Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1888)
- Date
- 1888-12-27
- Page
- Seite 819 (sequence 3)
- Language
- German
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819 und Anschauungen lichtet sich jedes dunkle Gewölk und frisches Leben sprießt um unsere Schritte auf. „Nur seid stark und fest!" Wien, im December. Neues und Alles. Hört man auf die Antisemiten, so sind es die Juden, welche den Volkswohlstand untergraben und den Staat ausbeuten. Personen, die mit den Verhältnissen vertraut sind, wissen, wie erlogen diese Anschuldigungen sind; aber die Classe des Volkes, die selbst nicht zu denken im Stande ist, läßt sich von diesen Schlagworten leiten. Es dürfte daher nicht überflüssig sein, Material beizubringen, welches beweist, welchen Nutzen die Juden dem Lande, in welchem sie wohnen, bringen und daß sie den Wohlstand heben. Es ist ist hier jüngst von dem als Ethnographen vortheilhaft bekannten Dr. Friedrich S. Krauß eine Schrift erschienen: „Kroatien und Slavonien" (Wien, Carl Graeser, 1889). In derselben heißt es S. 48: „Der Handel in Kroatien und Slavonien ruht zu neun Zehnteln in den Händen von Serben und Juden. Der Jude vermittelt den Export- und Jmporthandel. Sein ganzes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, sich daheim für die ausländischen und im Auslande für die einheimischen Erzeugnisse ein Absatzgebiet zu schaffen. An Intelligenz und Thatkraft, an geschäftsmännischem Muth und an Beharrlichkeit übertrifft der Jude sowohl den Kroaten wie den Serben, wobei ihm seine Mäßigkeit und Anspruchlosigkeit zu statten kommen. Der Jude drängt sich in die bestehenden Gesellschaftskreise nicht ein; er selber wird zum Mittelpunkte eines Kreises. Man kann sich heute ein slavonisches Dorf ohne Juden kaum mehr vorstcllen. Des Juden Geschäftsladen ist die Börse, wo die Preise für alles, was in der Gegend aufkommt, bestimmt werden. Der Jude ist der Makler für alles und jedes, er ist der Rathgeber und in vielen Fällen Schiedsrichter des Bauernvolkes. Das Berhältniß zwischen den Juden und den Bauern ist nahezu ein patriarchalisches. Von Judenhaß ist daher im Bauernvolke keine Rede. Die Sprache des Volkes spricht der Jude durchgehends tadellos rein. .. . Vor fünfzig Jahren gab es in diesen zwei Königreichen nur sehr spärlich Juden. Ein Großhandel war im Lande so gut wie unbekannt, den Kleinhandel betrieben aber fast durchgängig Serben. . . . Der Kaufmann war gewohnt mit zweihundert Procent Gewinn zu arbeiten. Bis er nicht das letzte Stück von seinem Lager verkauft hatte, zog er nicht nach Wien oder Pest zu einem neuen Einkäufe. Da erschienen die ersten Juden aus Ungarn und begnügten sich mit einem Nutzen von blos 50 pCt. und drückten schließlich die Preise bis auf 5 pCt. Nutzen herab. Die wohlthätigen Folgen dieser Reibung zeigten sich bald. So betrug z. B. der Umsatz in Pozega vor 25 Jahren nicht mehr als 170,000 fl. in Maaren jeder Art. Heute ist in Pozega eine stattliche Judengemeinde. Der Umsatz beträgt über 700,000 fl. Damals kamen die Bauernmädchen barfuß in die Stadt, nur an Sonn- und Feiertagen hatten sie Opanken an, heute hat fast jedes Mädchen an den Füßen schöne Zugstiefeletten. . .. Damals hatte das Mädchen nichts auf dem Leibe als ein rauhes Leinenhemd und ein großes Fürtuch . . . heute muß sie ein Seidentüchel, eine bunte große Seidenschürze . . . Brochen, Armbänder und Korallen haben. Sie kann es thun, denn der Wohlstand des Hauses erlaubt es. Vor 25 Jahren mußte der Bauer seine Schweine mit Weizen füttern, weil er die Frucht um keinen Preis losschlagen konnte; heute kommt der Jude zu ihm ins Gehöfte und zahlt in baarem Gelbe den vollen Marktpreis. In Folge der Betriebsamkeit der Juden ist der Wohlstand im Lande in einer vor drei^ Jahrzehnten ganz ungeahnten Weise gestiegen." Wie aus dieser Darstellung, die auf umfassender Sach- und Fachkenntniß beruht, hervorgeht, haben die Juden in Kroatien und Slavonien den Volkswohlstand gehoben und sich daher umden Kaiserstaat Verdienste erworben. Es liegt uns ein ähnliches Votum vom 7. Juni 1728 vor. Wir haben in unserer Schrift „Die Vertreibung der Juden aus Böhmen" die Ursachen angegeben, durch welche die Kaiserin dazu gebracht wurde, daß sie den Juden die Rückkehr nach Prag gestattete. Das Votum der Prager Hofcommission vom 7. Juni 1748 lautete folgendermaßen: Es ist bekannt, daß im Königreich Böhmen noch niemalen ein sonderliches und solches Comercium wie in andern recht Comercialländern getrieben werden können und jenes immer in Handel und Wandel in Vorschein gekommen ist mehristen Theils durch die Judenschaft geschehen. Da einige Jahre her diese aus der Stadt Prag geschafft worden, liegt es jedermann vor Augen, was für ein Mangel an Maaren sich äußere und jenes, so bei denen christlichen Handelsleuten dennoch zu bekommen ist, wird in einem excessiven werth angeschlagen, wie es die ganze Stadt Prag erfahren und die Landesstände selbst auch bestätigen. Es haben vorhin viele arme Leute bei denen Juden insonderheit an dem Schabes und andern ihren Feyertägen sich einen Verdienst erworben und einen großen Theil ihrer Nahrung gefunden so an jetzo aufhört, wo ohne dessen mancher arme Handwerker und Bauersmann und auch viele andere mittellose Leute, die Gelegenheit gehabt, bei den Juden sich etwas an alten zugerichteten Kleidern in einem wohlfeilen Werth zu erhandeln, denenselben ist anjetzo dieser Vortheil entgangen, weil die Christen einen analog genügenden Han- 52*