Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 810 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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810 verflossenen Jahre in zwei Gemeinden des Verbandes 25 jährige Amtsjubiläen ihrer Lehrer und zwar mit außerordentlicher Theilnahme gefeiert wurden. Möchten doch solche Berichte die Nacheiferung in anderen Provinzen endlich Wecken! Oesterreich-Ungarn. Wien, 5. December. (Privatmith.) Häufiger als sonst kommt in den letzten Jahren bei den Juden die Krankheit diabetes mellitus (Zuckerruhr) vor. Der hiesige rühmiichst bekannte practische Arzt vr. Hermann Teleky glaubt, daß diese Erscheinung in Verbindung mit dem Antisemitismus stehe. Er hielt nämlich zuerst im hiesigen Doctoren-Collegium einen Vortrag, welchen die „Wiener mediciuischen Blätter" Nr. 48 reproduciren. Nachdem Herr vr. Teleky auf die bekannte Wahrnehmung hingewiesen hatte, daß nervenaufreibende Thätigkeit, Gemüthsaffect, Kummer und Sorge Veranlassung der Zuckerruhr seien, fügte er hinzu: „So ist es begreiflich, daß die um ihre Existenz unter schweren Hemmnissen mit geistigen Waffen ringenden Juden ein relativ großes Contingent der Diabetiker stellen." Die Neuwahlen in den Vorstand sind beendet. Es wurden die zum Austritt bestinimten fünf Mitglieder wieder — und zwei Herren, Theodor Ritter von Goldschmidt und Hos- und Gerichtsadvocat vr. Alfred Stern, neu gewählt. Diese beiden Herren sind Mitglieder der Stadtvertretung und des Gemeinderaths. In der der Wahl vorangegangenen Wahlbesprechung wurde gegen den Vorstand insbesondere der Vorwurf erhoben, daß er nichts gegen den Antisemitismus gethan und der Wunsch ausgesprochen, daß er sich zu energischen Thaten aufrafie. Das vierzigjährige Regierungsjubiläum unsers Kaisers ist in Folge des entschieden ausgesprochenen Wunsches Sr- Majestät des Kaisers ohne Sang und Klang vorübergegangen. Es wird jedoch wohl kaum in Oesterreich-Ungarn eine Hütte gegeben haben, in der man nicht des Kaisers gedachte und dankbaren Herzens haben die Juden im weiten Reiche einen weihevollen Moment dem Kaiser gewidmet, der ihnen die Gleichberechtigung gewahrte. Nun wurde am 2. Dec. der Grundstein zum Alterversorgungshause gelegt, welches die israelitische Gemeinde zum Andenken an dieses Regierungsjubiläum errichtet. Bei dieser Feier war auch der Bürgermeister der Stadt Wien. Der Präses der israelitischen Cnltusgemeinde, Herr Arminio Cohn, hielt eine Ansprache, die vom Bürgermeister Herrn Eduard Uhl erwidert wurde. Wien, 9. December. (Privatmitth.) Daß die hiesigen Antisemiten Feinde des österreichischen Staates sind, hat sich längst erwiesen. Sie gehen in ihren Bestrebungen dahin, den österreichischen Staatsverband zu sprengen und die Deutschen Oesterreichs an das Deutsche Reich zu bringen. Deßhalb ist ihnen auch das Bündniß zwischen Oesterreich- Ungarn und dem Deutschen Reiche, das auf den vitalsten Interessen beider Staaten beruht, ein Dorn im Auge. Jüngst versuchten sie es, einen Bruch durch Zeitungsartikel anzubahnen, in welchen besonders der österreichische Kronprinz in schmählichster Weise angegriffen wurde. Es steht jetzt fest, daß die hierauf erfolgten polemischen Angriffe deutscher Blätter, die für officiös gehalten werden, aus den Kreisen der österreichischen Antisemiten stammen. Die Freiconservative Berliner „Post" hat in einem Leitartikel den vollständigen Beweis hierfür geliefert. Es kann nicht ausbleiben, daß für dieses staatsgefährliche Treiben alle patriotisch und rechtlich gesinnten Parteien die hiesige antisemitische Bande mit Verachtung strafen, und daß die Staatsbehörde sie mit um so größerer Sorgfalt beobachtet. Die neulichst abgeschlossene Verbindung der deutschen Parteien hat denn auch die antisemitische Fraction von sich ausgeschlossen. Prag, 9. December. Wir haben bereits über den Vandalismus, der hier geplant wird, und bereits zum Beschluß erhoben worden, berichtet. Ueber die Verhandlung in der Stadtverordneten-Versammlung geben wir folgende Mittheilung : „Der mitten in der ehemaligen Judenstadt gelegene alte Judenfriedhof, der sowohl seiner Denkmale wie seines malerischen Aussehens wegen höchst merkwürdig ist und bis auf den heutigen Tag unversehrt erhalten wurde, ist nun in Gefahr, zum Theile einer Straßeuregulirung zum Opfer zu fallen. Es soll nämlich entlang desselben eine neue Straße mit Benutzung eines Theiles des Friedhofes angelegt werden. Dagegen hat der städtische Gesundheitsrath in Prag beantragt, den Friedhof in seiner Gesammtheit zu erhalten und mit einem Gitter einzuschließen, da er mit seinen alten Bäumen eine parkartige Anlage und ein Luftreservoir für die ganze Umgebung bildet. Ueber diese beiden Anträge fand kürzlich im Prager Stadtverordneten-Collegium eine lebhafte Debatte statt. Zuerst ergriff der Advokat vr. Bendiener das Wort und bekämpfte den Regulirungsantrag des Stadtrathes, indem er hauptsächlich auf den historischen Charakter dieses Friedhofes hinwies. Er hob hervor, daß die Herrscher Böhmens in allen Urkunden, von denen die älteste bis zum heutigen Tage erhalten ist (das Privilegium des Königs Przemysl Ottokar II. vom März 1254), bis in die jüngste Zeit die Unverletzlichkeit des jüdischen Friedhofes garantirt und gegen jede Verletzung und Störung gesichert haben. Dem ist es auch zu verdanken, daß Prag in dem alten jüdischen Friedhofe eine historische, archäologische Denkwürdigkeit ersten Ranges besitzt, wie solche kaum eine zweite Stadt aufzuweisen hat. vr. Bendiener hatte selbst im Jahre 1866 Gelegenheit, den verstorbenen Kaiser Friedrich III. von Deutschland sammt seiner Gattin und den gegenwärtigen Kaiser