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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-27 · Heft 52 (27.12.1888) · p. Seite 824

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 52 (27.12.1888)
Date
1888-12-27
Page
Seite 824 (sequence 8)
Language
German
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824 es auch kam, daß die Berichte im Ganzen von unklaren Begriffen ausgingen und sich Tendenzen ergaben, welche mit jeder objektiven Betrachtung des Gegenstandes in Widerspruch stehen, namentlich antisemitischen. Jetzt liegt uns eine Schrift vor: „Der Wucher auf dem Lande. Eine Kritik des Fragebogens der vom Verein für Socialpolitik veröffentlichten Wucherenquete. Bon Julius Zuns, Doktor der Staatswissenschasten. Frankfurt a. M. Mablan & Waldschmidt 1888." Der Verfasser weist vor Allem nach, daß der Fragebogen eine deutliche Erklärung dessen, was Wucher sei, nicht ergeben habe, und daß deshalb die Verfasser der Antworten den^röbsten Mißverständnissen unterlegen sind. So kam es, daß dieselben meist den gesammten Zwischenhandel und den aus diesem den Geschäftsleuten zufallenden Gewinn als Wucher ansehen. Dies finde/ z. B. in jenen Berichten mit dem Viehhandel auf dem Lande statt. Die von den Händlern und Maklern erzielten Gebühren und Provisionen werden als Wucher behandelt. In gleicher Weise müßte der Gewinn aller Detailhändler, in welcher Branche es auch sei, für Wucher erklärt werden. Und kann man dieses Zwischenhandels entbehren? Die angeführten Thatsachen, z. B. daß , die Bauern Märkte, wenn sie auf den Sabbath oder jübif(i)e | Festtage fallen, mit ihrem Vieh garnicht beziehen, oder daß j benachbarte Bauern zu einem Handel mit ihrem Vieh nicht! gelangen ohne Hilfe eines Händlers oder Maklers, geben doch den Beweis, daß der Bauer zum Vertriebe seines eigenen Viehes nicht geeignet ist und der Mithilfe der Händler nicht entbehren kann. Daß diese ihren Vortheil wahrnehmen und ihre Gebühren daraus ziehen, versteht sich von selbst und können diese durchaus nicht als Wucher angesehen werden. Einüchtlich ist es, daß, wenn so die ganze Enquete auf einer so falschen Unterlage vor sich ging, sie nur irrige Resultate bringen konnte und wirkliche Abhilfsvorschläge nicht zu geben vermochte. Mit scharfsinniger und wohlbegründeter Kritik führt der Verfasser den Nachweis über die durch den Fragebogen veranlaßte Verkehrtheit der ganzen Enquete aus. Vor dieser Beurtheilung halten die Folgerungen aus der Enquste nicht stand. Der Nachweis ist dabei mit solcher Deutlichkeit geführt, daß die Schrift den Leser höchlichst interessirt; wir können sie deshalb dringend empfehlen, da sie zuzugleich jenes Vorurtheil bekämpft, das aus dem Buche der Vereinsenquete viele stärkende Nahrung ziehen kann. — Vor einigen Tagen wurde der zweite Theil von Ernest Renan, Histoire du peuple dTsrael (Paris, Calmann Levy 1889) ausgegeben. Er reicht vom Regierungsantritt Davids bis zur Eroberung von Samarien. Das Werk wird wahrscheinlich in der literarischen, aber durchaus nicht in der literarhistorischen Geschichte einen Platz einnehmen. Denn es fördert wesentlich weder die Erkenntniß noch das Berständniß der heiligen Schrift und zwar nicht in materieller und nicht in formaler Beziehung. Dazu läßt Renan der kritischen Willkür und Laune einen zu großen Spielraum. Er gleicht einem Schiffer, der sich zwar ein bestimmtes Ziel gesteckt hat, aber an jedem Morgen erst überlegt, wohin er heute steuern wolle. An Consequenz fehlt es gänzlich. So sieht er die Erzväter als historische Personen an, läßt aber Moses vollständig verschwinden; er ist für ihn nicht dagewesen. Die Thora ist ihm erst im achten Jahrhundert verfaßt, und doch kennen die ältesten Propheten sie und zwar als grundlegende Schrift; den Unterschied zwischen Jehovist und Elohist, der ihm unzweifelhaft ist, führt er bis zum Exil durch. David und Salomon waren nach Renan strenge und sehr beschränkte Jehovisten, d. h. Anbeter des Nationalgottes. Und obschon das Reich Juda an Jerusalem und den Nachkommen Davids fest anhing, will Renan — aller geschichtlichen Ueberlieferungen entgegen — den Jehovismus im Reiche Israel blühen und herrschen lassen, während der patriarchalische Elohismus in Jerusalem verblieben sein soll. Renan ist deshalb gezwungen, vor dem Falle Samariens den Jehovismus nach Juda, wandern und sich mit dem Elohismus verschmelzen zu lassen. Dies geschieht nach ihm in Micha und Jesaias. Durch diese wird die bis jetzt höchste Religion gebildet, aus welcher das Christenthum und der Islam Abzweigungen seien. Der Leser wird an der kurzen Skizzirung dieser wechselvollen und sich widersprechenden Hypothesen, für welche R. sich aus dem großen Material der Bibel nach eigener Wahl bald diesen bald jenen Brocken als Beweis holt, genug haben. Wir müssen jedoch noch darauf aufmerksam machen, daß auch in formaler Beziehung Renan ungemein verloren hat. Er besitzt nicht mehr den oft anmuthigen, oft höchst poetischen Ausdruck und seine Phantasterei führt ihn nur noch zu barocken Vergleichungen. David rst ihm nicht bloß Abd-el-Kader gleich, sondern auch in seiner religiösen Ueberzeugung einem Franeiscanermönch des Mittelalters; die strengen, aber duldsamen Jehovisten vergleicht er mit den Quäkern; noch mehr, die Propheten, die er so überaus bewundert, stellt er mit den heutigen Journalisten zusammen, die neben der Staatsregierung über alle Vorkommnisse sprechen. Es kommt Renan .nicht darauf an, eine Thronumwälzung im Reiche Israel mit Scenen aus der französischen Revolution ähnlich zu finden. Man wird dergleichen für Witze halten und fragen: wie kommt Renan zu solchen Verirrungen? Die Antwort lautet einfach: weil er, wie eine Menge Aeußerungen in dem vorliegenden Buche bezeugen, bereits bis zum Atheismus vorgedrungen ist. Wenn aber Jemand dahin gelangt ist und sich trotzdem mit der Bibel beschäftigt und eine Histoire du peuple d'Israel schreiben will, so geräth er nothwendig auf die schiefe Ebene Voltaires, der trotz erzwungenen Ernstes das Herz voll Spottes hatte. Das Resultat ist einsichtlich.

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