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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-01-03 · Heft 1 (3.1.1889) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 1 (3.1.1889)
Date
1889-01-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Dir, und Du findest sie, wenn Du sie suchest, und sie sagt Dir nicht ab, so Du nach ihr verlangst, „sie ist ganz nahe in Dir, in Deinem Herzen," sie zu fühlen, sie zu denken, sie auf Dich wirken zu lassen und ihre Segnungen zu empfinden. Du kommst spät — aber komm' nur, sie streckt Dir die Hand entgegen, sie trocknet Deine Thränen, sie erwärmt Dein Herz zu kräftigerem Pulsschlag, sie erheitert Dein sorgengetrübtes Auge, denn sie flößt Dir neues Vertrauen und Zuversicht ein und weckt neuen Lebensmuth, da sie die Dinge dieser Erde kennen lehrt in ihrem wahren Werthe, wie weit Du sie zu erstreben, wie weit bei Seite zu lassen habest, wo das wahre Leben enthalten und zu üben sei! . . . Nur stehe nicht so lau, so gleichgiltig, so von ferne, als ob Dich die,Religion gar nichts anginge, als ob Du und die Deinen ihrer ganz entrathen könnten, ihrer niemals bedürften, als ob Du kein Auge für Deinen Gott, nicht in seiner Schöpfung, nicht in den Geschicken der Menschen, nicht in Deinen hättest; als ob Du unverwundbar auf Deinen Wegen gingest und ständest, als ob Du keines Segens und keines Schutzes bedürftest, als ob die Simme Deines Gewissens nicht spräche, als ob kein Laut, keine Stimme aus den Gräbern Deiner Väter herübertönte, kein Ruf Dich zur Wiege Deiner Kinder riefe: nimmst Du ihrer in rechter Weise wahr? ... So wahre das Gefäß und das lautere Wasser des Lebens in ihm! Dies ist es, was wir zum Wiederbeginn und was wir stets und mit aller Kraft zu sagen haben! Lharakterzüge vom Tage. i. j Man muß den Antisemiten in alle ihre Schlupfwinket folgen, um endlich allgemein bewußt zu machen, daß sie Feinde des Staates und der Gesellschaft sind, da sie vor^ keiner Zerrüttung, vor keiner Schwächung derselben zurück-? schrecken. Wir brauchen hierbei nicht darauf hinzuweisen, j daß sie in allen Ländern Zunächst Pöbelausstände arrangirten,? die dem Gesetze und der Ordnung Hohn sprachen. Verschonten sie doch hiermit weder Preußen noch Oesterreich, weder Ungarn noch Runiänien, noch Rußland. Vielmehr zeigt sich bei jeder wichtigen Frage um Wohl und Bestand des Staates, daß sie sich hierum wenig kümmern. Im österreichischen Abgeordnetenhause wurde in den letzten Wochen ein neues Wehrgesetz berathen. Dasselbe, welches auch der ungarische Reichstag genehmigt hat, wird als ein dringendes Bedürfnis für Oesterreich-Ungarn angesehen, da die Spannung zwischen ihm und Rußland immer drohender wird, da die Interessen der beiden großen Reiche auf der Balkanhalb-j insel im Widerstreite liegen. Das gesummte Abgeordneten-! Haus, Rechte wie Linke, hat dafür gestimmt, nur 23 Stimmen malten eine Ausnahme, und diese setzten sich zusammen aus der antisemitischen „deutsch-nationalen Vereinigung", die sich wegen dieser Eigenschaft mit den beiden deutschen Clubs nicht vereinigen wollte, aus der Gruppe der entschiedenen Antisemiten und zwei Demokraten. Man sieht, gefährlich sind diese kleinen absonderlichen Gruppen nicht; aber wir müssen doch betonen, daß diese unsere hetzerischen Gegner der Entwickelung der staatlichen Kraft feindlich gegenüberstehen. Es choquirt sie, daß in diesem Militärgesetze keine Bestimmungen getroffen sind, welche den Juden das Avancement versagen, überhaupt den verschiedenen Nationalitäten keine Beschränkungen auferlegen, die nicht etwa durch die Heeresorganisation selbst geboten sind. Nun, es giebt noch andere Staaten, in welchen das Gesetz selbst solche Beschränkungen nicht enthält und die Juden dennoch vom Officierrang ausgeschlossen werden. Die Antisemiten in Wien wollen wir ihren Weg fortsetzen lassen, denn er kann unmöglich anders wohin als auf ihre Auflösung ausgehen, so daß sie sich in der Menge verlieren mögen. — Auch die französische und italienische Gesetzgebung ist gegenwärtig mit neuen Wehrgesetzen beschäftigt, die englische hat solches in Aussicht genommen und der deutsche Reichstag hat sich in der letzten Session damit beschäftigt. Sie alle münden in das Princip, das im mosaischen Gesetze schon ausgestellt worden: die Wehrpflicht aller über 20 Qafyre alten Männer (4. M. 1, 2. 26, 2 ff.). Bei einem Kriege wurden so viel Kriegspflichtige eingezogen, wie Roth that (4. M. 31), aber es wurden auch sämmtliche Wehrpflichtige zusammengezogen, z. B. Nicht. 20. Auch hier trifft also die neueste Zeit mit dem von Moses aufgestellten Princip zusammen. Das deutsche Reich wird gegenwärtig von zwei großen Fragen beherrscht. Da man jetzt Alles als „politisch" bezeichnet, so heißen jecke beiden Fragen die „colonialpolitische" und die „socialpolirische". Durch den ganzen „dunklen" Erdtheil, so weit er nicht im Norden und Süden in festen europäischen Händen ist, scheint eine tiefe Bewegung vor sich zu gehen, welche sich gegen die europäische Herrschaft und deren Erweiterung richtet. Im Sudan hat sie bereits die Macht der Anglo - Egypter gestürzt; an der ostafrikanischen Küste hat sie die neu errichteten Stationen wieder losgerissen, am Kongo vielfach zerstört und südwestafrikanische Häuptlinge haben die Verträge, die sie abgeschlossen, für nichtig erklärt. Man kann sich diese Erhebung der afrikanischen Welt aus mehrfachen Ursachen erklären. Zunächst macht der Islam immer größere Fortschritte unter den Negerstämmen, und dieser ist ein natürlicher Feind der christlichen Völker. Alsdann soll die Sklavenjagd und der Sklavenhandel verhindert, ja beseitigt werden, und diese scheußliche Barbarei ist den afrikanischen Stämmen seit alter Zeit zu tief einge.

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