Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 809 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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809 Das kostbare Andenken war von folgendem Schreiben be gleitet: Minden, 7. Dee. 1888. „Des Kaisers und Königs Majestät haben von dem Ihnen zu Tbeil gewordenen seltenen Glücke, im October d. I. Ihr 109. Lebensjahr in körperlicher und geistiger Frische vollendet zu haben, mit lebhaftem Interesse Kenntniß erhalten und die Gnade gehabt, Ihnen Zum Andenken an diesen Tag die kleine goldene Medaille mit dem Bildnisse Allerhöchst Ihres Herrn Großvaters, des hochseltnen Kaisers und Königs Wilhelm Majestät zu verleihen. Indem ich die Ihnen Allerhöchst verliehene Medaille hier anschließe, spreche ich gleichzeitig meinen herzlichsten Glückwunsch zu dieser Auszeichnung aus, mit dem Wunsche, daß Ihnen Gottes Güte auch fernerhin die gewohnte Rüstigkeit und Irische des Körpers und Geistes erhalten möge." Der Regierungspräsident v. Pilgrim. An den Rentner- Herrn Markus Jordan, Wohlgeboren. Bielefeld. Bei dieser Gelegenheit gestatte ich mir, eines Vorganges Erwähnung zu thun, den ich als „Curiosum" bezeichnen möchte. Im vorigen Jahre wandte sich durch einen hiesigen Freund der Herausgeber einer hygieinischen Zeitschrift und Mitarbeiter vieler wissenschaftlicher Blätter mit der Bitte an mich, ihm über den alten Hrn. Jordan, seine Lebensweise rc. zum Behufe einer biographischen Lebensskizze in der „Jllustrirten Zeitung" Materialien zu liefern. Ich kam diesem Verlangen durch eine längere Reihe von Notizen nach und bemerkte unter anderem, zum Beweise der außerordentlichen Lebenskraft des Hrn. Jordan, daß derselbe an unserem höchsten Feiertage, dem Versöhnungstage, bis jetzt noch ohne jede Beschwerde „gefastet", d. h.0 vom Nachmittage des Vortages bis zum Eintritte der Nacht an dem Festtage selbst weder Speise noch Trank zu sich genommen habe. — In der „Leipziger Jllustrirte Zeitung" erschien denn in der That der in Aussicht gestellte Aufsatz in Begleitung des wohlgetroffenen Bildes des alten Jordan. Tie Mittheilung über die oben erwähnte Notiz war aber etwa folgendermaßen wiedergegeben: „Arzt und Apotheke kennt der gute Mann nicht. Wenn er einmal glaubt, sich den Magen verdorben zu haben, so fastet er einfach 24 Stunden, und Alles ist wieder in Ordnung." Und in einem größeren Aufsatze in der genannten hygieinischen Zeitschrift heißt es über diesen 1) Wie ich der Vorsicht halber hinzusetzte. , Punkt: „Die hohen jüdischen Feiertage verlebt er fastend."! — Eine so weitgehende Unkenntniß jüdischer Art und Sitte! hätte ich bei einem wissenschaftlich gebildeten Manne nicht * für möglich gehalten. Blumenau.! Königsberg i. Pr., 11. December. (Privatmitth.) Der ' „Verband der Synagogen-Gemeinden Ostpreußens" — noch immer der einzige Provinzialverband jüdischer Gemeinden -im deutschen Reiche — hat den Bericht über die 8. ordentliche Generalversammlung zu Bartenstein am 30. Sept. c. | ausgegeben. Der Verband besteht gegenwärtig aus 44 Gemeinden, da im verflossenen Jahre 2 Gemeinden dem Verbände beigetreten sind, Königsberg mit einem Jahresbeitrag von 150 M. und Sensburg mit einem solchen von 15 M. Außerdem gehören dem Verbände 235 persönliche Mitglieder an, deren Beiträge die der Gemeinden noch etwas übersteigen. In der Versammlung befanden sich 14 stimmberechtigte Vertreter von Gemeinden und zahlreiche persönliche Mitglieder. Der Verband hat jetzt ein Vermögen von 5150 M. und einen Etat von rund 1700 M. Die vornehmliche Sorge des Verbandes gehört dem Schulwesen. Unbemittelte Gemeinden werden zur Erhaltung ihres Religionsunterrichtes unterstützt; Seminaristen suventionirt, die Schuliuspection durch die vom Verbände dazu erwählten Männer Rabbiner vr. Bamberger an ihrer Spitze, eifrig und mit Erfolg durchgeführt. Außerdem hat der Verband auch eine Conferenz der Lehrer aus den Verbandsgemeinden bewirkt, welcher 35 Lehrer beiwohnten, und die einen nicht genug zu rühmenden Geist des Eifers für ihre heilige Sache und der Einsicht in die ideellen und factischen Forderungen an die Schule bekundete. Allerdings sind noch immer einige Lehrerstellen unbesetzt, namentlich solche, welche früher durch jetzt Ausgewiesene, weil nicht Preußische Unterthanen, besetzt gewesen. Doch wird diese Lücke bald ausgefüllt sein. Wir gestehen offen, daß uns die Lectüre dieses Berichtes insofern mit wahrer Befriedigung erfüllt hat, als daraus die edelste Gesinnung wackerer Männer für Religion und Gesittung und die Opferwilligkeit vieler Glaubensgenossen in schönster Weise zu erkennen ist. Der Verband besteht zumeist aus mittellosen Gemeinden, welche eher Hilfe zu beanspruchen als zu leisten haben, und dennoch wird muthig gestrebt, mit verhältnißmäßig geringen Mitteln den vorhandenen Bedürfnissen zu genügen. Ein solcher Verband gewährt den Gemeinden das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Sicherheit, die in allen Nöthen einen kräftigen Anhalt besitzt. Auf die Lehrer insbesondere übt ein solcher Verband den belebendsten Einfluß; sie fühlen sich nicht mehr abhängig von der einzelnen Gemeinde, sondern einem größeren Ganzen zugehörig, das ihnen Recht und Beistand leisten möge. Wenn häufig über den Lehrerwechsel geklagt wird, so muß man sich hierin vor Uebertreibung hüten. Der Bericht meldet z. B., daß im 51