulsirt. Die Folge ist, daß diesen großen Gemeinden die schwierige Aufgabe gestellt ist, mit ihren Instituten dem schnell wachsenden Bedürfniß nachzufolgen, und hinwiederum die mittleren und kleineren Gemeinden zusammenschmelzen, ihren Bedürfnissen immer schwerer genügen können, einige von ihnen erlöschen. Wenn solche mächtige Ceutren in den Stand gesetzt werden, die Werke der Religion und der Gemeinsamkeit nach immer größeren Maßen herzustellen und sich in ihnen der religiöse Geist zu beleben vermag, so ist auch nicht zu verkennen, daß das großartige, rasche, ja stürmische Leben und Treiben in ihnen der religiösen Gesinnung und Richtung vielfachen Abbruch thut, die Menschen mit ihren materiellen Interessen zu sehr in Anspruch nimmt und von der Einkehr in sich abzieht; die Zerstreuungen und die Theilnahme an allen Bestrebungen und Erzeugnissen lenken ihre Aufmerksamkeit auf sich. Wir sind eben auch nach dieser Seite hin in einer Uebergangsperiode begriffen und können die sich daraus entwickelnden Zustände noch nicht übersehen und benrtheilen. Neben der Colonialpolitik, sagten wir, ist es die Socialpolitik, welche die ganze Aufmerksamkeit und Kraftanstrengung des deutschen Reiches und seiner Gesetzgebung in Anspruch nimmt. Fürwahr, wir erachten es, gerade vom Standpunkte unserer Religion, als einen wahrhaften Ruhm der deutschen Reichsregierung, in dieses Gebiet eingetreten und bedeutende Institutionen auf ihm hergestellt zu haben, und hierin den übrigen Staaten voranzugehen. Nichts ist leichter, als den bisherigen Einrichtungen der Krankencassen und Unfallversicherungen noch diese oder jene Mangelhaftigkeit nachzuweisen, dem Fabrikschutzgesetz einen weiteren Weg vorzuschreiben. So großartige Beranstaltungen lassen sich nicht mit einem Male fehlerlos aufrichten und werden überhaupt stets verbesserungsbedürftig bleiben. Hier kommt es darauf an, das Geleistete zu würdigen und auf dem Wege fortzuschreiten. Hierzu hat sich nun gesellt die Alters- und Jnvaliden-Versorgung, eine principiell gerechte, aber in ihrer Ausführung sehr schwierige Aufgabe. Wir stehen eben hier vor einer ganz neuen Institution, für welche die Maßstäbe von der Erfahrung noch wenig geliefert worden und die außergewöhnlich große Mittel in Anspruch nehmen wird. Darüber ganz klar zu sehen, ist Niemandem vergönnt, und will man das Ziel, so darf auch das Experiment nicht gescheut werden. Jedenfalls scheint es uns weise, im Anfang nicht gleich zu viel zuzugestehen, damit man nicht schließlich zurückgehen müsse und sich lieber weitere Schritte vorzubehalten. Die diesen neuen Anstalten zu Grunde liegenden Gedanken sind dem großen Publicum noch neu, und für sie Opfer zu bringen, ist man noch nicht recht bereit. Gehören sie aber erst zu den Gepflogenheiten des Lebens, so wird man immer weiteren Antrieb dazu finden. Das Judenthum hat die ideellen Ansprüche, auf welchen diese socialen Einrichtungen beruhen, stets anerkannt und möglichst ausgeführt. Nicht die kleinste Gemeinde besteht ohne eine gegenseitige Gesellschaft zur Unterstützung und Beihilfe in allen Nöthen des Lebens, und die Fürsorge für Wittwen und Waisen, für jede Art Hilfsbedürftigkeit ist schon im mosaischen Gesetz als Recht und Pflicht aufgestellt und eingeschärft. Für Kranke, Todte, Leidtragende, Kinder und Greise, Heimische und Fremde bestanden und bestehen in jeder jüdischen Gemeinde Veranstaltungen. Man kann sagen, daß im Schoße der jüdischen Gemeinden noch Niemand verhungert oder ganz verkümmert ist. Um so mehr müssen wir dem Staate bei derartigen Unternehmungen unsere Zustimmung und Unterstützung widmen. LMer aus -em Leben des Volkes Israel. . 5. Aus der Zeit der Kindheit. Das Werk der Jahrhunderte hört nie auf, verändert sich aber oft in Richtung und Ziel. Zu allen Zeiten haben viele unter den Schriftforschern und Schrifterklärern neben dem buchstäblichen und dem einfachen Wortsinn in den Schrifttexten noch einen anderen, einen tieferen Sinn gesucht und zu finden geglaubt. Fordert uns hierzu doch die hl. Schrift selbst auf, indem sie uns zur Pflicht macht, in den Worten der Lehre „zu forschen Tag und Nacht." Eine jede Forschung aber führt wie von selbst darauf, sich mit dem oberflächlichen Sinne nicht zu begnügen, sondern noch eine höhere und weitergreifende Bedeutung aufzusuchen. Hierzu kommen aber auch bestimmte Andeutungen der Schrift selbst, wie wir deren einige erwähnen werden. Selbst die buchstäbliche Auffassung hielt sich nicht davon frei, denn sie kam darauf, den Buchstaben selbst, namentlich, wenn üe eine nicht gewöhnliche Stellung einnehmen, irgend einen besonderen Sinn zuzuschreiben, was zu vielen Spitzfindigkeiten, ja selbst Spielereien Anlaß gab. Diejenigen, welche über den Wortsinn nicht hinausgehen wollten, hatten an vielen Stellen mit diesem genug zu schaffen, und Grammatik und Lexikographie boten lange Zeit hindurch Gegenstände des Fleißes genug dar. Nach dreifachen Richtungen aber gingen die Wege Derer auseinander, welche einen tieferen Sinn erkunden wollten. Die eine kann man . mehr als Anknüpfung, denn als Erklärung und

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