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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-03 · Heft 1 (3.1.1889) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 1 (3.1.1889)
Date
1889-01-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 wurzelt, als daß sie sich nicht gegen die Beseitigung derselben wehren sollten. Endlich steht das ganze europäische Wesen dem der Bewohner des dunklen Erdtheils schroff gegenüber, so daß sie sich mit ihm nicht vertragen können. Genau genommen ist es nur das zweite Motiv, welches den Europäern einen gerechten Vorwand zum Niederwerfen des afrikanischen Widerstandes zu geben vermag. Denn die Religion darf nicht erzwungen werden, und selbst zum Handel kann man den nicht nöthigen, der nicht darauf eingehen will; Sitte und Lebensart endlich sind freie Erzeugnisse des Menschen, von welchen er sich schwer trennen läßt. Vermochten doch die Europäer selbst in dem schon Jahrhunderte von ihnen theils beherrschten, theils beeinflußten Indien wesentliche Veränderungen weder in der Religion noch in den Sitten der ihnen unterworfenen Nationen hervorzubringen. Was uns die europäische Colonisation in Amerika und Australien aufzeigt, ist, daß diese Erdiheile als Land durch die Europäer civilisirt worden und werden, die Bewohner hingegen sind ausgerottet und ausgestorben, jetzt nur noch nach Tausenden vorhanden. So im ganzen Amerika, und gleiches Schicksal steht den australischen Ureinwohnern und den Bewohnern von Neu-Seeland bevor. Die europäische Bevölkerung vermochte und vermag durch ihre, von der Civilisation begünstigte Ueberbevölkerung, diese großen Erdtheile mit eigenen Abkömmlingen zu besetzen. Daß dasselbe Schicksal für Afrika denkbar sei, wird man nicht zugeben. Theils ist die Bevölkerung zu zahlreich und wird von den Europäern selbst mit den Mitteln des Widerstandes versehen; theils ist das Land für Europäer zur Ansiedelung nicht fähig. Es ist der Erdtheil, der die dunkelsten Menschenstämme hervorgebracht hat, dessen Klima und Bodenbeschaffenheit deshalb der europäischen Natur zu sehr widersprechen. Wenn schon die Erfahrung gezeigt, daß in den nordafrikanischen und südasiatischen Landstrichen die europäische Familie nicht zum dritten Gliede gelangt, so hat für Mittelafrika die Erfahrung gelehrt, daß die Mehrzahl der Europäer nur wenige Jahre existiren können, ohne zu erkranken oder zu sterben. Es ist also ein Kampf mit der Natur und mit den Menschen, der hier von Seiten der Europäer eingegangen wird, und dessen Aussichten sich recht trübe und gefährlich gestalten. — Ueberblickt man die Geschichte der Colonisation, so wird es einleuchten, daß Religion und Handel in derselben lebhafte Factoren' gewesen sind, im Grunde aber doch nur die Herrsch- und Gewinnsucht, die das zu erwerben sucht, was ihr bis jetzt nicht gehört hat. Darum bleibt die jüdische Colonisation stets ein merkwürdiges Beispiel. Aus seinem Mutterlande hinausgeworfen, ohne ein solches, ohne Centralbezirk, hat der jüdische Stamm seine Colonien über alle Länder verbreitet, selbst an die Gewässer des himmlischen Reiches und in die abessynischen Gebirge — doch nicht in das Innere Afrikas. Das Motiv seiner Wanderungen war nicht Religion und nicht Herrschaft, sondern nur Niederlassung und bürgerlicher Erwerb zu seiner Erhaltung. Seine Geschichte seit dem Falle Jerusalems ist nichts als eine Geschichte seiner Colonisation. Er verlangte von Niemandem mehr als aus Menschenliebe und Menschenrecht ein Asyl und das Zugeständniß, innerhalb der Gesellschaft auf gesetzlichem Boden sein Brod zu erwerben. Ausgerüstet war er hierzu durch die Fähigkeit, sich jedem Klima anzupassen und, soweit man es ihm gestattete, sich vem Volke zu accommodiren, in dessen Mitte er einen Platz gefunden. So steht die jüdische Colonisation der der übrigen Menschheit dem Principe und der Modalität nach gerade gegenüber. Diese Eigenthümlichkeit ist nicht zu übersehen, denn sie ist der eigentliche Rechtsboden für die Stellung, die wir in der Gesellschaft einnehmen und einzunehmen streben.— Diese Wanderung oder Colonisation des jüdischen Stammes hat heute so wenig ihr Ende erreicht, wie seit Jahrhunderten. Als Beweis hierfür dient, daß die jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten Nordamerikas während des letz-! ten halben Jahrhunderts bis zu mehr als 350,000 Seelen angewachsen, selbstverständlich zum allergrößten Theile durch Einwanderung. So kam es, daß die Union jetzt die vierte i Stelle unter den Staaten einnimmt, welche eine größere jüdische Bevölkerung enthalten. Zuerst Rußland mit mehr als drei Millionen, Oesterreich-Ungarn mit 1,400,000, das! deutsche Reich mit 550,000 und dann Nordamerika, das jedoch immer nur erst 0,6 pCt. seiner Bevölkerung aus dem jüdischen Stamme besitzt, während dieser in Rußland beinah 4 pCt. ausmacht. Die übrigen europäischen Staaten, Großbritannien, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, Dänemark und Schweden enthalten zusammengenommen nicht so viele Juden wie Nordamerika, so sehr hat sich die jüdische Einwanderung über den atlantischen Ocean gezogen. Und nicht minder hat sie sich bereits nach Australien gerichtet, wo Städte wie Sidney, Melbourne u. a. schon Gemeinden von mehreren Tausenden umfassen. Ostwärts sitzen noch an 250,000 Juden in Rumänien, und nicht gezählte in der europäischen und asiatischen Türkei und den übrigen mohamedanischen Ländern. — Aber eine Eigenthümlichkeit hat die jüdische Colonisation in unserer Zeit angenommen. Es ist dies der starke Zug nach den Centren der modernen Gesellschaft, nach jenen großen Mittelpunkten des geistigen und materiellen Lebens. Während in den vergangenen Jahrhunderten die jüdischen Colonisten sich über das ganze Land, das sich ihnen öffnete, ausbreiteten und nach allen Orten, großen und kleinen zerstreuten, sehen wir in unserer Zeit unsere Glaubensgenossen zahlreich aus dem Lande in die großen Städte ziehen und hier Gemeinden bilden, wie sie so groß früher niemals bestanden. Da haben wir in Warschau und in Wien je über 70,000 Seelen, in Berlin über i*

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