Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1888)
- Date
- 1888-12-27
- Page
- Seite 831 (sequence 15)
- Language
- German
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831 dessen größter Stolz stets seine unverletzte kaufmännische und bürgerliche Ehre war. Ich wurde gerufen, ein heftiges Fieber hatte den alternden Mann ergriffen und brachte ihn an den Rand des Grabes. Merkwürdig, es war da, als ob man mit einem Hammer an eine verschlossene Thür geklopft hätte. Bei diesem Geschick nämlich erwachte die fast in Schlummer gesunkene Seele Joseph's. Er ward wie umgewandelt; alle seine Befangenheit war gewichen. Er trat für den siechen Vater im Geschäfte ein und besorgte alle Angelegenheiten mit einer ungeahnten Umsicht. Dabei entwickelte er eine Zärtlichkeit, eine Fürsorge bis in's Kleinste für die greisen Eltern, und dies Alles mit einer Natürlichkeit, als ob es von jeher so gewesen wäre. Ich dachte an den Prophetenspruch: „Der Herr schlägt und heilet wieder, verwundet und verbindet wieder..." Als der Vater genesen war, konnte er die seiner Familie gewordene Schande nicht ertragen, und wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, obschon ihm allseits die möglichste Schonung widerfuhr, glaubte er überall Vorwurf und Argwohn zu begegnen. Er gab sein Geschäft auf und, zog mit Frau und Sohn nach einem fernen Orte. Darum schwand die Familie aus meinem Gesichtskreise, und ich erfuhr nur, daß, als der leichtsinnige Verbrecher aus der Haft gekommen, der Vater ihn mit einer Summe nach Amerika spedirte, damit er dort ein neues Leben beginne. Ob er in den hochgehenden Wogen des dortigen Lebens untergegangen sei oder sich auf den Wellen erhalten habe, erfuhr ich nicht. Viel Hoffnung hegte ich nicht, denn meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß, wo die Natur zugleich zur Lebensgewohnheit geworden, sie immer wieder die durch Ueberlegung oder Schicksal errichteten Schranken durchbricht. D arm stadt, im December? Eine psychologische Erfahrung. In Lessing's Nathan heißt es einmal: „Du flehest in dein Herz und beurtheilst von da aus die Menschen." Diese psychische Erscheinung hat auch in unfern Tagen schon manchmal böse Früchte getragen. Da sehen wir z. B. bei einigen Antisemiten aus der Gelehrtenzunft, daß sie in ihren Schriften die Ansicht zu verbreiten suchen, unter den Juden bestehe ein Christenhaß. Wir, die wir im Schooße des Judenthums ausgewachsen und die Anschauungen und Neigungen der Juden viel besser kennen, als jene, dem Judenthum fernstehenden Antisemiten, wissen nichts von einem unter den Juden herrschenden Christenhaß; der Grundsatz, den unsere Weisen (Baba Kama 88) ausgesprochen: „Wer nur einen Theil des Sittengesetzes erfüllt, heißt dein Bruder," hat sich im Judenthum eingelebt und allgemein Geltung gefunden. — Nur weil das Herz der Antisemiten von Judenhaß erfüllt ist, schließen sie daraus, daß auch die Juden Christenhaß im Herzen haben, wovon die Juden in ihrer großen Mehrheit nichts wissen und nichts wissen wollen. Und angenommen, man hätte Gelegenheit, bei irgend einem Juden Christenhaß zu bemerken — Ausnahmen giebt es überall — ist es dann gestattet, denselben allen Juden beizumessen und ein diesbezügliches solidarisches Verhältniß bei ihnen anzunehmen? Eines solchen Unrechtes haben sich aber, wie erwähnt, in jüngster Zeit namentlich antisemitische Gelehrte schuldig gemacht. — Die Juden mußten durch ihre Zerstreuung über den ganzen Erdenrund manche gute Erfahrung in der Beurtheilung ihrer Mitmenschen gemacht haben, was nicht ohne Einfluß auf ihr Verhalten gegen sie geblieben sein kann. Sie mußten insbesondere zur Einsicht gelangt sein, daß man keine Raee, keinen Volksstamm, keine Confession nach einem und demselben sittlichen Maßstabe beurtheilen dürfe, da es in einer jeden religiösen, politischen und socialen Gemeinschaft Menschen von verschiedener Gemüthsart und verschiedenem Charakter gebe: gute und böse, liebevolle und gehässige. Finden wir ja, daß es sogar in der schlimmsten Verfolgungszeit Christen gab, die die Juden beschützten, sie in ihre Häuser aufnahmen, sie verpflegten rc. — Wenn demnach die Juden bei einzelnen Christen, wie z. B. bei den Antisemiten, Judenhaß wahrnehmen, so sind sie dennoch weit entfernt, solchen bei allen Christen vorauszusetzen und Antichristen zu werden. — M. Mannheimer. V ermil chtrs. Ein Curiosum. Man schreibt aus Potsdam: Ein schlagfertiger Priester der katholischen Kirche ist der Erzpriester Beyer hier, welcher im „Potsd. Jntelligenzbl." vom 12. d. M. mit seiner Namensunterschrift Folgendes veröffentlicht: „Zur Warnung. Gestern kam ein junger Mann zu mir und sagte: „er wolle katholischwerden!" Auf meine Frage: „warum?" kam nach einigen Umschweifen heraus, daß er hoffe, dann von mir Unterstützung zu erhalten. Darauf habe ich ihm eine derbe Ohrfeige gegeben und ihn zur Thür hinausgewiesen. Ich ertheile gern dem Zweifelnden guten Rath, dem Unwissenden oder Hcilsbegehrenden Unterweisung und Belehrung, so oft ich darum ersucht werde, wenn aber Jemand die Religion zum Deckmantel der Bettelei oder gar zum Handelsartikel machen will, der verdient solche Abfertigung wie oben." Ob die „Ohrfeige" die richtige geistliche „Abfertigung" ist, lassen wir dahingestellt. Wie steht es aber mit den Belohnungen, welche den verschiedenen Gestalten den abtrünnigen Juden gewährt wird?!