Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 808 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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808 fassen. Das hat er bei seiner Mahnung zur Duldsamkeit gethan. Möge sie verdienter Maßen beherzigt werden, nicht nur bei jenen Stellen, gegen welche sie unmittelbar gerichtet wurde." — Berlin, 6. December. (Privatmitth.) Das definitive Resultat der Volkszählung im Deutschen Reich am 1. Dec. 1885 ist nunmehr veröffentlicht worden. (Statistik des Deutschen Reiches. Neue Folge. Bd. 32.) ^Hiernach betrug die Gesammtbevölkerung 46,855,704 Einwohner, davon waren 29,369,847 Evangelische, 16,785,734 Katholische, 125,673 andere Christen, 563,172 Israeliten und 11,278 Bekenner anderer Religionen und Confesfionslose. Die Zunahme der Evangelischen betragt seit 1871: 14,8 Procent, der Katholiken 12,9 Procent und der Israeliten nur IO Procent. Wie schon einmal in diesem Blatte bemerkt worden, findet dieser geringere Vermehrungsprocentsatz der jüdischen Bevölkerung ihre Ursache in den Ausweisungen russischer und österreichischer Unterthanen. Zählt man nämlich die circa 20,000 ausgewieseneu Juden, von welchen die große Mehrzahl bereits längere Zeit in Preußen ansässig gewesen, zur gegenwärtigen Bevölkerungszahl, so machen die Ausge-! wiesenen 3,6 Proc. aus, und die Normalziffer wäre also 13,6 Proc., demnach etwas weniger als bei den Evangelischen und etwas mehr, als bei den Katholischen. — Eine Spende von 180,000 Mark ist der Berliner jüdischen - Gemeinde, wie das „Kl. Journ." mittheilt, von einem Mitglied derselben, einem Herrn Hirsch, testamentarisch vermacht worden. Hirsch galt Zeit seines Lebens als ein so unbemittelter Mann, daß er von der Gemeinde nur zu dem geringsten Betrage der Steuer eingeschätzt worden war. Bei der Testamentseröffnung fand sich die Gemeinde als Erbin der „Hälfte des hinterlassenen Vermögens" eingesetzt; bei der Erbschaftsregulirung stellte es sich heraus, daß diese Hälfte eine Summe von 18O,OOO Mk. beträgt. Der Testator betonte in seinem Testamente, daß er aus Dankbarkeit für die ihm gewährte geringe Einschätzung und als Entschädigung für das von ihm deshalb zu wenig Gezahlte der Gemeinde das Legat vermache. Die andere Hälfte des Vermögens siel armen Verwandten anheim, denen ebenfalls die große Hinterlassenschaft ganz unerwartet kam. Berlin, 11. Dec. In der diesjährigen Versammlung des Gesammtvorstandes der „freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" wurde a. A. die Verfügung des preußischen Unterrichts-Ministers vom 18. Juni 1884, nach welcher die jüdischen Schüler für die Anfertigung der schnftlicheu Arbeiten in der Reifeprüfung vom Schreiben am Sabbath nicht dispensirt werden sollen, zur Sprache gebracht. Es wurde beschlossen, daß der Versuch gemacht werde, eine Zurücknahme, bezw. Aenderung dieser Verfügung bei dem Minister zu beantragen, und angeregt, daß der Vorsitzende, Rabbiner Hirsch, im Vereine mit anderen deutschen Rabbinern dieserhalb bei dem Minister vorstellig werden möge. Kürzlich ist nun, wie die „Laubhütte" berichtet, die § nachstehende Entscheidung des Ministers v. Goßler aus Berlin vom 15. November 1888 an den Rabbiner Hirsch ergangen: „Ew. Hochehrwürden und den Herren Mitunterzeichneten der Eingabe vom 23. October v. Js. erwidere ich auf dieselbe, daß ich mit Rücksicht auf die allgemeine Ordnung der höheren Schulen mich außer Stande finde, eine Bestimmung zu treffen, wonach bei der Einrichtung der schriftlichen Abiturienten-Prüfung die jüdische Sabbathfeier schlechthin zu berücksichtigen sei, sobald sich unter den Abiturienten Juden der strenggläubigen Richtung befinden. Uebrigens habe ich Grund anzunehmen, daß jüdische Abiturienten, welche rechtzeitig und in angemessener Weise den Anstaltsdirector mit den religiösen Bedenken bekannt machen, welche nach ihrer Auffassung aus der Verlegung von schriftlichen Prüfungsarbeiten auf den Sabbath sich für sie ergeben könnten, auf eine wohlwollende Erwägung einer solchen Mittheilung rechnen dürfen. Ich überlasse Ihnen, von dieser meiner Entscheidung den Herren Mitunterzeichnern der Eingabe Kenntniß zu geben, gez. v. Goßler. Frankfurt a. M., 12. Dec. Heute früh waren an verschiedeneu Stellen Ptacate antisemitischen Inhalts angeschlagen. Dieselben wurden alsbald von der Polizei entfernt. Bielefeld, 11. December. (Privatmitth.) Der Rentner Herr Markus Jordan hier hat am Neumondstage Cheschwan (6. October) d. I. sein 109. Lebensjahr vollendet und ist somit ohne Zweifel zur Zeit der älteste Mensch in Deutschland. Er erfreut sich verhältnißmäßig großer körperlicher und geistiger Frische, hat noch alle seine Zähne, liest kleine Schrift ohne Brille, schläft ruhig, hat guten Appetit und hat bis vor Kurzem bei gutem Wetter noch seinen täglichen, mehrstündigen Spaziergang gemacht. Nur das Gehör hat seit einigen Monaten gelitten, und die Geisteskräfte Inffen insofern eine Abnahme wahrnehmen, als er häufig nach einem begonnenen Satze sich nicht erinnert, was er hatte sagen wollen und daher manchmal verworren durcheinander spricht. Die phänomenale Erscheinung des ehrwürdigen Greises erregt die weitgehendste Aufmerksamkeit und ist sogar allerhöchsten Ortes nicht unbeachtet geblieben. Aus dem Civil- Cabinet Sr. Majestät des Kaisers kam vor Kurzem eine Anfrage an den hiesigen Oberbürgermeister, ob die in den Zeitungen enthaltenen Nachrichten über den alten Jordan thatsächlich richtig seien, und nachdem dieses bejaht worden, ist demselben heute eine goldene Medaille mit dem Bildnig weiland Kaiser Wilhelm 1. von vorzüglicher Prägung durch den Herrn Oberbürgermeister Bennemann überreicht worden, wodurch Herr Jordan hoch erfreut und sichtlich gerührt wurde.