Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1888)
- Date
- 1888-12-27
- Page
- Seite 818 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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818 Verwirklichung näher und eröffnen für unsere Brüder im Osten sehr bedeutsame Aussichten. Allerdings haben auch Ln Rußland die Pöbelaufstände gegen die Juden aufgehört; dahingegen hat sieb ihre sociale Lage eher verschlimmert als verbessert, da die Behörden die alten Vorschriften über das Ausenthaltsrecht in den verschiedenen Gegenden des Czarenreiches jetzt wieder mit unerbittlicher Strenge ausführen, die inländischen Juden aus den Orten ihrer Niederlassung vertreiben und die ausländischen ausweisen. Die sogen. Pahlenffche Commission zur Berathung der staatlichen Verhältnisse der Juden ist aufgelöst worden, ohne daß irgend ein Resultat bekannt geworden wäre; dieAuswanderung namentlich nach Amerika ist deshalb in stetem Wachsen begriffen, während sie nach Palästina durch Maßregeln der türkischen Regierung behindert wird. Sonst können wir nur sagen, daß die agitatorische antisemitische Bewegung sehr bemerklich abnimmt. In Rumänien ist endlich das judengehässige Ministerium des Johann Bratiano gestürzt und einige seiner Regierungsgenossen wegen Unterschlagungen vor das Strafgericht gezogen worden. Das jetzige Ministerium bezeugte ein gewisses Rechtsgefühl, auch gegen die jüdischen Unterthanen Rumäniens; ob es aber die erdrückenden Gesetze des vorangegangenen Regiments aufzuheben oder auch nur zu mildern im Sinne habe oder vermöge, ist noch zweifelhaft. Der Rädelsführer der Antisemiten in Wien, Schönerer, befindet sich wegen Gewaltthaten im Kerker, seines Adels und seines Mandats im Reichsrathe verlustig und die Regierung ergreift überall gegen die Hetzversuche der Antisemiten strenge Maßregeln. Der hessische Agitator Böckel hat im deutschen Reichstage nur Heiterkeit erregt; Paul Förster erlitt ein Fiasko, wie es nicht ärger sein kann: er fand bei den Wahlen nur zwei Stimmen für sich. Stöcker selbst wurde in Bielefeld, wie in Siegen, nur mit Hilfe der Nationalliberalen wieder gewählt, auf die er doch nach den Wahlen Verachtung und Hohn ergoß. Wenn in Frankreich antisemitische Stimmen, namentlich die Druniont's sich noch immer verlautbar machten, so zeigt es sich doch, daß das Publikum den Sinn immer mehr dafür verliert und das Bewußtsein, daß sich hierin Verleumdung und Uebertreibung geltend zu machen suchen, macht sich immer mehr geltend. In Deutschland schwindet die antisemitische Literatur immer mehr vom Markte und der Buchhändler in Leipzig, welcher sie gegenwärtig besonders betreibt, ist zu Geld- und Gefängnißstrafen verurtheilt worden. Der socialpolitische Verein, welcher eine Enquete über den Wucher auf dem Lande angestellt hatte und dessen Berichte offenbar eine antisemitische Tendenz verfolgten, ist wegen der Verkehrtheit und Ungründlichkeit seines Fragebogens und seiner Referate nachdrücklich angegriffen und widerlegt worden. — Dennoch kann man sich nicht verhehlen, daß bei unseren Glaubensgenossen eine gewisse Niedergeschlagen- und Verzagtheit Platz gegriffen. Sie glauben überall auf eine unfreundliche Gesinnung und auf eine den Juden abgeneigte Stimmung zu stoßen. Die früher beliebte „Ausnahme" gilt nicht mehr; man wirft die Juden insgesammt in einen Topf und sucht ihnen die wahren Grundsätze der Sittlichkeit und Bildung abzusprechen. Ja, auch die getauften Juden werden hiervon nicht ausgenommen. Wenn die Judenfeindlichkeit zwiefache Motive hat, das religiöse Bekenntniß und die anerzogene Abneigung, so müßte doch das erstere für die getauften Juden wegfallen. Aber es herrscht eben die Meinung vor, daß dieselben nicht aus Ueberzeugung, sondern um äußerer Vortheile und der gesellschaftlichen Stellung willen ihre Religion verlassen haben, und dies trägt gewiß nicht zur Achtung vor ihnen bei. Wir möchten glauben, daß das Mißtrauen, welches unsere Glaubensgenossen gegenwärtig hinsichtlich ihrer christlichen Mitbürger wieder hegen, zwar erklärlich, aber auch etwas übertrieben sei. Wir haben immer gemeint, daß die Religion bei aller Nivellirung in unserer Zeit doch ein tiefgehendes Moment bildet und es nicht zu verwundern ist, wenn sie eine gewisse Kälte in die geselligen Verhältnisse bringt. Was aber im höchsten Grade zu bedauern bleibt, ist, daß gerade bei der Jugend, besonders bei der studirenden, Vorurtheil und Gehässigkeit sich geltend machen. Erst in diesen Tagen ist in Berlin aus der Stellungnahme des antisemitischen „Vereins deutscher Studenten" ein Duell mit tödtlichem Ausgang (s. den folg. Art.) hervorgegangen, dessen Opfer ein junger, hoffnungsvoller Israelit geworden. Dies eröffnet keine freundliche Aussicht für die Zukunft, wenn auch die Erfahrung lehrt, daß solche Jünglinge, die doch noch keine Erfahrung gemacht, sondern nur blinden Instinkten folgen, im Laufe ihres Lebens ihre Ansichten ändern und recht oft, z. B. in politischer Beziehung, in's Gegentheil Umschlagen. Was wir unseren Glaubensbrüdern zuzurufen haben? Erinnert Euch Eurer Väter, die, unendlich mehr gedrückt und verfolgt, sich stets in das Heiligthum ihrer Religion, in das Heiligthum der Familie, in das Heiligthum der Gemeinde flüchteten und daselbst Trost und Widerstandskraft gegen alle Widerwärtigkeiten fanden. Tönt es doch aus uralter Zeit uns zu und wird von den Betenden so oft wiederholt: „Besser ist es, dem Ewigen zu vertrauen als auf Menschen sich verlassen;" „der Ewige ist mit mir, ich fürchte nichts, was kann ein Mensch mir thun?" „Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig mit einander wohnen — dahin entbietet der Ewige Leben und Segen auf immer;" „Heil den Bewohnern deines Hauses, sie werden immerfort dich loben!" Fürwahr, männlichen Muth, Selbstachtung und ausdauernde Willenskraft in Fülle zu finden, braucht Ihr nur die Blätter der hl. Schrift aufznschlagen, die Euch zum ewigen Erbtheil übergeben worden. Vor solchen Gefühlen