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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-20 · Heft 51 (20.12.1888) · p. Seite 813

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 51 (20.12.1888)
Date
1888-12-20
Page
Seite 813 (sequence 13)
Language
German
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813 Rußland. Petersburg, im Sec. Dem „Daily Chronicle" wird telegrafiert, daß die Judenverfolgungen in Rußland noch immer fortdauern. So wurden am jüngsten Donnerstag in Kiew allein 35 Juden verhaftet und am nächsten Tage des Landes verwiesen, weil sie keine Berechtigung besaßen, sich in dieser Stadt aufzuhalten. Ueberhaupt kommen Verfolgungen jeder Art so häufig vor, daß die Auswanderung der Juden immer größere Dimensionen annimmt. — Dasselbe Blatt erzählt, daß jenes Mitglied des Hauses Rothschild, welches jüngst in Central-Asien war, sich an die russische Regierung mit der Bitte um Überlassung von 80,000 Morgen Landes in Central-Asien gewendet hat, um dort Baumwollpflanzungen und Fabriken anzulegen, doch erhoben die Moskauer Kanfleute und Fabrikanten energischen Protest dagegen, so daß das Gesuch sicherlich abschlägig beschieden werden wird. Warschau, 30. Nov. Ein interessanter Proceß, der seit anderthalb Jahren die öffentliche Aufmerksamkeit stark erregt hat, fand gestern, wie man der „N. Fr. Pr." meldet, vor dem hiesigen Civildepartement seinen Abschluß. Bor ungefähr 2 Jahren verliebte sich ein Wachtmeister von der Tscherkessen-Leibwache des General-Gouverneurs Gurko, Namens Lysakow, in ein jüdisches Mädchen, Mirel Münzes, welches seine Liebe erwiderte. Lysakow bewog seine Geliebte zum Uebertritt zur russischen Kirche. Bei der Taufe fungirte Maria Gurko, die Gemahlin des General-Gouverneurs Gurko, als Pathin. Der Taufe folgte bald die Hochzeit, nach welcher die nunmehrige Marie Lysakow ihre streng orthodoxen tiefbetrübten Eltern verließ und zu ihrem Gatten zog. Wenige Monate darauf erschien die Neophytin zerknirscht vor ihrem Vater, erklärte ihm, daß sie den gemachten Schritt bereue und gewillt sei, zum Judenthume zurückzukehren. Der Vater rieth ihr, Rußland zu verlassen, weil hier zu Lande eine Lossagung vom russischen Glauben verboten ist. Seinem Rathe folgend, reiste sie mit Verwandten nach Deutschland. Unterdeß meldete der Leib-Tscherkesse seiner Gebieterin, der Gerneralin Gurko, das Verschwinden ihres Pathenkindes. Die Dame, die nun glaubte, als Vorsteherin der Warschauer Gesellschaft vom Rothen Kreuze zur Proselytenmacherei verpflichtet zu sein, nahm die Sache in die Hand, bewog die Polizei, Geheim-Agenten auszusenden, und thatsächlich gelang es Letzeren, die Lysakow und deren Begleiter nach Warschau zurückzubringen. Die Neophytin, welche fürchtete, wegen Abtrünnigkeit bestraft zu werden, erzählte, daß ihr von Warschauer Juden ein Schlaftrunk verabreicht worden sei, nach welchem sie aus der Eisenbahn — unweit Thorn — erwachte. Die Eltern, sowie neun Verwandte der Lysakow wurden verhaftet, vor Gericht gestellt, und obgleich jetzt Letztere entlastend aussagte, verurtheilte das Kriegsgericht Schmul und Sarah Münzes, sowie Kalman Peltyn wegen Aufhetzung gegen die russische Kirche und wegen Verleitung zu einer strafbaren Handlung (Abfall vom russischen Glauben) zu dreijährigem Zuchthaus. Die anderen Angeklagten wurden freigesprochen. Auf Veranlassung der Generalin Gurko, der dies Urtheil „zu milde" dünkte, protestirte der Prokurator wegen zu geringen Strafausmaßes gegen die Entscheidung der ersten Instanz. Demzufolge kam der Fall vor das Ober-Landesgericht. Die Freigelassenen wurden aufs Neue eingekerkert. Der Proeeß wurde zum zweiten Male durchgeführt. Schmul, Sarah, Abe Münzes, Peltyn, Merzer und Eisenberg wurden zu mehrjähriger Verbannung nach Sibirien sowie zum Verluste bestimmter Rechte verurtheilt. Die Bertheidiger der Angeklagten appellirten sofort au den Senat in Petersburg, welcher wegen Verletzung mehrerer Artikel die Entscheidung kassirte und um der Rechtsform zu genügen eine nochmalige Durchführung des Proeesses vor den Schranken des hiesigen Ober-Landesgerichts anberaumte. Es soll das Richtercollegium eine Weisung von Petersburg erhalten haben, sich nur nach dem Codex zu richten. Gestern fand nun die Verhandlung statt. Da jetzt jedwede Beeinflussung unmöglich war, so wurden nach den warmen Reden der Vertheidiger sämmtliche Angeklagte gänzlich freigesprochen und nach anderthalbjähriger Einkerkerung auf freien Fuß gesetzt. Bonn, 16. Dezember. (Notizen.) In der Nacht vom 8. zum 9. December verschied in Frankfurt a.M. Dr. Benjamin Hochstaedter, emeritirter Bezirksrabbiner in Ems, im 79. Lebensjahre. Er war ein treuer und pflichteifriger Verwalter seines Amtes, voll Wohlwollens nnd thätiger Menschenliebe. Literarisch war er, wenn auch nur in kleinen Schriften, schon 1839 thatig. Au den beiden Synoden zu Leipzig und Augsburg nahm er einen sehr regen Antheil. — Herr Oberrabbiner Prof. Dr. A. A. Wolfs beehrt uns mit einem Exemplar der auf sein 60jähriges Dienstjubiläum geschlagenen Medaille, die in künstlerischer Beziehung ausgezeichnet ist. Sie zeigt auf der Vorderseite das trefflich ausgeprägte Portrait des Jubilars, auf der Rückseite zwischen „8. Oktober 1828" und „8. Oktober 1888" die Worte Maleachi2, 7, in Hebräischer Schrift von einem Lorbeerkranze umgeben. — In Frankfurt a/M. beabsichtigt mau einen „Verein zur Verpflegung kurbedürftiger Jsraeliteu in Süddeutschen Bädern" zu gründen und wird am 11. Dezember eine Generalversammlung stattfinden, um den Verein zu eonstituiren und die Statuten zu berathen. — In Stuttgart wurde am 1. Dezember das 25jührige Jubiläum des Cantors Gundelfinger sehr festlich begangen durch Gottesdienst, viele Geschenke und ein Festmahl. Die große Theilnahme, die dem Jubilar erwiesen ward, zeugt von der Achtung und Anerkennung, die derselbe genießt. — Man schreibt uns aus Fürth

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