Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 807 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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807 Deutschland. Berlin, 10. Deceu>ber. Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat von der theologischen Facultät zu Gießen das Ehrendoctordiplom der Theologie erhalten, auf welches er ein Dankschreiben an die Universität und Facultät gerichtet hat, welches sehr bedeutsame Worte, namentlich für die gegenwärtige Situation enthält. Wir unsererseits haben auf jene Erklärung des Reichskanzlers als Präsidenten des Berliner Congresses, daß Deutschland stets in allen Fragen, die Freiheit und Recht betreffen, stets für diese eintreten werde, wie sich dies auch in den Beschlüssen des Congresses bestätigt hat, ein großes Gewicht gelegt. Wir thun dasselbe hinsichtlich des Schlußsatzes des gedachten Dankschreibens. Damit man aber nicht meine, daß wir dies einseitig thäten, und es nur ein Ausfluß unserer Wünsche sei, wollen wir hier den schönen Leitartikel der „Boss. Zeitg." vom 6. Dee. wiedergeben. In dem verwirrenden Streite der Parteien ist nichts wichtiger, als einer klaren und nachdrückichen Stimme, die sich vernehmen läßt, zu einem lauten Widerhall weithin zu verhelfen. Er lautet: „Wer sich der eigenen Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und Erfahrung seine Kenutuiß der Menschen und der Dinge erweitern, duldsam für die Meinung Anderer." Der Kanzler hat oft dem deutschen Volke aus der Seele gesprochen, aber niemals mehr als mit diesen Worten, in denen er der theologischen Facultät zu Gießen seinen Dank für die Ernennung zum Ehreudoctor der Gottesgelahrtheit ausdrückt. Diese Worte sollten allenthalben unvergessen bleiben, sie sollten nirgends als leere Gelegenheitswendungen betrachtet werden. Sie sind von Bedeutung, nicht nur für die Theologie, nicht nur für den Augenblick, sondern für das gesummte öffentliche und sociale Leben." „Daß Fürst Bismarck offen und unumwunden für die von Kaiser Friedrich so oft und so warm gepredigte Duldung eintritt, ist um so bemerkenswerter, als gerade um jener edlen Eigenschaft willen der Heimgegangene Herrscher vielfach angefeindet und verketzert worden ist. Gerade weil das Wort „Duldung" in den amtlichen Kundgebungen nach dem erneuten Thronwechsel, für welche der Kanzler die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit trägt, nicht vorkam, hat man auch auf mancher Seite geglaubt, die Regierung wolle jetzt jenem Grundsätze Kaiser Friedrichs und der besten Hohenzollern entsagen und sich jener Orthodoxie zuwenden, welche in der Duldsamkeit nichts als Gleichgiltigkeit gegen die Religion oder böswillige Gottlosigkeit erblickt. Fürst Bismarck sucht die Sorge zu zerstreuen, und sagt sich damit laut und entschieden von den unduldsamen Gotteseiferern los." „Der Kanzler kennt die Tragweite seiner Worte. Er weiß, daß sie die protestantische Orthodoxie gegen ihn mobil machen werden. Wie hat nicht schon die Stöckerpresse über den theologischen. Doctorhut des Kanzlers gespottet! Wie hat sie nicht die Gießener Professoren abgekanzelt, daß sie auf den Fall Harnack anznspielen wagten! Nun denn, Fürst Bismarck rühmt sich in seinem Antwortschreiben besonders, daß sein Eintreten für die Duldsamkeit ihm die erfahrene Aus- Zeichnung eingetragen habe. Der leitende Staatsmann tritt hier offen in den von seiner Presse längst geführten Kampf gegen die Stöcker und Genossen ein, welche Harnack's Ernennung unablässig bekämpften. Für die unbefangenen Beobachter aber bedeutet dieser Brief, daß der Kanzler die Macht der Orthodoxie immerhin als gewachsen und nicht ungefährlich ansehen muß. Sonst würde er nicht persönlich gegen sie in die Schranken treten. Minima non curat praetor! Was aber den Sätzen des Kanzlers ihren höchsten Werth verleiht, ist der Umstand, daß er den allgemeinen Gedanken der Duldsamkeit nicht auf das theologische Gebiet beschränkt, sondern zur Allgemeingiltigkeit für den ganzen Geisteskampf erweitert. Fürst Bismarck hat Recht; nur wer sich der eigenen Unzulänglichkeit nicht bewußt ist, sondern sich pharisäisch überhebt, nur wer Menschen und Dinge vom engherzigsten und beschränktesten Gesichtspunkt beurtheilt, verweigert der Meinung Anderer Achtung, ist ein blinder Eiferer, der nicht zu überzeugen, sondern zu unterdrücken sucht. Was ist der Fanatismus, der so viel Unheil über die Welt gebracht hat, anderes als Hochmuth in Verbindung mit Beschränktheit? Wer den Jrrthum als des Menschen Erbtheil betrachtet und seine eigene Schwäche und Fehlbarkeit kennt, wer im bescheidenen Gemüth nur nach der Wahrheit ringt, ohne sich im unfehlbaren Besitze derselben zu dünken, der wird immer von Unduldsamkeit frei bleiben und mit Lessing sprechen: Es muß der Knurr den Knubben auch vertragen!" „Das gilt auch auf politischem, socialem und gesellschaftlichem Gebiete. Mit einem schönen Worte hat Fürst Bismarck sein Urtheil gesprochen über die Ketzerrichter, welche ganzen Parteien die Gleichberechtigung, die Vernunft und Vaterlandsliebe abstreiten wollen, über jene Kreise, welche guten Bürgern um ihrer Meinung willen Ausnahme versagen oder Mitgliedschaft entziehen, über jene gehässigen Hetzen, welche seit Jahren, wieder wesentlich unter Mitwirkung orthodoxer Priester, die bürgerliche Gesellschaft zerktüften." „Dein Kanzler ist es gegeben, bisweilen die Empfindungen der Volksseele in packende Formeln zusammen zu