Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1888)
- Date
- 1888-12-27
- Page
- Seite 830 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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830 die fiels einen nicht unbedeutenden Theil meiner Clientele ausmachten und mich mit ihrem besonderen Vertrauen beehrten, wahrscheinlich weil sie bei mir nicht blos den Arzt, sdndern auch die herzliche Theilnahme heraussühlten, einige Bilder zu entwerfen. Hier noch eines, allerdings nicht so erfreuliches. Es wäre thöricht, vorauszusetzen und zu verlangen, daß inmitten der Juden, wie bei allen Menschen, bei allen Völkern und Stämmen, das Vergehen, ja das Verbrechen gar keinen Platz fände, und nichts ist ungerechter, als wenn man die Sünde eines einzelnen Juden auf die Gesammtheit überträgt— ein Verfahren welches auf die Schmäher selbst zurückfällt. Es ist nicht schwer zu beobachten und wird durch jede Criminalstatistik bestätigt, daß die groben Verbrechen wie Mord, Todtschlag, Raub, schwere Körperverletzung, Messerheldenthum und Schlägereien von Juden so gut wie garnicht verübt werden, dagegen Gewissenhaftigkeit in Mein und Dein vermißt wird,daher Betrug,Wechselfälschung undBankerott nicht so selten sind, wie man es wünschen könnte. Der Grund liegt darin, daß die Mehrzahl der Juden Kauf- und Handelsleute sind, bei denen die Verlockung zu solchen Vergehen sehr nahe liegt. Den Juden einen allgemeinen Vorwurf daraus zu machen und ihnen deshalb einen Makel anzuheften, ist gerade so ungerecht, ja boshaft, wie wenn man unsere Beamtenwelt deshalb anklagen wollte, weil unter ihnen gegenwärtig leider so oft Kassendefraudanten, Büchersälscher u. dgl. gefunden werden. Die Verhältnisse liegen eben so, daß eine Gelegenheit zu solcher Amtsuntreue sich leichter darbietet. Es ist dies Menschennatur, und Niemanden, selbst dem Seelsorger nicht, öffnet sich der Blick in die Seelenbewegung und Gedankenverbindung öfter und tiefer als dem Arzte, besonders wenn er mit der Gabe der Beobachtung ausgerüstet ist. Ich war lange Zeit Hausarzt bei einem jüdischen Kaufmann, der sich durch peinliche Rechtlichkeit und feine Manieren auszeichnete und allgemein geachtet war. Er hatte klein augefangen, war aber durch seinen Fleiß und das Vertrauen, das er dem Publikum einflößte, allmälig zu einem wohlhabenden Manne geworden. Seine Gattin stand ihm in allen Dingen bei. Ihrer Ehe waren zwei Knaben entsprossen. Nun, man spricht jetzt viel von Vererbung, und wie sehr sie innerhalb der Familien spielt, kann nicht geleugnet werden. Aber ebenso gewiß ist es, daß, wie die Natur niemals einem einseitigen Factor folgt, die Verschiedenheit zwischen Eltern und Kindern und zwischen Geschwistern eine höchst auffällige ist und zwar ebenso in geistigen Eigenschaften, wie in der körperlichen Beschaffenheit und Erscheinung. Man hat dies wirklich den gegenwärtigen Theoretikern immer wieder in's Bewußtsein zu rufen, um ihrer Hypothesensucht, ihrer einseitigen Meisterung der Natur Schranken zu setzen. Die beiden Knaben zeigten eine solche gänzliche Verschiedenheit. Der Aeltere, ich will ihn Joseph nennen, war sehr begabt und hatte einen unwiderstehlichen Lern- und Lesedrang. Aber er hatte in seiner Gemüthsart einen Hang zur Schwermuth, zum Tiefsinn, er war schweigsam und linkisch. Gewiß hätte er auf dem Gymnasium immer einen der ersten Plätze eingenommen, wenn er in seinen Antworten nicht so zögernd, stockend, scheinbar unsicher gewesen wäre. Als er herangewachsen war, zeigte er sich deshalb Practisch sehr unbrauchbar und bei allem Eifer kaum zu mechanischen Thätigkeit befähigt. Sein Vater konnte sich deshalb nicht entschließen, ihn studiren zu lassen; Joseph blieb im Hause und versenkte sich am liebsten in seine Bücher. Im vollen Gegensatz war Adolf, ein schöner blonder Knabe, leicht und gefällig, aber auch, wie es sich frühzeitig bemerkbar machte, leichtsinnig, leichtfertig. Er fing mit Naschhaftigkeit an und verübte bald allerhand Streiche. Er faßte Alles schnell auf, verlor jedoch ebenso schnell das Interesse und vergaß bald wieder, was er lernte. Sein Vater nahm ihn in's Geschäft und er erwies sich hier gewandt und brauchbar. Bald jedoch entwickelten sich seine Fehler. Sein Vater ertappte ihn bei kleinen Unterschlagungen, und selbst die schärfste Controle sicherte nicht vor seinen Listen und Handgriffen. Strenge und Milde, Mahnungen und Strafen halfen nichts. Der Knabe schlug Alles wieder in den Wind. Der gramerfüllte Vater mußte sich zuletzt gestehen, daß der sonst so vielversprechende Jüngling ihn bestahl. Er nahm seine Zuflucht zum Rabbiner, der neben seiner Gelehrsamkeit viel Lebenserfahrung besaß. Er rieth ihm, den Knaben in ein fremdes Haus zu geben, wo er streng behandelt würde, den Lehrmeister aber mit den bösen Neigungen seines Sohnes bekannt zu machen, damit er dessen Vertrauen nicht mißbrauche und die ganze Verantwortlichkeit auf ihn, den Vater fiele. Dieser befolgte den Rath und brachte den Knaben zu einem ihm fernen Verwandten in eine andere Stadt. Auch hier erwarb sich Adolph Lob durch seinen Eifer und seine Befähigung; zuletzt jedoch drang die schlimme Natur wieder durch und er verursachte seinem Herrn einen empfindlichen Schaden, so daß dieser ihn mit Protest zurückschickte und Ersatz verlangte und erhielt. Der Vater wollte ihn nunmehr nicht aus seinem Bereiche lassen, und es gelang ihm, den sonst so fähigen Jüngling im Comptoir eines Christen unterzubringen. Längere Zeit that er gut, und sein Herr gab ihm eine feste Stellung mit ziemlichem Gehalte. Da kam er in das Alter, wo angehende Wüstlinge von älteren Coketten in ihr Netz gelockt und von diesen umsponnen werden. In seiner Leidenschaft ließ sich Adolph verleiten, einen falschen Wechsel anzufertigen, und dies kam so unglücklich zu Tage, daß aller Opfer ungeachtet, welche der Vater bringen wollte, die Sache vor den Strafrichter kam und der junge Mensch zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt wurde. Man kann sich die Verzweiflung des Vaters denken,