Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1888)
- Date
- 1888-12-27
- Page
- Seite 821 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227770--45854-3265392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
821 Berlin, 16. Dezember. Ein Duell. Abermals ist dem Moloch Antisemitismus ein junges, hoffnungsreiches Leben als blutiges Opfer dargebracht worden! . . . Es wurde schon wiederholt in diesem Blatte dargelegt, daß das Duell vom Judenthume niemals gekannt war und in strengster Weise als ein Versuch zur Tödtung mit oft tödtlichem Ausgange verurtheilt wird. Wenn in der h. Schrift das Beispiel eines Zweikampfes vorkommt, wie zwischen David und Goliath, so war dies im Kriege, in Vertretung und zum Vorbild der sich bekämpfenden Heere, wie der Curiatier und Horatier im Kriege zwischen Rom und Albalonga. Das Duell ist eine Erbschaft aus der Zeit der Barbarei, und die Vorstellung, daß eine Beleidigung, eine Verletzung der Ehre durch die Waffen gesühnt werden müsse, ist in vollstem Widerspruch mit dem Rechtsstaate, in welchem jede Art Selbsthilfe in solchen Fällen verpönt ist. Sie widerspricht aber auch jeder Vernunft, da im Duell ebenso oft der Beleidigte wie der Beleidiger eine Verletzung oder den Tod davon trägt, also die Ehre nicht einmal durch die Bestrafung des Beleidigers wiederhergestellt wird. Das bloße Faktum des Kampfes soll dies vollbringen! Dennoch wird diese barbarische Sitte in gewissen Kreisen nachdrücklich festgehalten, und in Folge dessen giebt es Fälle, in welchen der Einzelne sich ihr nicht entziehen kann, ohne den Makel der Feigheit und der Ehrlosigkeit auf sich, und wenn es ein Jude ist, auf die gesammte Judenheit zu ziehen. Der traurige Vorgang, über den wir hier zu berichten haben, war folgender. An der Universität zu Berlin besteht seit mehreren Jahren ein recht zahlreicher „Verein deutscher Studenten", welcher Name nur den entschiedensten Antisemitismus deckt. Ihm gegenüber steht der „Wissenschaftliche Verein", welcher den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Stndirenden unbedingt vertritt. Bei den Wahlen für den „Ausschuß der Studenten" rivalisiren nun diese beiden Vereine und suchen sich die Vertretung im Ausschüsse abzugewinnen. Hierbei nimmt der „Verein deutscher Studenten" die Gelegenheit wahr, seinen Judenhaß in jeder möglichen Weise kundzugeben , und so hat er vor der jüngsten Wahl ein hetzerisches Flugblatt verbreitet, das den Zweck des Vereins auf Vertreibung oder Ausrottung, der Juden zum Ausdruck brachte. Der Cand. med. Hugo Blum war mehrere Semester hindurch der Vertreter des wissenschaftlichen Vereins im Ausschüsse. In Thorn 1866 geboren, Israelit, elternlos, aber seit Kurzem verlobt, stand er gerade vor seinen Examina. Da spielte sich folgende Szene ab, welche durch eine Zuschrift des Ausschusses der Studirenden an die Berliner Blätter in folgender sicherer Weise dargestellt wird. „In der Ausschußsitzung am 1. Dezember ergriff Herr cand. med. Hugo Blum, welcher in den letzten drei Semestern als Candidat der Freien wissenschaftlichen Bereinigung die medicinische Facultät im Ausschuß vertreten hat, vor Eintritt in die Tagesordnung das Wort, um, wie er sagte, einige Abschiedsworte an den Ausschuß zu richten, da er nicht nicht mehr candidiren würde. Mit Hinweis auf das Wahlflugblatt des Vereins deutscher Studenten sprach er sein Bedauern darüber aus, daß es an der Universität, während der gesunde Sinn des deutschen Volkes im Allgemeinen den Antisemitismus glücklich überwunden habe, noch immer Vereine gebe, welche die Gleichberechtigung aller Studirenden leugneten und durch judenfeindliche, hetzerische Wahlaufrufe Zwiespalt in die Studentenschaft zu bringen suchten. Er fuhr dann fort: „Meine Herren! Ich erkläre Ihnen ausdrücklich, daß jeder anständige Student — und ich schmeichle mir während meiner fünfjährigen Studentenzeit in Berlin viele anständige Studenten kennen gelernt zu haben — das jetzige Gebühren antisemitischer Studenten aus tiefster Seele verachtet. Meine Herren! Es ist eine Schmach für die deutsche Studentenschaft, daß es an unserer Universität noch immer Vereine giebt, welche ihre Daseinsberechtigung allein durch antisemitische Kundgebung zu documentiren suchen und das Wort national in einer Weise für sich in Anspruch nehmen, welche den Unwillen aller Kommilitonen erregt. (Zu den Mitgliedern des Vereins deutscher Studenten gewendet.) Ja, meine Herren, Sie haben, ich behaupte es nochmals, kein anderes Princip, als Judenverfolgung; denn Sie selbst haben in der heutigen Sitzung zugestanden, es sei das höchste, allerdings kaum erreichbare Ideal des Vereins deutscher Studenten, eines Tages sich auflösen zu können, weil seine Mission erreicht oder sein Bestehen nicht mehr nöthig sei." Er schloß dann mit dem Wunsche, daß bei den bevorstehenden Fakultätswahlen auf jeden Fall die Kandidaten des Vereins deutscher Studenten abgelehut werden möchten. Nachdem Herr stad. IÜ8t. Eichler, der Vertreter des Vereins deutscher Studenten im Ausschuß, sich dagegen verwahrt hatte, daß der Verein deutscher Studenten rein antisemitische Prinzipien vertrete, wurde der Gegenstand der Tagesordnung verhandelt. Dabei kam es zu ziemlich heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Herren Blum und Eichler, und letzterer mußte wiederholt vom Vorsitzenden aufgefordert werden, unparlamentarische Ausdrücke zurückzunehmen, was er auch sofort that. Nach Schluß der Tagesordnung verlangte nun der gleichfalls dem V. d. St. angehörende Vertreter der juristischen Fakultät Herr stud. jur. Saenger, daß der Vorsitzende Herrn Blum zur Zurücknahme seiner vorher gegen den B. d. St. gemachten Beleidigungen veranlassen möge. Da Herr Saenger Herrn Blum dahin verstanden hatte, daß er es für eine Schmach erklärt habe, dem Verein